Paris Schriftstellerin Colette: Ihr Weg von MeToo zur Emanzipation
Erst Skandalnudel, dann Nationalheilige: Colette ist die Frau der Extreme. Als Enfant terrible verstößt sie gegen Tabus, als Autorin ist sie geliebt. Vor 150 Jahren kam sie zur Welt.
Luce ist blutjung, und sie hat sich verkauft. Das junge Mädchen aus der Provinz lebt in Paris mit einem viel älteren Lebemann. Luce erduldet seine bizarren Wünsche, Züchtigungen inbegriffen. Klarer Fall von MeToo? Die Schriftstellerin Colette erzählt in ihren Romanen nicht nur viele solcher Episoden wie jene in „Claudine in Paris“ (1901), sie macht sich auch im Leben frei von falschen Abhängigkeiten. Die Frau, die als Nackttänzerin auftrat, als Autorin Welterfolge feierte und als erste Frau Frankreichs ein Staatsbegräbnis erhielt, war so unabhängig, dass ihr sogar Frauenrechtlerinnen zuwider waren.
Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, am 28. Januar 1873 geboren, kommt aus einem kleinen Ort in Burgund nach Paris. Ihr Lebensweg avanciert zur Leuchtspur einer doppelten Befreiungsgeschichte: Als Revuetänzerin bricht sie mit allen sozialen Tabus, als Autorin macht sie vor, wie eine Frau ihre eigene Stimme gewinnen kann. Ihre „Claudine“- Romane schreibt sie noch unter dem Kommando ihres ersten Ehemanns Henry Gauthier-Villars, der sich die Rechte an diesen Bestsellern sichert. Aber die junge Autorin lässt sich scheiden, schreibt auf eigene Rechnung. Ein Markenzeichen ist geboren: Colette.
Ob Claudine, Mitsou, Chéri oder Gigi: Die Namen der Heldinnen und Helden ihrer Romane sind Verdopplungen ihrer selbst. Colette schreibt Bücher, die ihrem Leben folgen. Warum auch nicht? Wer ein Leben wie Colette führt, muss sich keine Figuren und Handlungen mehr ausdenken. Ob sie 1907 den größten ihrer Skandale provoziert, als sie mit einer Frau einen Nackttanz vollführt, mit echtem Kuss auf offener Bühne? Egal. Colettes Leben ist selbst ein Roman. Es wird, wie ihre Bücher, immer wieder verfilmt, zuletzt 2018 mit Keira Knightley in der Hauptrolle.
Colette heiratet mehrmals, probiert die Liebe mit Männern wie Frauen aus, ist schon 1920 eine Berühmtheit. Erst angefeindet und nun das Kreuz der Ehrenlegion: „Ich bin stolz, gleichzeitig mit der genialen Autorin von ´Cheri` dekoriert zu werden“, schreibt Marcel Proust, Autor des Epochalwerkes „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Colette kreiert einen neuen, unverwechselbaren literarischen Ton. Sie schreibt, wie ihre liebsten Gefährten, die Katzen gehen – auf Samtpfoten. Untrüglich genau in ihren Beobachtungen, wach für jeden Zwischenton, sensibel mit jeder Geste.
Colettes Bücher wären allein deshalb als Unterhaltungsromane sträflich unterschätzt. Diese Autorin betreibt ein Projekt, das erst viel später mit Namen belegt wird, von Emanzipation bis Feminismus. Wer es will, kann es aber auch anders nennen. Lebenskunst, zum Beispiel. Abstrakte Grundsätze sind dieser Frau wider die intellektuelle und emotionale Natur. Sie folgt dem Leben mit seinen Wendungen, durchforscht Beziehungen und Verhältnisse. Sie pfeift auf Manifeste, sorgt sich lieber um das Glück im wirklichen Leben.
Als ihr 80. Geburtstag im Jahr 1953, ein Jahr vor ihrem Tod, zum nationalen Ereignis avanciert, hat sich Colette längst in die Herzen und Köpfe ihrer Landsleute geschrieben. Sie ist ein weibliches Gesicht Frankreichs im 20. Jahrhundert, so wie Modeschöpferin Coco Chanel, Philosophin Simone de Beauvoir oder Chansonsängerin Edith Piaf. Heute wird über ihre Aufnahme in das Panthéon diskutiert. Colette selbst wusste, was wichtig ist: „Was für ein wundervolles Leben ich hatte! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt“.