Berlin Autorin Katja Lewina: „Ich brauche nicht mehr so viel Hirn, um horny zu werden“
Was kann man von seinen Ex-Freunden lernen? Autorin Katja Lewina hat für ihr Buch „Ex“ zehn Männer getroffen, mit denen sie mal etwas hatte. Im Interview erzählt die 39-Jährige, warum es dazu „eine Portion Verzweiflung“ braucht.
Sind Sie heute noch mit ihrem Ex befreundet? Laut einer Umfrage von Parship haben 47 Prozent gar keinen Kontakt mehr zu ihrem Ex-Partner, 35 Prozent haben nur sporadisch Kontakt und nur 18 Prozent sind miteinander befreundet.
„Spiegel“-Bestseller-Autorin Katja Lewina (bekannt durch ihr Bücher „Sie hat Bock“ und „Bock“) hat ein Experiment gewagt: Die 39-Jährige hat die zehn wichtigsten Männer ihres Lebens getroffen. In den Gesprächen klärt sie Fragen wie: Woran ist die Beziehung gescheitert, wie hat sich ihr Männer-Geschmack mit den Jahren verändert und gibt es da noch so etwas wie Anziehung? Auch interessant: Katja Lewina hat ein Buch über Männer und Sex geschrieben: „Bock“ – hier lesen die Rezension unseres Autors
Vorweg sei verraten: Ja! Bei einem der zehn Kerle hat es (wieder) gefunkt – und zwar so richtig. Warum das klar war, erzählt Katja Lewina im Interview. Und sie verrät, was es beim Experiment zu beachten gilt – wenn man ihr nacheifern möchte.
Hier stellt Katja Lewina alle drei Bücher auf ihrem Instagram-Profil vor:
Frage: Frau Lewina, zu Beginn ein Gedankenspiel: Was passiert, wenn sich alle Ihre Ex-Männer in einem Raum versammeln?
Antwort: Tatsächlich ist das schon passiert. Bei der Buchpremiere waren immerhin vier von den zehn Männern anwesend. Das war aber nicht so explosiv, wie man das vermuten könnte. Die fanden das lustig und schön. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich mittlerweile mit einigen von denen befreundet bin – und dass wir uns schon getroffen und herausgefunden haben, was das eigentlich mit uns war.
Frage: Wie haben die Männer aufeinander reagiert?
Antwort: Die haben sich kennengelernt und abgenickt, wie Männer das halt so machen. Da startet keiner einen Deep Talk und fragt: „Hat sie bei Dir auch immer komische Geräusche im Bett gemacht, so wie bei mir?“ So würden Frauen das vermutlich machen. Ich glaube, Männer sind tatsächlich prosaischer. Die stoßen mit einem Bier an und dann ist das auch okay.
Frage: Sie haben „die zehn wichtigsten Männer Ihres Lebens“ ausgewählt. Können denn zehn Männer im Leben einer Frau bedeutend sein?
Antwort: Die Anzahl ist absolut unbedeutend. Es gibt Menschen, die für eine längere Zeit in Beziehungen sind und weniger Partner kennenlernen. Und dann gibt es welche, bei denen sind es mehr als zehn. Ich musste beispielsweise selektieren. Bevor ich mit der Recherche angefangen habe, hatte ich noch mehr Männer im Kopf. Manche Geschichten haben sich wiederholt, manche waren beliebig. Ich vermute, dass die wenigsten von uns in der Lage sind, viele emotional ergreifende und tiefgehende Beziehungen im Leben zu führen.
Frage: Wie kann man sich das Treffen mit Ihren Ex-Männern vorstellen? Haben Sie mit dem Smartphone das Gespräch aufgezeichnet, sich Notizen gemacht? Wurden am Ende Zitate gegengelesen?
Antwort: Gedächtnisprotokoll. Solche intimen Gespräche kann man nicht führen, wenn ein Handy daneben liegt. Es hätte sich falsch angefühlt, das zu professionalisieren, auch wenn es am Ende Buchrecherche war. Das funktioniert wirklich nur über die direkte Begegnung. Am Ende habe ich aber die Texte von allen, denen es wichtig war, gegenlesen lassen.
Frage: Hat jemand das Gespräch oder Ihre Beziehung anders wahrgenommen, als Sie es aufgeschrieben haben?
Antwort: Nein, gar nicht. Das war sehr einvernehmlich. Aber es gab Situationen, in denen Männer bestimmte Details verändert haben wollten, damit sie nicht wiedererkannt werden.
Frage: Sind Autorinnen oder Journalistinnen die schlimmsten Ex-Freundinnen, weil sie immer über ihr Privatleben und somit auch über ihre Beziehungen schreiben?
