Hannover Wollen Sie etwa die Schulnoten abschaffen, Frau Hamburg?
Über ihre neue Rolle, mehr Geld für Lehrer und Tablets für Schüler, das Abschaffen von Noten, Quereinsteiger und weniger Verwaltungsaufgaben für Pädagogen spricht Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) im Interview mit unserer Redaktion.
Niedersachsen startet eine Offensive, um Lehrern mehr Freiräume für ihre eigentlichen Aufgaben zu verschaffen. „Wir bringen gerade ein Modellprojekt Verwaltungsassistenz auf den Weg, um Lehrkräfte stärker von Verwaltungsaufgaben zu entlasten“, kündigte Kultusministerin Julia Willie Hamburg im Interview mit unserer Redaktion an.
Demnach sollen an 25 großen allgemeinbildenden Schulen Verwaltungassistenten zum Einsatz kommen. Sie sollen an ihrer Schule Aufgaben außerhalb des Unterrichtens und der Betreuung der Schüler erledigen. Dazu könne zum Beispiel das Führen von Schulgiro- und Arbeitszeitkonten, die Abrechnung von Klassenfahrten, die Aufarbeitung von Schulstatistiken oder Mitarbeit beim Datenschutz gehören. Der Aufgabenkatalog werde dabei immer individuell an die Bedarfe der Schule angepasst. Zurzeit liefen die Bewerbungs- und Auswahlverfahren. Die Kosten belaufen sich laut Kultusministerium auf rund eine Million Euro.
Unterdessen dämpfte die Ministerin die Erwartung, dass Lehrer sich in absehbarer Zeit einzig auf die Arbeit in den Klassenräumen fokussieren können. „Ich warne vor der Debatte, dass Lehrkräfte einzig und allein Unterricht machen. Die Aufgabe ist halt deutlich komplexer und Gespräche mit Eltern und Kindern gehören nun einmal zum Job dazu. Der Lehrerberuf ist nicht eindimensional auf Unterricht zu reduzieren“, stellte Hamburg klar.
Frage: Frau Hamburg, eben noch Fraktionschefin der Grünen und in der Opposition, seit Anfang November stellvertretende Ministerpräsidentin und Kultusministerin des Landes. Wie fühlt sich das an?
Antwort: Es ist schon aufregend und sehr schön, jetzt mitgestalten und die Themen voranbringen zu können.
Frage: Nicht so richtig voran geht es allerdings beim Wahlversprechen A13 als Einstiegsgehalt für alle Lehrer. Woran hängt es?
Antwort: Das Gegenteil ist der Fall: Die Vorbereitungen für eine schnellstmögliche Umsetzung von A13 laufen auf Hochtouren. A13 klingt immer einfach, ist in der Summe aber höchst komplex. Es geht ja nicht nur um die Anhebung des Einstiegsgehalts.
Frage: Sondern?
Antwort: Wir müssen auch andere Berufsgruppen und etwa Funktionsstellen mitdenken.
Frage: Lehrer mit Sonderaufgaben, die jetzt schon A13 erhalten, rutschen dann also automatisch in die nächste Gehaltsstufe und werden mit den Beförderungsstellen an Gymnasien (A14) gleichgestellt?
Antwort: Das wird man sehen, daran arbeiten wir gerade. Fest steht: Wird eine Gruppe in der Bezahlung angehoben, hat das Auswirkungen auf alle anderen, weil natürlich jemand, der eine besondere Funktion hat, nicht das Gleiche verdienen kann, wie eine Person ohne Sonderaufgaben. Das macht die Sache so komplex.
Frage: Denken Sie auch darüber nach, die Unterrichtsverpflichtung aller Lehrkräfte auf das Niveau des Gymnasiums anzuheben?
Antwort: Wir nehmen das Besoldungsgefüge in den Blick und nicht die Unterrichtsverpflichtung. Momentan ist es ja so, dass diejenigen mit A12 auch noch eine höhere Unterrichtsverpflichtung haben. Ich weiß, dass das in Niedersachsen immer wieder ein Thema ist, aber wir werden das jetzt nicht miteinander verweben.
Frage: Sie planen die Umsetzung von A13 für das Jahr 2024, ihr Parteikollege und Finanzminister Gerald Heere spricht hingegen von einer Umsetzung „in dieser Legislaturperiode”. Wann kommt A13 denn nun?
Antwort: Wir als gesamte Landesregierung stehen für die Umsetzung von A13. Dafür muss auch der finanzielle Rahmen geschaffen werden. Und es ist die Aufgabe des Finanzministers, hier auch auf die finanzielle Entwicklung hinzuweisen. Wir sind gewillt, den Einstieg in A13 mit dem ersten regulären Haushalt abzubilden – und somit schnellstmöglich.
Frage: Was wollen Sie besser machen als Ihr Vorgänger Grant Hendrik Tonne von der SPD?
Antwort: Auf jeden Fall möchte ich den Schulen mehr Freiräume geben.
Frage: Und Sie wollen die Noten abschaffen.
Antwort: Ich möchte nicht die Noten abschaffen, sondern auch an dieser Stelle den Schulen mehr freie Hand lassen. Es gibt bereits Schulen, die ohne Noten bis zur 8. oder 9. Klasse arbeiten und das möchte ich auch anderen Schulen ermöglichen. Es geht auch darum, Kindern innerhalb einer Klasse ein unterschiedliches Lerntempo zu ermöglichen. Lehrkräfte sollen auch bestimmte Themen erst später setzen und Klassenarbeiten durch mündliche Prüfungen ersetzen können. Es geht mir da um einen Baukasten von Freiräumen für Schulen und Lehrkräfte, den wir gemeinsam mit der Praxis entwickeln wollen.
