Hamburg  Herr Bauernpräsident, wann sinken die Lebensmittelpreise endlich wieder?

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 14.01.2023 05:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bauernpräsident Joachim Rukwied spricht über den Zustand der Landwirtschaft in Deutschland: Die Auswirkungen des Ukraine-Krieges und steigende Energiepreise machen den deutschen Bauern zu schaffen. Foto: dpa/Jan Woitas
Bauernpräsident Joachim Rukwied spricht über den Zustand der Landwirtschaft in Deutschland: Die Auswirkungen des Ukraine-Krieges und steigende Energiepreise machen den deutschen Bauern zu schaffen. Foto: dpa/Jan Woitas
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Lebensmittel sind im Supermarkt so teuer wie nie. Wann sinken die Preise wieder? Bauernpräsident Joachim Rukwied hat keine guten Nachrichten für Verbraucher. Weder in Sachen Inflation noch bezüglich Erdbeeren und Spargel. Warum, verrät er im Interview.

Bauernpräsident Joachim Rukwied macht den von der Inflation geplagten Verbrauchern wenig Hoffnung. 2023 wird seiner Einschätzung nach ein weiteres Jahr der hohen Lebensmittelpreise. Im Interview mit unserer Redaktion sagte er: „Ich sehe da kurzfristig kein Signal der Entspannung. Lebensmittel herzustellen ist nach wie vor sehr teuer.” Das gelte für Landwirte ebenso wie die Verarbeiter landwirtschaftlicher Produkte.

Rukwied verwies darauf, dass Düngemittel 3,5 mal und Sprit doppelt so teuer seien wie vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Entsprechend hoch seien auch die Produktionskosten. „Daher gehe ich nicht davon aus, dass in diesem Jahr die Lebensmittelpreise im Supermarkt sinken. Die Landwirte brauchen die höheren Preise, um die nächste Ernte vorfinanzieren zu können.“

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Frage: Herr Rukwied, Lebensmittel sind im Zuge der Energiekrise und des Ukraine-Krieges so stark gestiegen wie noch nie. Nun sinken Energiepreise wieder. Wann werden Lebensmittel wieder billiger?

Antwort: Ich sehe da kurzfristig kein Signal der Entspannung. Lebensmittel herzustellen ist nach wie vor sehr teuer. Das betrifft den gesamten Prozess in der Kette. Dünger beispielsweise ist im Vergleich zum Vorkriegsniveau immer noch 3,5 mal so teuer, Sprit schlägt mit dem Faktor 2 zu Buche. Daher gehe ich nicht davon aus, dass in diesem Jahr die Lebensmittelpreise im Supermarkt sinken. Die Landwirte brauchen die höheren Preise, um die nächste Ernte vorfinanzieren zu können.

Frage: Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges, wackelte unmittelbar die Versorgung mit Düngemitteln in Deutschland. Es wurde vor deutlichen Ernteeinbußen gewarnt. Ist dieses Szenario abgewendet?

Antwort: Nein. Die Düngerversorgung steht nach wie vor auf sehr fragilen Füßen. Das Angebot ist knapp, der Preis immer noch sehr hoch. 

Frage: Es wurde die Schaffung einer nationalen Düngerreserve gefordert. Braucht es die?

Antwort: Wenn wir über Versorgungssicherheit sprechen, gehören Düngemittel dazu. Der Staat sollte da eine Reserve anlegen, ähnlich wie beim Öl. Für den Fall der Fälle sollte Deutschland besser gerüstet sein als bislang. 

Frage: Wo lohnt sich die Produktion für Landwirte denn nicht mehr? In den Niederlanden bleiben Gewächshäuser beispielsweise einfach leer. Passiert das auch in Deutschland?

