Wittenberge  87-Jährige wartet acht Stunden vergeblich auf einen Arzt

Hanno Taufenbach
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Von Hanno Taufenbach
| 10.01.2023 21:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Acht Stunden hat eine 87-jährige Patientin in der Notaufnahme eines norddeutschen Krankenhauses warten müssen. Foto: Martina Kasprzak
Acht Stunden hat eine 87-jährige Patientin in der Notaufnahme eines norddeutschen Krankenhauses warten müssen. Foto: Martina Kasprzak
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Acht Stunden hat Marianne Wollenberg in der Notaufnahme eines norddeutschen Krankenhauses gesessen. Die Frau ist 87 Jahre alt. Behandelt wurde sie nicht. Medizinisch ist das zu begründen, aber menschlich nicht, erklärt die Klinik.

Der Fall klingt absurd, ist aber wahr, wie alle Beteiligten einräumen. Acht Stunden hat die 87-jährige Marianne Wollenberg im Wartebereich der Notaufnahme im Kreiskrankenhaus Perleberg (Brandenburg) gesessen. Behandelt wurde sie nicht. „Schließlich habe ich meine Tante wieder nach Hause geholt“, sagt Frauke Spiller-Witt. Sie wendet sich an den „Prignitzer“, will dieses Thema öffentlich machen.

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Es war der 29. Dezember. Die Hausärztin habe die sofortige Einweisung ins Krankenhaus veranlasst, der Pflegedienst kümmerte sich um den Transport von Wittenberge (Mecklenburg-Vorpommern) nach Perleberg, schildert Spiller-Witt den Beginn der mehrstündigen Wartezeit gegen 11.30 Uhr. Vergeblich habe sie auf eine Nachricht ihrer Tante gewartet und griff dann um 15.15 Uhr selbst zum Telefon.

„Ich rief die Zentrale des Krankenhauses an, wollte wissen, auf welcher Station meine Tante liegt. Die Antwort habe sie schockiert: Sie sitze noch in der Notaufnahme. Zu dieser durchgestellt, erhielt Spiller-Witt die Bestätigung und wurde gebeten, in einer halben Stunde erneut anzurufen.

„Gesagt, getan, jedoch ohne Erfolg“, so Spiller-Witt über ihren zweiten Versuch. Der Dritte folgte eine Stunde später. Wieder bekam sie über die Zentrale Kontakt zur Notaufnahme. Ein Pfleger habe ihr erklärt, dass die Notaufnahme überlastet sei, Krankenwagen in schneller Folge vorfahren würden. Seine Bitte: in einer halben Stunde erneut anzurufen.

„Um 17.15 Uhr rief ich wieder an und bekam die Information, dass Marianne Wollenberg noch immer im Wartebereich der Notaufnahme sitzt.“ Zu dem Zeitpunkt waren es bereits sechs Stunden gewesen. Gegen 19.05 Uhr habe sie sich ein weiteres Mal erkundigt und noch immer konnte man ihr keine andere Auskunft geben. „Da stand für mich fest, ich hole meine Tante wieder nach Hause“, sagt Frauke Spiller-Witt.

Zurück bleiben viele Fragen: Nach welchen Kriterien werden die Patienten in der Notaufnahme behandelt? Ist das ein normaler Zustand? Ist es zu verantworten, eine 87-jährige Frau so lange warten zu lassen und das ohne eine Essensversorgung? Spiller-Witt wandte sich mit ihrem Schreiben nicht nur an unsere Redaktion, sondern zeitgleich auch an das Krankenhaus, wie dessen Geschäftsführer Karsten Krüger bestätigt.

„Menschlich ist der Vorfall nicht akzeptabel. Das müssen und werden wir intern auswerten“, sagt Krüger. Es sei gelungen, den Fall zu recherchieren und er könne die Aussagen von Frauke Spiller-Witt bestätigen. Der 29. Dezember sei aber kein normaler Tag gewesen.

Im Durchschnitt kommen innerhalb von 24 Stunden 20 bis 25 Patienten in die Notaufnahme. „An diesem Tag waren es allein in jenen acht Stunden 42 Patienten gewesen“, sagt Krüger. Das erkläre die Aussagen der Mitarbeiter, man sei voll gelaufen. Innerhalb kürzester Zeit müsse jeder dieser Patienten beurteilt werden, müsse über die nächsten Schritte entschieden werden.

Dabei werde streng nach medizinischen Kriterien abgewogen. Akut gefährdete Patienten bekommen die Farbe Rot zugewiesen, Gelb und Grün alle anderen. „Im Fall von Frau Wollenberg war es eine grüne Einstufung“, schildert Karsten Krüger die Situation.

Eigentlich hätte aber auch sie dann irgendwann einmal an der Reihe sein müssen. Dazu sei es nur nicht gekommen, weil ständig neue Patienten ankamen. „Mehrfach war ein Arztgespräch mit ihr geplant, doch dann mussten wieder andere, neue und dringendere Fälle zuerst behandelt werden“, erklärt Krüger.

Medizinisch hätte das Team der Notaufnahme alles richtig gemacht. „Es hat aber ein fehlendes Gefühl für die 87-Jährige Frau gegeben“, räumt Krüger ein und sagt: „Für dieses Warten und die Unannehmlichkeiten möchten wir uns entschuldigen.“

„Ja, diese Entschuldigung hat es gestern telefonisch gegeben“, bestätigt Frauke Spiller-Witt. Sie habe sich gefreut, dass die Klinik ihre Hinweise und Kritik nicht ignoriere, sondern reagiere. „Die Mitarbeiter waren am Telefon freundlich geblieben, der Fall meiner Tante ist eine Momentaufnahme. Mir geht es auch nicht um die einzelne Klinik, sondern um das Gesundheitssystem insgesamt“, sagt Spiller-Witt.

Karsten Krüger sieht ebenfalls strukturelle Probleme, die nicht nur sein Haus betreffen. „Zwischen den Feiertagen waren viele Arztpraxen geschlossen“, schildert er die Ausgangssituation. Grundsätzlich kommen in solchen Situationen mehr Menschen direkt in die Notaufnahme. Sei es aus eigenem Antrieb heraus oder wie in diesem Fall durch die Entscheidung eines Hausarztes.

Die Notaufnahmen seien darauf aber nicht vorbereitet. Unter den 42 angelieferten Patienten seien auch welche aus anderen Landkreisen gewesen. Teilweise hätten bis zu vier Rettungswagen gleichzeitig vor der Notaufnahme gestanden. Für das gesamte Personal bedeute das eine extrem hohe Belastung.

Krüger spricht noch einen Aspekt an: „Wenn medizinisch eine stationäre Aufnahme nicht nötig ist, dürfen wir diese auch nicht machen.“ Anderenfalls drohen der Klinik Geldstrafen, sollte der Fall bei einer der regelmäßigen Kontrollen beanstandet werden. Es gebe für solche Situationen einfach nicht ausreichend medizinische Kapazitäten außerhalb der Klinik.

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