Berlin  „The Son“-Regisseur: Hugh Jackman wusste nicht, dass wir schon filmen

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 15.01.2023 17:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Dreharbeiten zu „The Son“: Regisseur Florian Zeller mit seinem Hauptdarsteller Hugh Jackman. Foto: Leonine
Dreharbeiten zu „The Son“: Regisseur Florian Zeller mit seinem Hauptdarsteller Hugh Jackman. Foto: Leonine
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Filmstart von „The Son“: Oscar-Preisträger Florian Zeller erklärt, mit welchen Techniken er das Beste aus Superstars wie Hugh Jackman und Anthony Hopkins holt.

Schon für sein Kino-Debüt gewann Florian Zeller erst den Superstar Anthony Hopkins – und dann einen Oscar. Drei Jahre nach dem Demenz-Drama „The Father“ bringt der 43-Jährige jetzt „The Son“ ins Kino. (Filmstart 26. Januar.) Im Interview erzählt der Regisseur, wie er Hugh Jackman an Bord holte – und mit welchen Tricks er seine Stars aus der Komfortzone lockt.

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Frage: Herr Zeller, Sie arbeiten zum zweiten Mal mit Anthony Hopkins zusammen. Ihr erster Film hat ihm einen Oscar eingebracht. Hat er Ihnen danach irgendein Dankeschön überreicht?

Antwort: In der Oscar-Nacht war Anthony gar nicht dabei. Es war 2021, mitten in der Pandemie, und man konnte kaum reisen. Er war in Europa geblieben – und schlief während der Gala. Als wir gewonnen hatten, habe ich angerufen und ihn aufgeweckt. Er konnte es nicht glauben. Es war für uns beide ein sehr glücklicher Moment. Auch für mich. Ich hatte „The Father“ für ihn geschrieben. Ihn jetzt gewinnen zu sehen, war profunde, intensive Freude.

Der Trailer zu Florian Zellers Hugh-Jackman-Film „The Son“:

Frage: Als Regie-Debütant sein erstes Drehbuch gleich für Anthony Hopkins zu schreiben, ist reichlich mutig. Wie haben Sie ihn dazu gekriegt, Ihr Skript auch nur zu lesen?

Antwort: Der Stoff existierte vor dem Drehbuch als Theaterstück, und vermutlich hatte er davon gehört. Wir haben für das Stück in New York einen Tony Award gewonnen. Das Stück hatte einen Ruf, ich selbst hatte als Filmemacher keinen. Für mich stand aber außer Frage, dass er das Buch nicht lesen würde; ich war so überzeugt davon, dass er in der Rolle außergewöhnlich sein würde. Also habe ich den banalsten Weg gewählt und ihm eine E-Mail geschickt. Meine französischen Produzenten haben mich ausgelacht: Da kriegst du nicht mal eine Antwort! Wir geben dir zwei Monate, und dann reden wir nicht mehr über Anthony Hopkins, sondern über den Film, den du wirklich machen wirst.

Frage: Und dann?

Antwort: Haben seine Agenten mich angerufen, weil Anthony mit mir frühstücken wollte. Also bin ich nach Los Angeles geflogen, um das wichtigste Frühstück meines Lebens zu essen. Nach den ersten Minuten war er an Bord. Es war eine schnelle, instinktive Entscheidung für ihn.

Frage: Auch Sie haben für das Drehbuch dann einen Oscar gewonnen – wegen der Pandemie allerdings in einer der traurigsten Oscar-Nächte. Es war kaum einer da. Wen haben Sie getroffen, wen verpasst?

Antwort: Ich war in der Oscar-Nacht nicht mal selbst anwesend, sondern in Paris. Sie hatten mehrere kleine Zeremonien veranstaltet, auch eine in London und eine in Paris. Im Grunde saß ich da ganz für mich allein in einem Zimmer. Es war ein unwirklicher Moment. Und ich konnte ihn nicht mit meinem Team und den Schauspielern teilen. Aber ich denke, dass ich am Ende doch eher dankbar als traurig war. Es war keine unglückliche Nacht.

Frage: Wie wirkt der Preis sich auf eine Karriere aus?

Antwort: Der Oscar hat einen sehr konkreten Einfluss: Direkt nach der Preisverleihung war mein zweiter Film finanziert. Das wäre sonst fast unmöglich gewesen. Sogar bei „The Father“ habe ich dafür zwei Jahre gebraucht. Ich hätte gedacht, dass es mit Anthony Hopkins an Bord kein Problem mehr wäre. Aber erst als Olivia Colman, meine zweite Hauptdarstellerin, ihren Oscar gewonnen hatte, ging es voran. Die Oscars haben mir also schon zweimal geholfen.

Frage: Nach dem Oscar dürfte es auch leichter gewesen sein, einen Schauspieler wie Hugh Jackman zu gewinnen. Wie kam er zu Ihnen?