Antwort: Für manche sind sie die schlimmsten, ja. Für manche sind sie die besten. Ich habe zwei Kapitel von Männern, die zu meiner Buchpremiere kommen sollten, vorgelesen. Ich habe sie aber vorher gefragt, ob das wirklich okay ist, denn ich war nicht sicher, ob sie sich vielleicht exponiert fühlen würden. Das hat die aber gar nicht gestört. Beide hielten das, ganz im Gegenteil, für eine Art Ehre.
Antwort: Auf der anderen Seite gibt Männer wie Nummer 10, die auf keinen Fall wollen, dass über sie geschrieben wird, selbst, wenn sie als Person nicht erkannt werden können. Privatsphäre fängt einfach für jeden woanders an. Für mich war Nummer 10 aber sehr wichtig – das war die Beziehung, wegen der ich überhaupt dieses Experiment angegangen bin. Also musste ich eine andere Lösung finden.
Frage: Sie beschreiben in einem Kapitel, wie sie das „Nein“ von einem Mann nicht wahrgenommen haben. Das „Nein“ bezog sich auf Geschlechtsverkehr. Gab es solche Situationen öfter – Situationen, in denen Sie ein „Nein“ nicht sehen oder nicht akzeptieren wollten?
Antwort: So etwas passiert vor allem dann, wenn man die andere Person nicht gut kennt und nicht so recht einschätzen kann, auf welche Dinge man achten muss. Mir sind im Nachhinein aber einige ähnliche Situationen eingefallen – was mir zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst gewesen ist.
Frage: Würden Sie sich selber daten?
Antwort: Ja, auf jeden Fall. Allerdings nur die Person, die ich heute bin. Wenn ich so zurückblicke, denke ich: Früher war ich ganz schön anstrengend.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Wie ich mit Schwierigkeiten in meinen Beziehungen umgegangen bin. Ich hatte durchaus ein Händchen für Typen, die einfach nicht zu mir gepasst oder mich nicht meinen Standards entsprechend behandelt haben. Statt aber Klartext zu reden, ging ich in den Gegenangriff, mit Drohungen, Vorwürfen, Provokationen. Ich habe gespürt, dass irgendwas nicht stimmt – war aber nicht in der Lage, das Problem wirklich wahrzunehmen. Das hat den Umgang mit mir ziemlich schwer gemacht. Ich würde allerdings behaupten, ich bin besser geworden.
Hier sehen Sie „Johnny“ – einen Ex-Freund von Katja Lewina. Das Foto ist ein Original, nur der Name wurde geändert:
Frage: Sie haben Ihre Ex-Partner chronologisch getroffen – hat sich der Geschmack mit den Jahren verändert und wenn ja, wie?
Antwort: Ich habe anfangs altersmäßig sehr stark nach oben gedatet. Das hat sich gehalten, bis ich etwa 30 Jahre alt war. Seitdem gibt es kaum noch Altersunterschied. Ich glaube, das liegt daran, dass ich mit den Jahren an Selbstbewusstsein gewonnen habe. Früher hatte ich immer das Gefühl, dass mich ein älterer Mann weiterbringen kann. Die hatten immer etwas, das ich nicht hatte, sei es Wissen oder einen sozialen Status. Das Finanzielle war allerdings nie mein Anreiz. Es war eher so ein „Aufschauen-Wollen“. Mir hat mal jemand einen Hang zu sympathischen Losern attestiert: ewige Studenten, Künstler, die in den Tag leben. Mit Ende 20 kam die sehr lange Beziehung mit meinem Mann hinzu, die in dem Buch auch eine Rolle spielt. Diese Beziehung hat mich sehr entspannt, was mein Dating-Verhalten angeht.
Frage: Es gibt einen Spruch, der lautet: „Als Frau in den Zwanzigern hat man Sex für den Mann, in den Dreißigern für einen selbst.“ Stimmt das?
Antwort: Früher hatte ich häufiger unverbindlichen Sex, bin aber oft leer ausgegangen. Heute habe ich weniger unverbindlichen Sex, eigentlich kaum noch, kann ihn aber mehr genießen. Ich glaube, mein Körper springt jetzt besser an, ich brauche nicht mehr so viel Hirn, um horny zu werden. Vielleicht weiß ich auch besser, was ich will. Aber ich hatte schon immer eine sehr starke und selbstbestimmte Sexualität. Selbst in meinen Zwanzigern. Zum Glück.
Frage: Sie schreiben sehr offen über Sex, beispielsweise, dass Sie „mit nichts als einem Hundehalsband aus grobem Leder um den Hals“ aufgewacht sind. Warum sind solche Details wichtig?
Antwort: Ich sehe keinen Grund, darüber nicht zu schreiben. In meinen Beziehungen hat Sexualität immer eine große Rolle gespielt. Ich glaube, das tut sie für die meisten Paare, selbst wenn sie nachlässt mit den Jahren. Aber wenn es eine Komponente gibt, die wichtig ist für diese Zeit, für diese Beziehung ist und die sinnbildlich für etwas steht – warum sollte sie ausgespart werden?
