Hannover So viele neue Windräder braucht Niedersachsen in Zukunft
Niedersachsen liegt schon jetzt beim Ausbau der Windkraft in Deutschland ganz vorne. Nirgendwo drehen sich mehr Windräder als in dem Bundesland. 6400 sind es derzeit. Doch laut Energieminister Christian Meyer reicht das noch lange nicht.
Die Zahl der Windräder in Niedersachsen wird in den kommenden Jahren nach Einschätzung der Landesregierung deutlich wachsen. Energieminister Christian Meyer (Grüne) sagt im Interview mit unserer Redaktion: „Realistischerweise reden wir über eine Verdopplung der Zahl an Windrädern in Niedersachsen. Damit müssten sich unsere Ziele zur Erzeugung von Ökostrom umsetzen lassen.”
Derzeit sind in Niedersachsen rund 6400 Anlagen am Netz – mehr als in jedem anderen Bundesland. „Auch beim Ausbau stehen wir gut da: Platz zwei mit knapp 100 neuen Anlagen in 2022. Und die dreifache Menge wurde genehmigt”, betont Meyer. Mehr Anlagen gingen nur in Schleswig-Holstein ans Netz.
Außerdem verrät der Grünen-Politiker im Interview, wann er die Flächenvorgaben für Windenergie veröffentlichen will: Jeder Landkreis in Niedersachsen soll einen gewissen Prozentsatz Fläche für Windkraft ausweisen. Wie viel, ist bislang unklar.
Auch Thema im Gespräch: die LNG-Infrastruktur an der Nordseeküste und die geplante Gasbohrplattform vor Borkum. Lesen Sie hier das Gespräch im Wortlaut:
Frage: Herr Meyer, Niedersachsen ist jetzt schon Primus beim Windkraft-Ausbau in Deutschland und will laut Koalitionsvertrag noch einmal deutlich zulegen. Nur: Wohin mit den Anlagen?
Antwort: Niedersachsen muss 2,2 Prozent seiner Landesfläche für Windkraft ausweisen. Das steht so im Wind-an-Land-Gesetz des Bundes. Zurzeit sind wir bei der Hälfte: 1,1 Prozent. Und diese Flächen verteilen sich sehr unterschiedlich über Niedersachsen hinweg. Die einen Landkreise haben mehr Fläche ausgewiesen, auf denen Windräder gebaut werden können. Die anderen deutlich weniger. Jede Region soll ihren Anteil zum Ausbau der erneuerbaren Energien im Land beitragen. Im Februar wird das Land seine Vorgaben präsentieren, aus denen hervorgeht, wie viel Fläche einzelne Landkreise ausweisen müssen. Das Ganze wird dann in Gesetzesform gegossen. Wir zünden den Windkraft-Turbo. Wir werden mit einem Klimaschutzvorrang Verfahren vereinfachen, Hemmnisse abbauen und die Behörden personell aufstocken, damit die Genehmigungen schneller gehen.
Frage: Über wie viele Windräder reden wir da eigentlich am Ende Ihrer Ziele?
Antwort: Wir sind mit 6400 gebauten Anlagen schon jetzt das Land mit den meisten Windrädern in Deutschland. Auch beim Ausbau stehen wir gut da: Platz zwei mit knapp 100 neuen Anlagen in 2022. Und die dreifache Menge wurde genehmigt. Wenn es um die Gesamtzahl der Windräder geht, ist es so: Die Anlagen werden immer effektiver. Sie liefern mittlerweile deutlich mehr Strom als Windräder vor 10 oder 20 Jahren. Realistischerweise reden wir über eine Verdopplung der Zahl an Windrädern in Niedersachsen. Damit müssten sich unsere Ziele zur Erzeugung von Ökostrom umsetzen lassen. Wir wollen 1,5 Gigawatt zusätzliche Leistung jährlich erreichen.
Frage: Schaut man auf die Verteilung der Lasten der Energiewende, ist Norddeutschland überproportional betroffen: Windräder, LNG, Stromtrassen und so weiter. Ist das nicht unfair im Vergleich zu Süddeutschland, wo der Ausbau stockt?
