Hamburg/Osnabrück  Hendrik Holt wieder angeklagt: Wollte er Jens Spahn mit Masken-Deal betrügen?

Dirk Fisser, Nina Kallmeier
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Von Dirk Fisser, Nina Kallmeier
| 18.01.2023 17:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wollte Hendrik Holt den ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn 2020 betrügen? Foto: dpa/Ebener
Wollte Hendrik Holt den ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn 2020 betrügen? Foto: dpa/Ebener
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Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat erneut Anklage gegen den Windenergie-Betrüger Hendrik Holt erhoben. Dieses Mal geht es allerdings nicht um Windräder - Holt verdiente Millionen mit erfundenen Windpark-Projekten. Es geht um ein Millionen-Angebot, das Holt Ex-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn unterbreiten ließ.

Die E-Mail samt Angebot im Anhang ging am 31. März 2020 um 12:05 Uhr im Postfach von Jens Spahn ein, damals noch Bundesgesundheitsminister und einer der gefragtesten Politiker Deutschlands. Corona war Dauerthema, Spahn medial dauerpräsent.

Die Pandemie brach über ein ziemlich schutzloses Land herein. Masken und Desinfektionsmittel waren knapp. Spahn bekämpfte den Mangel mit Steuermillionen und -milliarden. Es wurde gekauft, was der Markt hergab. Die Not des Staates zog auch fragwürdige Gestalten an, die von der Krise profitieren wollten.

„Lieber Jens”, schrieb der Absender dem Minister und Duz-Freund an dessen Bundestags-E-Mail-Adresse, „anbei wie besprochen unsere Möglichkeiten um benötigte Masken und auch Desinfektionsmittel zu beschaffen.”

Mit „uns” meinte der Absender offenkundig die „Holt Energy AG”, eine zu dem Zeitpunkt neu gegründete Firma des Holt-Imperiums, die in Berlin in einem Büro mit Sicht auf die Wohnung von Kanzlerin Angela Merkel logierte. Die Signatur wies das Unternehmen als „Associate Partner der Münchener Sicherheitskonferenz 2020” aus; ein Status, der einen sechsstelligen Betrag gekostet hat.

In Kopie ging das Schreiben an Firmenchef Hendrik Holt, zum damaligen Zeitpunkt noch ein vermeintlich erfolgreicher Windkraft-Unternehmer, der fantastische Geschäftsabschlüsse am Fließband produzierte. Bei Holt - noch keine 30 Jahre alt - standen Energiekonzerne Schlange, um mit ihm Geschäfte zu machen.

Heute weiß man: Holt ist einer der größten Hochstapler, den die Energiebranche in Deutschland bislang gesehen hat. Er verkaufte internationalen Konzernen teils oder komplett erfundene Windparkprojekte und kassierte dafür Millionenbeträge. Das Landgericht Osnabrück verurteilte ihn deswegen zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und acht Monaten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Kurz bevor der Mega-Schwindel aufflog, wollte der gebürtige Emsländer an der Corona-Pandemie verdienen. Davon zeugt die Mail, die sein Cheflobbyist Ende März an den Minister schickte. Holt hatte den Kontaktmann von einer großen Internetapotheke weggelockt und ihn zum Aufsichtsratsvorsitzenden seiner angeblich noch in Gründung befindlichen Aktiengesellschaft gemacht.

Der Mann verfügte über beste Drähte in die CDU. Die nutzte er jetzt für seinen neuen Finanzier: “Hendrik Holt (in CC) und ich stehen für die Zuverlässigkeit der Lieferung und der Waren ein. Hoffe, wir können helfen.”

Diese Mail an den damaligen Minister ist heute ein Beweisstück. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück geht davon aus, dass das Angebot im Anhang zumindest bezüglich der Atemschutzmasken ein Betrugsversuch war. Holt soll weder in der Lage noch Willens gewesen sein, die versprochenen mehrere Millionen Masken zu liefern.

Ihm, davon sind die Ermittler überzeugt, ging es allein darum, die eingeforderte Vorkasse einzuheimsen: Holt wollte 14 Millionen Euro von der Bundesregierung vorab für seine vermeintliche Hilfe im Kampf gegen das Coronavirus haben. Zum Vergleich: Mit seinen betrügerischen Windkraft-Geschäften verdiente er bis zum Zeitpunkt der Festnahme etwas mehr als zehn Millionen Euro.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte unserer Redaktion, dass Anklage wegen versuchten Betruges in besonders schwerem Fall erhoben worden ist. Gegen Holt. Bei seinem damaligen Chef-Lobbyisten sehen die Ermittler offenbar kein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten. Holt habe sich seiner als „vorsatzloses Werkzeug” bedient, um sich selbst um einen Millionenbetrag zu bereichern, teilt der Sprecher mit. Holts Anwalt war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Es blieb beim mutmaßlichen versuchten Betrug, weil Spahn am 5. April seinem Duz-Freund das Angebot ausschlug: „Durch unsere Partnerschaft mit deutschen Konzernen mit China-Geschäft sind wir von Tag zu Tag weniger abhängig von Angeboten, die in diesem Umfang Vorauskasse erfordern.” Auch wenn die von Holt angebotenen Produkte „ohne Zweifel (!) in Deutschland gebraucht werden”, so Spahn. Ob der Hochstapler noch andernorts derartige Angebote hinterlegen ließ, ist nicht bekannt.

Der mutmaßlich versuchte Betrug ist nicht der einzige Vorwurf, der nun gegen Hendrik Holt erhoben wird. Im Prozess wegen seines Windkraftbetruges vor dem Landgericht Osnabrück behauptete Holt auch, er habe persönlich mit Jens Spahn über das in der E-Mail genannte Angebot gesprochen. Und nicht nur das: Spahn habe sogar signalisiert, er wolle privat von dem Corona-Deal profitieren.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass diese Aussage im Prozess eine Lüge war: „Das Treffen und entsprechende Aussagen hat es nach unseren Ermittlungen nicht gegeben”, so der Sprecher. Holt habe sich vor Gericht nur entsprechend geäußert, um Aufmerksamkeit zu generieren. Die Anklagebehörde wirft ihm deswegen Verleumdung einer Person des politischen Lebens und falsche Verdächtigung vor. Spahn selbst hatte Strafantrag wegen der Holt’schen Aussagen gestellt.

Das Landgericht Osnabrück muss nun über die Zulassung der Anklage entscheiden. Kommt es zu einem weiteren Prozess gegen Holt, reicht das mögliche Strafmaß von einer Geldstrafe bis zu einer mehrjährigen Haft.

Das Windkraft-Urteil ist indes noch nicht rechtskräftig. Holt hatte die Taten vor Gericht zwar gestanden, dann aber Rechtsmittel eingelegt - ebenso wie sein ebenfalls verurteilter Bruder. Der Bundesgerichtshof prüft nun den Richterspruch aus Osnabrück. Die Urteile gegen Holts Mutter, seine Schwester sowie den großväterlichen Freund und Geschäftspartner Heinz L. sind indes rechtskräftig.

Mehr zum Fall Holt hören Sie in unserem Podcast: „Windmacher - der Fall Holt“

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