Frage: Eine Freundin von mir hat mit Anfang 20 gesagt: „Jetzt ist Schluss. Ich muss jetzt irgendjemanden aus meiner Liste heiraten!“. Gemeint sind Männer, mit denen sie mal etwas hatte. Tatsächlich heiratet sie in wenigen Monaten einen Mann aus ihrer „Liste“. Sollten wir das alle so machen und alte Beziehungen wieder aufleben lassen?
Antwort: Das ist eine sehr lustige Idee. Ich war ja auch neugierig: Ist da noch Anziehung? Aber es gab nur Vertrautheit und eine Art Wiedererkennen. Schließlich waren das Menschen, die mir mal sehr viel bedeutet haben. Aber ich hätte daraus niemals eine neue Beziehung entspringen lassen können – außer bei dem einem Mann, Paolo. Wenn so etwas passiert, ist das aber ein ganz großer Glücksgriff. Ich würde behaupten, dass 99 Prozent der Menschen, mit denen wir irgendwann mal etwas gehabt haben, für uns heute nicht mehr infrage kommen.
Frage: Apropos Paolo. Haben Sie das Experiment insgeheim nur gestartet, um sich einem bestimmten Ex-Freund wieder anzunähern?
Antwort: Ich habe Paolo getroffen, noch bevor das Experiment losging. Wir hatten genau ein Date und ich befürchte, ich war danach schon komplett hin und weg. Kann natürlich auch sein, dass die anderen deswegen schon keine Chance mehr hatten, mein kleines Herzchen zu erreichen.
Frage: Sie haben im Interview mit 1Live über Paolo gesagt „Natürlich haben wir sofort was miteinander angefangen“. Das klingt so, als sei es selbstverständlich, mit seinem Ex-Freund zu schlafen. Ist es das?
Antwort: Es ist nur selbstverständlich für diese Konstellation gewesen. Ich hatte nie verstanden, warum das mit uns beiden nicht funktioniert hat. Er war für mich ein ewiges Geheimnis. Offensichtlich wollte irgendwas in mir dieses ewige Geheimnis lösen – deswegen schlief ich natürlich sofort mit ihm. Mit anderen Männern wäre das so nicht passiert. Und das war auch nicht der Plan. Es ging mir nicht darum, etwas neu aufleben zu lassen, sondern darum, etwas über mich selbst herauszufinden.
Katja Lewina hat in der Cosmopolitan über ihren Ex Paolo (rechts auf dem Foto) geschrieben:
Frage: Im Nachwort schreiben Sie: „Also, zieht los und macht eure Listen“. Anstelle von Ex-Freunden: Wie könnte man dieses Experiment abwandeln?
Antwort: Wahrscheinlich kann man das mit allen Menschen machen, die man im Laufe seines Lebens zurückgelassen hat – seien es nun Verwandte oder Freunde. Wir alle freuen uns, meistens jedenfalls, etwas über die Menschen aus unserer Vergangenheit zu erfahren. Natürlich müssen wir nicht mit allen Leuten wieder Kontakt aufnehmen. Aber ich wette, wir alle haben ein paar Leichen im Keller – bei denen es sich lohnen würde nachzuschauen, was da eigentlich los ist.
Frage: Gibt es lustige Geschichten von Leserinnen oder Lesern, die Ihnen das Experiment nachgemacht haben?
Antwort: Es gibt viele, die mir „Ich habe Ihr Buch gelesen und direkt danach meinen Ex angerufen“ geschrieben haben – aber ich kenne niemanden, der wie ich eine ganze Ex-Liste durchgegangen ist. Es gehört schon eine Portion Verzweiflung dazu, diesen Schritt zu gehen.
Frage: Nehmen wir aber an, jemand möchte Ihnen das Experiment nachmachen. Nach welchen Kriterien wählt man seine Ex-Partner aus – erstes Mal, größter Liebeskummer, schlechtester Sex?
Antwort: Das muss jeder und jede selbst entscheiden. Es gab Männer, mit denen war ich länger oder explosiver zusammen und die haben es trotzdem nicht in das Buch geschafft, weil sie vielleicht nicht ganz so essenziell für mein Leben, für mein Voranschreiten waren.
Frage: War ein Ex gekränkt, weil er es nicht in das Buch geschafft hat?
Antwort: Ich habe mehr Menschen in Erwägung gezogen und angefragt, als ich beschrieben habe. Doch wenn es Kränkungen gegeben haben sollte, habe ich sie nicht mitbekommen.
Frage: Dann folgt vielleicht ein zweiter „Ex“-Teil?
Antwort: Die Rache der Unerwähnten.