Frage: Noten oder schriftliche Beurteilung, Klassenarbeiten oder mündliche Prüfung - jeder kann also künftig machen, was er für richtig hält?
Antwort: Natürlich nicht. Wir benötigen auch weiterhin Vergleichbarkeit und gemeinsame Grundlagen. Das brauchen alle Kinder. Aber es geht schon darum, zu gucken, ob sich beispielsweise nach einer Krankheitswelle eine Klassenarbeit durch eine andere Leistung ersetzen lässt. Damit haben wir in der Coronazeit gute Erfahrungen gemacht. Und es geht auch um jahrgangsübergreifendes Lernen, das an vielen Schulen wirklich gut funktioniert. Wichtig ist mir bei alledem: Es geht ums Ermöglichen und nicht ums Verordnen. Schulen sollen ihre jeweiligen Konzepte leben können.
Frage: Und würden gern mit den im Wahlkampf versprochenen Tablets für Schüler arbeiten. Aber auch das wird wie A13 erstmal nichts. Warum?
Antwort: Wir wollen die Nutzung für Tablets in der Schule für alle Kinder ermöglichen und das ist uns wichtig, auf den Weg zu bringen. Zur Umsetzung bedarf eines schlüssigen Einführungskonzeptes, das pädagogische Belange und die unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen der Schulen berücksichtigt. Die Arbeit mit Tablets an den Schulen läuft ja momentan sehr unterschiedlich. Einige haben gar keine, andere haben identische Geräte über die Schulen und wieder andere bringen ihre eigenen Tablets von zu Hause mit. Wir gucken gerade, dass wir all diesen Modellen auch Rechnung tragen, damit die Schulen sich nicht jeweils neue Konzepte überlegen müssen. Wir bereiten das also vor und schauen dann, wie wir das schrittweise einführen.
Frage: Wann kommen die ersten Tablets vom Land bei den Schülern an?
Antwort: Das hängt davon ab, wie zügig die Gespräche nun laufen und wie die Haushaltsverhandlungen laufen. Es geht auch um die Beteiligung der Schulträger. Wir haben uns das für diese Legislaturperiode vorgenommen und es wird auch kommen, aber ich kann heute seriöserweise keinen festen Zeitpunkt nennen.
Frage: Stichwort Quereinsteiger: Sie sollen helfen, dem Lehrermangel zu begegnen. Berufsverbände fürchten gleichwohl um das Ansehen der Lehrer-Ausbildung. Können Sie die Bedenken nachvollziehen?
Antwort: Quereinsteiger sind natürlich nicht die alleinige Lösung unseres Fachkräfteproblems, sondern ein kleiner Baustein. Selbst wenn wir das Modell noch etwas verstärken, ist klar, dass wir mehr grundständig ausgebildete Lehrkräfte benötigen werden.
Frage: Was wäre mit einem radikalen Modellversuch, wo an ausgewählten Schulen die Lehrer einfach Lehrer sein können, die Verwaltung und Führung nicht von ihnen, sondern von Profis in dem Bereich gemacht werden?
Antwort: Dazu bringen wir gerade ein Modellprojekt „Verwaltungsassistenz” auf den Weg, um Lehrkräfte stärker von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Dabei sollen an 25 großen allgemeinbildenden Schulen Verwaltungsassistentinnen und -assistenten zum Einsatz kommen. Sie sollen an ihrer Schule Aufgaben außerhalb des Unterrichtens und der Betreuung der Schülerinnen und Schüler erledigen, die sonst von Lehrkräften und Schulleitungen übernommen werden. Dazu kann zum Beispiel das Führen des Schulgirokontos, die Abrechnung von Klassenfahrten, Führung von Arbeitszeitkonten, Aufarbeitung von Schulstatistiken oder Mitarbeit beim Datenschutz sein. Der Aufgabenkatalog wird dabei immer individuell auf die Bedarfe der Schule angepasst. Zurzeit laufen die Bewerbungs- und Auswahlverfahren. Die Kosten belaufen sich etwa auf rund eine Million Euro. Gleichzeitig wollen wir den Fachkräftemangel dadurch kompensieren, dass wir den Schulen ermöglichen, anderes Personal einzustellen. Das gilt nicht nur für Entlastungen bei Verwaltungsaufgaben, sondern etwa auch in der IT-Administration.
Frage: Dann könnten die Lehrer sich ja voll und ganz aufs Unterrichten konzentrieren.
Antwort: Ich warne vor der Debatte, dass Lehrkräfte einzig und allein Unterricht machen. Die Aufgabe ist halt deutlich komplexer und Gespräche mit Eltern und Kindern gehören nun einmal zum Job dazu. Der Lehrerberuf ist nicht eindimensional auf Unterricht zu reduzieren.
Frage: Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat sich dafür ausgesprochen, dass die Bildungspolitik nicht mehr allein Ländersache sein sollte. Ein richtiger Ansatz?
Antwort: Wichtig ist, dass Bund und Länder an einem Strang ziehen. Dass Bildungspolitik aber in erster Linie Ländersache ist und auch bleiben sollte, stellt ja wohl niemand ernsthaft infrage.
Frage: Abschließend nochmal zu Ihnen: Sie haben zwei Kinder im Alter von neun und 13 Jahren - wie familienfreundlich ist eigentlich so ein Ministerinnenamt?
Antwort: Ich bin schon sehr dankbar, dass mein Partner mir den Rücken freihält, sonst wäre das kaum möglich. Und ich bin mit Blick auf die Vereinbarkeit froh, dass ich hier in Hannover lebe und nicht beispielsweise aus Leer nach Hannover pendeln muss.