Hamburg Elitesoldaten aus Eckernförde: Seit zwölf Jahren ohne Schwimmhalle
Die Soldaten sollen in der Schwimmhalle auf ihrem Stützpunkt in Eckernförde Apnoe-Tauchen üben. Die Sanierung erinnert mittlerweile eher an Apnoe-Bauen: Irgendwann war einfach die Luft raus.
Sie entschärfen Minen, springen aus Hubschraubern, schwimmen, kämpfen oder tauchen über 50 Meter tief und das weltweit, in jedem Klima und unter allen Bedingungen: Minentaucher und Kampfschwimmer gehören zu den absoluten Elitesoldaten der Bundeswehr.
Doch irgendwo müssen sie all das auch erst einmal lernen: An ihrem Stützpunkt in Eckernförde geht das seit über zwölf Jahren nicht.
Die Taucherübungshalle des Marinestützpunktes wird saniert, seit 2010 schon. Baumängel verhinderten die Inbetriebnahme, es folgten gerichtliche Auseinandersetzungen, neue Fristen, weitere bauliche Probleme. Stand jetzt soll die Halle im zweiten Quartal 2024 fertig sein. Nach dann unglaublichen 14 Jahren Sanierung.
Und die Soldaten? Fahren seither durch den Norden, um in anderen geeigneten Hallen zu trainieren. Bis Flensburg, Neustadt oder gar ins vorpommersche Parow müssen Minentaucher und Kampfschwimmer fahren, um ihr anspruchsvolles Training zu absolvieren. Denn das geht nicht einfach im Freibad nebenan, so eine Taucherübungshalle ist ein anderer Schnack.
Die Soldaten brauchen eine Wassertiefe von fünf Metern, in denen sie ohne Sauerstoff tauchen und sogar unter Wasser marschieren können. Barfuß, aber im Flecktarn und mit Bleigürteln. So lernen sie, mit nur einem Atemzug mehrere Minuten unter Belastung durchzuhalten. „Die Soldaten sind Hochleistungsmaschinen“, sagt einer, der selbst lange dabei war.
Die Wassertemperatur hat um die 32 Grad anstatt der sonst üblichen 24 – wer wie die Soldaten mehrere Stunden täglich im Becken trainiert, kühlt irgendwann aus, daher die höhere Temperatur. „Profis brauchen Profibedingungen“, sagt der ehemalige Minentaucher. „Der Körper ist alles. Er ist die Lebensversicherung.“
Schwimmen und Sport seien das A und O in der Ausbildung. Dass ausgerechnet die so massiv erschwert wird: Ein Skandal, findet nicht nur er. Wie viele Arbeitsstunden und Liter Diesel beim Pendeln zu den anderen Schwimmhallen vergeudet werden, kann man nur überschlagen.
Aber wer hat hier versagt? Wer ist verantwortlich? Liegt es an der Bundeswehr, der Justiz, der Baufirma? Fehlt es an Geld? „Es liegt nicht allein am Geld“, sagt die Wehrbeauftragte des Bundestages, Eva Högl, auf Nachfrage unserer Redaktion. „Ein Grund sind leider die Personalknappheit und zu starke Auslastung der Landesbauverwaltungen.“
Denn sie sind es und nicht die Bundeswehr selber, die für die bauliche Infrastruktur zuständig sind. Sie verwalten die Ausschreibungen, begleiten den Bauprozess, halten die Fäden in der Hand. Die Schwimmhalle in Eckernförde ist laut Högl „kein Einzelfall“. Zu viele Kasernen in Deutschland seien in einem „erbärmlichen Zustand“.
„An Einsicht fehlt es nicht“, meint Högl, allerdings brauche es „auf Länderebene die größten Anstrengungen, Bauvorhaben der Bundeswehr vorzuziehen und zu beschleunigen“. Högl hat deshalb „sämtliche Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder darum gebeten, ihre Bauverwaltungen personell aufzustocken und den Verantwortlichen die notwendige Rückendeckung zu geben, die in ihrem Land anstehenden Bauvorhaben der Bundeswehr prioritär zu bearbeiten.“ So steht es in ihrem Jahresbericht.
„Es ist richtig, dass Baumaßnahmen oftmals viel zu lange dauern“, heißt es dazu aus der schleswig-holsteinischen Staatskanzlei. „Die Gründe sind vielschichtig. Schuld sind oftmals viel zu lange Planungs- und Genehmigungsphasen. Hier müssen wir deutlich schneller werden.“ Beim Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH) sind von insgesamt 1700 Mitarbeitern 270 zuständig für die Liegenschaften der Bundeswehr.
„Die Verfahren des Bundesbaus sind sehr komplex und aufwändig, so dass ein schnelles Handeln nur eingeschränkt möglich ist“, sagt Sprecherin Barbara Müller. „Die Bauverwaltung ist ein Teil dieser komplexen Struktur. Der Bund hat erkannt, dass maßgebliche Beschleunigungen nur mit verkürzten Verfahren und weniger beteiligten Institutionen möglich sind.“ Hier liegt die Hoffnung auf einer neuen Baurichtlinie der Bundesregierung, die die Durchführung von Infrastrukturmaßnahmen künftig erleichtern soll.
„Verantwortungsdiffusion“ nennt das der ehemalige Minentaucher, der das Drama um die Eckernförder Taucherübungshalle seit Jahren verfolgt. Der Frust ist groß, die Nachwuchssorgen im Übrigen auch: Wen soll man zu dem Knochenjob eines Elitesoldaten überzeugen, wenn überall nur Verfall und Stillstand sichtbar sind? Die „Zeitenwende“, so wird deutlich, ist hier noch lange nicht angekommen.
Der Optimismus aber scheint der Bundeswehr bislang dennoch nicht abhanden gekommen zu sein: Sie sucht jetzt einen Bademeister für die voraussichtlich Mitte 2024 fertiggestellte Taucherübungshalle in Eckernförde. Dienstbeginn laut Ausschreibung: 1. Mai 2023.