Antwort: Der Norden ist der Erzeuger der besonders günstigen erneuerbaren Energien. Der Süden setzt hingegen auf fossile Energieträger wie Gas oder Kohle, die teuer eingekauft werden müssen. Ich bin der Meinung: Niedersachsens Einsatz für die Energiewende muss zum Standortvorteil werden. Ich will als grüner Minister hier klimaneutrale Industriebetriebe wie zum Beispiel Solarindustrie ansiedeln, die sich wegen des günstigen Stroms im Norden für uns entscheiden.
Frage: Noch ist der Strom im Norden aber nicht günstiger. Die Kunden zahlen den Netzausbau mit. Was schwebt Ihnen da vor?
Antwort: Es muss einen Lastenausgleich geben. Es kann nicht sein, dass Niedersachsen durch den Ausbau der Stromnetze doppelt bestraft wird: die Flächen gehen für Leitungen verloren und die Netzausbaukosten werden im Norden umgelegt. Das muss ein Ende haben. Wenn Bayern weiter den Ausbau von Stromtrassen blockiert, soll das nicht länger zum Schaden von Niedersachsen sein.
Frage: Es ist auch in Niedersachsen nicht alles grün. Die LNG-Terminals wandeln Flüssigerdgas um, das teils per Fracking gewonnen wurde. Werden da angesichts voller Gasspeicher nicht derzeit kostspielige Überkapazitäten geschaffen?
Antwort: Die jetzigen LNG-Planungen sind ausreichend. Am Ende werden wir in Niedersachsen ein festes LNG-Terminal in Wilhelmshaven und eines in Stade haben. Die schwimmenden Terminals, die derzeit entstehen oder wie in Wilhelmshaven in Betrieb gehen, sind keine Dauerlösung. Bei aller Kritik: Wir profitieren von einem sehr milden Winter. Entsprechend voll sind die Gasspeicher. Die Szenarien aus dem Stresstest sind nicht eingetreten. Gut für uns. Aber es ist besser, für alle Fälle gewappnet zu sein. Und alle Investitionen sind Green-Gas-ready für eine klimaneutrale Infrastruktur mit grünen Gasen aus erneuerbaren Energien. Kein Bundesland investiert mehr in erneuerbare Energien, klimaneutrale Wirtschaft, grünen Wasserstoff, Netzausbau und Speicher. Allein für grünen Wasserstoff investieren Bund und Land 2,4 Milliarden Euro in Niedersachsen. Das geht von klimaneutralen Stahlwerken über große Projekte zur Wasserstoffherstellung aus Windstrom in Lingen bis hin zu Wasserstoffpipelines. Je schneller wir bei der Energiewende sind, desto weniger fossile Gase müssen wir importieren und umso schneller erfüllen wir die Klimaziele.
Frage: Die „Höegh Esperanza“, das schwimmende LNG-Terminal vor Wilhelmshaven, leitet Chlor in die Nordsee, mit dem vorher die Rohre an Bord gereinigt wurden. Ein ziemlicher Umweltfrevel, oder?
Antwort: Da gab es keinerlei Umweltrabatt. Die Grenzwerte werden eingehalten, mehr noch: Wir haben sehr strenge Auflagen zum Schutz der Umwelt erlassen. Regelmäßig wird jetzt überprüft, ob mit weniger Chlor gearbeitet werden kann und es gibt ein intensives Umweltmonitoring. Es muss kontinuierlich geprüft werden, ob es nicht doch Alternativen ohne Chlor-Einleitung gibt.
Frage: Wenn wir so gut dastehen beim Thema Gas, könnte man die Förderung von Gas in der Nordsee doch auch sein lassen? Die Grünen waren doch eh dagegen!
Antwort: Der Investor hat ja jetzt schon einige Bohrrechte zurückgegeben. Die Menge des zu fördernden Gases ist sehr gering. Wir prüfen die Genehmigungsunterlagen sehr genau. Der Schutz der Umwelt, der Natur, des Wattenmeers und der Insel Borkum ist für uns zentral. Am Ende ist es eine Entscheidung nach Recht und Gesetz. Für mich gilt: Ich halte diese Gas-Förderung aus Umwelt- und Klimaschutzgründen für nicht notwendig. Dafür müssen wir das Bergrecht im Bund ändern, um Klimaziele bei der Gas- und Ölförderung generell besser zu berücksichtigen.