Antwort: Das passiert auch hierzulande. Es bleiben manche Gewächshäuser leer, weil sich die Produktion aufgrund der exorbitant gestiegenen Energiekosten schlicht nicht mehr lohnt. Das beschäftigt die Branche gerade sehr und das wird mittelfristig dann auch im Supermarkt zu spüren sein, weil heimisches Obst und Gemüse fehlen. Auf den Feldern belastet auch der gestiegene Mindestlohn von 12 Euro, dort wo Erntehelfer benötigt werden. 

Frage: Welche Kulturen stehen vor dem Aus?

Antwort: Viele Bauern fragen sich gerade: Kann ich zukünftig noch Erdbeeren oder Spargel anbauen? Vergangenes Jahr wurden Erdbeer- und Spargelflächen gar nicht mehr abgeerntet. Im Supermarkt lag dann Spargel aus Italien für drei Euro das Kilogramm. Für so einen Preis können sie bei uns nicht stechen. Es ist eine reelle Gefahr, dass in Deutschland die Spargel- und Erdbeerproduktion verschwindet.

Frage: Eine Warnung, die auch bezüglich der Tierhaltung zu hören ist. Ist das nicht übertrieben?

Antwort: Die Zahlen sind da sehr deutlich: Die Schweinehaltung geht weiter massiv zurück. Binnen eines Jahres haben 1900 Bauern ihre Schweineställe geschlossen. Es gibt noch 16.900 Betriebe mit Schweinen in Deutschland. Als Vergleich: In meinem Heimat-Bundesland Baden-Württemberg gab es Jahr 2000 noch 20.000 Betriebe mit Schweinen.

Frage: Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Tierhaltung zukunftsfest aufzustellen.

Antwort: Wir Bauern wollen die Tierhaltung in Deutschland weiterentwickeln. Aber das können wir nicht alleine leisten. Das, was die Bundesregierung und Minister Özdemir da planen, ist kein Zukunftsprogramm für die Tierhaltung, das ist ein Abbauprogramm. Es bietet den Bauern keine echte Perspektive. Es ist weder geklärt, wie der Umbau finanziert werden soll. Noch sind die Vorgaben für die Ställe praxistauglich. Es fehlt an vielem.

Frage: Keine Erdbeeren, keine Schweine - aber Energie! Die Ausbaupläne der Bundesregierung für Erneuerbare sind doch ein Segen für Landwirte. Windräder, Solaranlagen und so weiter brauchen Platz. Den haben Landwirte…

Antwort: Ja, die erneuerbaren Energien sind eine Chance für einen Teil der Landwirte. Aber der Ausbau birgt auch Risiken: Um die Energieziele der Bundesregierung umzusetzen, werden 80.000 Hektar Fläche benötigt. Die fallen dann im Zweifelsfall weg für die landwirtschaftliche Produktion. Schon jetzt geht jeden Tag 52 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren, etwa weil Straßen oder Häuser gebaut werden. Wir brauchen jeden Hektar, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten.

Frage: Also keine Solaranlage auf dem Acker?

Antwort: Solaranlagen gehören zunächst einmal aufs Dach. Da ist noch sehr viel Platz. Im nächsten Schritt bieten sich Flächen wie Parkplätze an. Und erst an dritter oder vierter Stelle sollten landwirtschaftliche Flächen in Betracht gezogen werden, aber nur solche mit einer schlechten Bodenqualität.

Frage: Ob es so kommt? Investoren-Geld ist im Zweifelsfall verlockender als die mühsame Feldbestellung…

Antwort: In Teilen wird das wohl so sein. Das ist ein großes Thema in der Landwirtschaft. Was man nicht vergessen darf: Viele Landwirte haben das Land, das sie bearbeiten, nur gepachtet. Das gehört also jemand anderem. Kann der Bauer seinem Verpächter den Preis zahlen, den Solar-Investoren bieten, um an die Flächen zu kommen? Im Zweifel nicht und dem Bauern wird die Existenzgrundlage entzogen. Auf manchen Betrieben geht da regelrecht die Angst um.

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