Antwort: Das war ziemlich ungewöhnlich: Er hat mich gefragt. Ich bekam einen Brief von ihm, in dem stand: „Ich weiß, dass Sie ‚The Son‘ vorbereiten; wenn Sie schon mit einem Schauspieler im Gespräch sind, vergessen Sie meinen Brief. Wenn nicht, würde ich Ihnen gern in zehn Minuten erklären, warum ich die Rolle spielen möchte.“ Das hat mich in seinem Mut, seiner Ehrlichkeit und seiner Bescheidenheit sehr berührt. Also haben wir ein Zoom-Treffen gemacht, bei dem ich eigentlich gar keine Entscheidung treffen wollte. Aber nach ein paar Minuten habe ich uns unterbrochen und ihm die Rolle angeboten. Nicht wegen irgendwas, das er gesagt hätte. Es war eher der Eindruck, den ich von ihm als Mensch gewonnen hatte. Da saß kein Schauspieler, der eine Rolle wollte, sondern ein Vater und Sohn, der die Gefühle kannte, um die es mir ging. Er hatte es in sich.

Das Demenz-Drama „The Father“ brachte Zeller und Anthony Hopkins einen Oscar ein. Der Trailer:

Frage: Anthony Hopkins, Olivia Colman und im neuen Film Hugh Jackman und Laura Dern: Sie drehen mit den besten Schauspielern der Welt; auf der Bühne haben Sie sogar mit Isabelle Huppert gearbeitet. Wieso schüchtert Sie das nicht ein?

Antwort: Es kann einschüchternd sein, aber das Verlangen ist noch stärker. Es ist großartig, mit den Besten zu arbeiten. Ich sehe das eher als eine wunderbare Möglichkeit denn als Druck. Man muss solche Gefühle sowieso hinter sich lassen. Inszenieren bedeutet, in jeder Sekunde Entscheidungen zu fällen. Schüchtern geht das nicht. Es fällt mir aber auch nicht schwer. Ich liebe Schauspieler; und alles, was ich mache, kommt aus dieser Liebe und Begeisterung. Ich schreibe meine Rollen für meine Schauspieler; sie sind mein Antrieb und stehen für mich am Anfang von allem. Ich denke jetzt schon an die nächsten.

Frage: Wie könnte der nächste Film denn heißen? „Der Onkel“? „Die Großmutter“? „Die Schwiegermutter“?

Antwort: „The Father“, „The Son“ und das Stück „The Mother“ sind als Trilogie angelegt. Als Nächstes mache ich was Anderes.

Frage: Wenn man immer wieder Familiengeschichten erzählt – wird die eigene Familie einem Autor dann zum Material? Dürfen Sie alles verwenden, was privat bei Ihnen passiert? Und haben Ihre Verwandten ein Veto-Recht bei Ihren Werken?

Antwort: Das ist eine sehr delikate Frage. Und es stimmt: Ich muss wirklich darauf achten, nicht noch mehr Kummer in die Welt zu tragen. Aber ich habe noch mein Leben noch niemals eins zu eins verwendet; die Gefühle sind mir vertraut, aber wenn es um Figuren oder Szenen geht, sind meine Drehbücher immer weit in der Fiktion. Und natürlich beziehe ich meine Frau in die Arbeit mit ein. Sie ist selbst Schauspielerin, sie teilt all meine Nöte und wir diskutieren viel über meine Arbeit. Das gilt auch für meinen jüngeren Sohn, der 14 Jahre alt ist und Filme sehr liebt.

Frage: Was ist ein guter Film, um ihn mit einem 14-Jährigen zu gucken?

Antwort: Mit 14 Jahren ist man an einem wunderbaren Punkt im Leben, an dem man auf einmal ganz viele Romane und Filme entdeckt. Auf einmal wird das Leben ungeheuer schwierig und schmerzhaft – und gleichzeitig so interessant. Zuletzt haben wir zusammen den Film gesehen, der mich selbst am meisten beeinflusst hat: David Lynchs „Mulholland Drive“, eine labyrinthische Geschichte, ein Puzzle, das man als Zuschauer selbst zusammensetzen muss. Man muss beim Zusehen sehr aktiv sein und sich selbst und sein Unterbewusstsein mit einbringen, damit der Film etwas bedeutet. Das mag ich: Der Zuschauer ist ein Teil der Geschichte. Und jetzt kennt mein Sohn ihn auch.

Frage: Ihr Film ist einem Gabriel gewidmet. Ist das Ihr Sohn?

Antwort: Ja, aber der andere. Der ist 24 Jahre alt und selbst Schauspieler. Und er mochte den Film. Es ist nicht so, dass er unsere persönliche Geschichte erzählt, aber er berührt Gefühle, die wir im wirklichen Leben miteinander teilen.

Frage: Anthony Hopkins spielt ihren beiden Filmen unterschiedliche Figuren, die beide seinen realen Vornamen tragen. Und wie im Film scheint er auch privat ein rauer Vater zu sein – er hat einmal gesagt, dass er keinerlei Kontakt zu seiner Tochter hat. Nutzen Sie das Privatleben Ihrer Stars?

