Osnabrück „Zwischen Welten“: Juli Zeh liest sich wie Anne Will in der Endlosschleife
Nach „Unter Leuten“ und „Über Menschen“ nun „Zwischen Welten“: Juli Zeh hat ihren Roman gemeinsam mit Simon Urban geschrieben. Ihr neues Buch handelt von Klima, Gender, Katastrophen.
Sie haben sich tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert: Theresa und Stefan haben als Studenten in ihrer Münsteraner Wohngemeinschaft nächtelang über die beste aller Welten debattiert. Zwanzig Jahre später sind sie in einer ziemlich verwickelten Wirklichkeit angekommen und haben das ungute Gefühl, sich womöglich als Liebespaar verpasst zu haben – die Bio-Bäuerin aus Brandenburg und der Kulturjournalist aus Hamburg.
Für ihr neues Buch „Zwischen Welten“ hat sich Juli Zeh mit Simon Urban zusammengetan. Gemeinsam inszenieren sie den Dialog von Theresa und Stefan als Schlagabtausch per Mail und WhatsApp. Es geht um Klima und Gender, MeToo und Ukraine-Krieg. Aktueller geht es kaum. Trotzdem: Dieser Roman ist komplett misslungen. Hier weiterlesen: Juli Zeh im Porträt.
Dabei scheinen Themen und Form perfekt aufeinander abgestimmt zu sein. Der Roman liest sich wie ein Update aller gerade geführten Zeitgeistdebatten, als wäre der Talk von Anne Will jetzt doch auf Endlosschleife gestellt. Und dann die Form. Lebt nicht auch der Leser in genau jener schnellen Taktung der sozialen Netzwerke und Messangerdienste, die nun auch dem Buch sein Tempo vorgeben?
Atemlosigkeit über 450 Seiten: Das gelingt zumindest diesem Autorenduo nicht. Das Buch wirkt auf Dauer langatmig, liest sich zäh, gerade, weil Juli Zeh und Simon Urban der Versuchung nicht widerstanden haben, alles, aber auch alles in ihrem Text verhandeln zu wollen.
„Jetzt sitze ich mit einem Cappuccino Grande aus Fair-Trade-Bohnen und Biohafermilch am Schreibtisch, unter mir liegt der Hafen in der Morgensonne, die Elbphilharmonie glänzt wie eine Krone, die man der Speicherstadt aufgesetzt hat“: Stefans Beschreibung liest sich wie die selbstverliebte Lyrik jener Medienkaste, die über dem Gendersternchen die wirklichen Fragen vergessen hat. „Irgendwie spielt ihr in eurer kleinen Blase doch ein Spiel, das nur euch selbst betrifft, und verwechselt es mit der Wirklichkeit“, blafft Theresa zurück. Sie hat den elterlichen Hof übernommen und muss morgens früh raus: Kühe statt Elphi.
Die Erinnerung an selige WG-Zeiten und das gemeinsam besuchte Proseminar der Germanisten an der Uni Münster ist schnell verflogen. Nach einer im Streit gestrandeten Wiederbegegnung reiben sich Theresa und Stefan in einem Schlagabtausch der digitalen Botschaften auf, gefangen in der Endlosschleife der immer gleichen Argumente, zerrieben vom Auf und Ab zwischen Hassmail und Liebesschwur.
Zwei, die sich mal mochten, ein Paar hätten werden können, finden sich nicht mehr. Die Debatte um Wokeness und AfD, um Russland und Klimaaktivismus ist stärker als jede Freundschaft, sie zerreibt jedes Gefühl, scheint am stärker zu sein als die angeblich stärkste aller Mächte: die Liebe.
„Denn die Linie, die uns beide trennt, durchquert das ganze Land“: Nicht nur dieses Eingeständnis aus dem neuen Roman macht klar, dass Juli Zeh in diesem Buch noch einmal recycelt, was sie bereits in ihren Bestsellern „Unter Leuten“ (2016) und „Über Menschen“ (2021) analysiert hatte – die Zerrissenheit einer Gesellschaft, in der die Milieus nicht mehr zusammenfinden. Stadt gegen Land, Genderdebatte gegen soziale Frage, Zentrum gegen Peripherie: Mehr als das Geld scheinen nun andere Bezugsgrößen die Menschen zu trennen.
Klar, dass Juli Zeh, die selbst in Brandenburg lebt, im Roman ganz offensichtlich die Rolle der Theresa übernommen hat. Simon Urban hält als Stefan dagegen. Er ist das Weichei, sie die resolute Macherin, er passt sich dem Zeitgeist der Klimaaktivisten an, um nicht bald als sehr alter weißer Mann ausgegrenzt zu werden, sie driftet in das Lager verbitterter Querdenker, taucht irgendwann in den Darktalk des Telegram-Dienstes ab.
So hip das alles klingen mag: „Zwischen Welten“ ist ein schlechtes Buch. Die Zeitgeistdebatte dreht sich auf der Stelle, die Protagonisten sind genau jene „Sprechpuppen“, die sie nach eigener Bekundung doch nicht sein wollen. Zudem ist Zeh und Urban eben kein Briefroman gelungen. Denn statt intimer Seelenschau gibt es nur ein Statementgewitter, statt überraschender Wendung einen sehr vorhersehbaren Schluss. „Zwischen Welten“ ist ein Roman von der Stange, ein Buch, das sich blendend verkaufen wird, die Lektüre aber nicht lohnt.
Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten. Roman. Luchterhand Verlag. 448 Seiten. 24 Euro.