Antwort: Es stimmt, beide Figuren heißen Anthony. Beim ersten sollte er dadurch spüren, dass das Buch für ihn persönlich geschrieben wurde. Aber ich wollte auch Wirklichkeit und Fiktion vermischen. Er sollte sich seiner eigenen Sterblichkeit stellen – ohne den Schutz, den eine fiktive Figur bietet. Nachdem er in „The Father“ den dementen Mann gespielt hat, wurde ich oft gefragt, ob es ihm gut geht; weil die Leute die Demenz für bare Münze genommen haben. In „The Son“ spielt er jetzt aber wieder den Mann, den wir von ihm kennen: einen grausamen Menschen, der alles komplett kontrolliert.

Frage: Wenden Sie noch andere Strategien an, um die Darsteller in ihre Rolle reinzutricksen?

Antwort: Ja, sicher. Schauspieler zu führen ist eine Kombination aus Liebe und Fürsorge, aber manchmal auch aus Strategie und Manipulation. Ich muss eine Situation herstellen, in der etwas Besonderes passieren kann. Das Wichtigste ist für mich, am besten gar nicht zu proben, damit die Schauspieler sich nicht zu wohl fühlen. Sie sollen nicht wissen, was sie tun und erst gemeinsam entdecken, was in der Szene passiert.

Frage: Verwenden Sie dann immer gleich die erste Aufnahme oder drehen Sie viele Varianten nacheinander?

Antwort: Das kommt drauf an. Manchmal lasse ich schon vorher bei den technischen Proben heimlich die Kamera mitlaufen und nehme dann das. Die Schauspieler wissen dann gar nicht, dass ich sie schon aufnehme.

Frage: Bei was für einer Szene war das so?

Antwort: Eigentlich habe ich das fast immer so gemacht. Es hilft den Schauspielern, ihre Selbstbeobachtung auszuschalten. Amerikanische Schauspieler sind in der Regel übervorbereitet, meistens zum Vorteil der Rolle. Aber in meinen Filmen geht es um Figuren, die die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Da passt das nicht.

Frage: Einige der größten Hollywood-Schauspieler erarbeiten ihre Rollen nicht nur mit dem Regisseur, sondern mit eigenen Schauspiel-Coaches. Wie finden Sie das?

Antwort: Ich war dieser Situation noch nie ausgesetzt und bin mir auch nicht sicher, ob ich das erlauben würde. Es ist in den USA sehr verbreitet ist, aber gar nicht meine Methode. Es wird künstlich, wenn jemand zwischen dem Regisseur und dem Schauspieler steht. Und dann geht es nicht mehr um die Wahrheit, sondern um Macht.

Frage: Herr Zeller, hinter Ihnen hängt ein Gemälde. Sammeln Sie Kunst?

Antwort: Ich sitze hier in einem Büro, nicht bei mir zu Hause; ich liebe Bilder, aber ein Sammler bin ich nicht. Höchstens, wenn es um kleine Dinge geht.

Frage: Was denn für welche? Klauen Sie Erinnerungsstücke von Ihren Sets?

Antwort: Viele Jahre habe ich mich überhaupt nicht für Dinge interessiert. Alles Materielle war mir egal. Inzwischen entdecke ich aber eine immer stärkere Liebe zu Objekten, und das wegen des Theaters. Da habe ich erfahren, was für eine Bedeutung Dinge und Orte haben. Deshalb habe ich jetzt viele, viele Dinge, die niemandem etwas bedeuten – nur mir.

Frage: Verraten Sie eins!

Antwort: Als ich „The Son“ in Paris auf die Bühne gebracht habe – eine Geschichte, die mir wirklich wichtig war – hatte ich massive Angst vor den Reaktionen. Vor der Vorstellung hat mir eine der Frauen vom Einlass, eine Polin, mir eine Art Holz-Ei geschenkt, das sie selbst bemalt hatte. Dieses reizende Geschenk habe ich während des gesamten Abends in meiner Hand gehalten. Und das sehr fest, weil ich so nervös war. Und am Ende habe ich festgestellt, dass ich das Bild jetzt auf meiner Handfläche hatte. Das Stück wurde sehr, sehr gut aufgenommen. Natürlich lag das am Ei; seit diesem Moment kann ich mir keine Vorstellung mehr ohne das Ei ansehen. Einmal hatte ich es vergessen und bin zurückgefahren, um es schnell noch zu holen. Offensichtlich bin ich abergläubisch.

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Frage: Machen Sie Ihren Schauspielern Premierengeschenke? Was habe Sie zum Beispiel Hugh Jackman geschenkt?

Antwort: Nichts. Das ist eher eine Theatersache.

Frage: Mit Isabelle Huppert haben Sie am Theater gearbeitet. Was hat die bekommen?

Antwort: Sie hat kein Geschenk bekommen, jedenfalls keinen Gegenstand. Ich habe ihr einen Brief geschrieben, und in dem habe ich ihr ein Versprechen gemacht. Leider kann ich nicht verraten, welches.

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