Integration in Friedeburg  Syrerin gibt anderen Flüchtlingen Starthilfe

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 06.01.2023 21:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Valentina Kojar sprach bei ihrer Ankunft in Friedeburg vor achteinhalb Jahren kein Wort Deutsch. Heute hilft sie anderen Frauen, die wichtigsten Grundlagen zu erlernen, damit diese sich verständigen können. Foto: Ullrich
Valentina Kojar sprach bei ihrer Ankunft in Friedeburg vor achteinhalb Jahren kein Wort Deutsch. Heute hilft sie anderen Frauen, die wichtigsten Grundlagen zu erlernen, damit diese sich verständigen können. Foto: Ullrich
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Valentina Kojar kam als Flüchtling nach Friedeburg und sprach kein Wort Deutsch. Heute unterrichtet sie andere Frauen. Jeder darf einbringen, was er kann – das ist das Rezept der Gemeindesozialarbeit.

Friedeburg - Die Tür zum Büro im Friedeburger Jugend- und Sozialtreff ist selten zu. Nur vertrauliche Gespräche finden hinter verschlossenen Türen statt. Ansonsten geht es hier lebhaft zu, wenn Sabrina Feldmann und Ina Sibin von der Gemeindesozialarbeit im Haus sind. Vormittags ist soziale Sprechstunde. Für alle. „Hier kann eigentlich jeder kommen“, unterstreicht Feldmann. Ehrenamtliche mit Angeboten, aber auch Migranten mit Fragen und Problemen. Mehr als 600 Ausländer, darunter etwa ein Viertel aus der Ukraine, meldet das Einwohnermeldeamt der Gemeindeverwaltung mit Stand Ende November für Friedeburg. Manche sprechen noch kein Deutsch, kennen die Bürokratie nicht. Darum ist es Feldmann wichtig, dass die Hemmschwelle ganz niedrig ist. „Wir haben immer Tee und Kaffee da – das macht ganz viel aus.“

Reden, koordinieren, Bedarfe erkennen: So beschreibt Feldmann ihr Aufgabenspektrum. Oder noch einfacher: „Wir sind einfach da.“ Und dann ginge es darum, die Menschen miteinander zu vernetzen: Sommerfeste, Weihnachtsfeiern und andere Veranstaltungen sowie regelmäßige Angebote bringen neue und alteingesessene Friedeburger zusammen. „Es funktioniert auch nur so gut, weil wir so viele Menschen haben, die sich einbringen.“ Einheimische wie die Akteure der Tafel oder die Gruppe „Ich schenke dir Zeit“ im Friedeburger Gemeindezentrum „Zum Guten Hirten“, wo schon 2015 mit Beginn der letzten großen Flüchtlingswelle Deutschunterricht stattfand. Dort wird bis heute gemeinsam gelernt, gekocht, gegessen, geredet und gelacht.

Chancen schaffen

Aber auch Migranten, die positive Erfahrungen weitergeben wollen, sind dabei. Eine gut vernetze Sozialarbeit kann weite Kreise ziehen. „Grundsätzlich kann jeder, der etwas anbieten möchte, sich melden“, sagt Feldmann. Die Idee geht auf, es gibt verschiedenste Angebote: „Von A bis Z ist alles dabei.“ Freitags treffen sich beispielsweise Frauen zum Näh-Café – unter Anleitung einer Schneiderin aus Tschetschenien. Eine Fitnesstrainerin aus der Ukraine macht Sportangebote. Und dann ist da Valentina Kojar. Im Jahr 2015 kam sie wie viele andere Syrer mit ihrer Familie nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen – und heute vermittelt sie anderen Frauen die Grundlagen der Sprache.

Auch Deutsche Traditionen wie das Backen von Neujahrskuchen stehen auf dem Stundenplan von „Mama lernt Deutsch“: Youf Pari (von links) mit Valentina Kojar, Matascha-Milena Gellings, Sabrina Feldmann, Merle-Sophie Asche, Maya Schoon, Ragaa Awod Alla und Yariva Bilal mit Heva. Foto: Ullrich
Auch Deutsche Traditionen wie das Backen von Neujahrskuchen stehen auf dem Stundenplan von „Mama lernt Deutsch“: Youf Pari (von links) mit Valentina Kojar, Matascha-Milena Gellings, Sabrina Feldmann, Merle-Sophie Asche, Maya Schoon, Ragaa Awod Alla und Yariva Bilal mit Heva. Foto: Ullrich

Sabrina Feldmann habe sie gefragt, ob sie für den Sprachkurs „Mama lernt Deutsch“, den die Gemeinde Friedeburg als Kooperationspartner der Wittmunder Kreisverwaltung anbietet, übernehmen möchte. „Ich helfe gern – weil ich auch in dieser Situation war. Es ist schwierig, nach Deutschland zu kommen.“ Kojar vermittelt erste sprachliche Grundlagen: das Alphabet, Zahlen, dazu „einfache Wörter, die man im Alltag braucht“, erklärt sie am Rande des Unterrichts. Valentina Kojar begegnet ihren Schülerinnen auf Augenhöhe, kennt viele der Dinge, die die Frauen aus Syrien, Afghanistan oder dem Sudan bewegen: die kleinen Kinder, die Flucht vor dem Krieg im Heimatland, die Herausforderungen, die das Leben in einem kulturell so andersartigen Land als dem ihren mit sich bringt. Syrer (79) machen derzeit neben Ukrainern (149) und Polen (99) zahlenmäßig den größten Anteil am Ausländeranteil der Gemeinde aus.

Angekommen in Friedeburg

Die Syrerin selbst besuchte zwei jeweils sechsmonatige Deutschkurse in Wittmund, erinnert sie sich. Das war nur die Basis: „Ich habe durch Kontakte Deutsch gelernt, nicht durch die Schule.“ Die 36-Jährige ist Mutter zweier Töchter. Für die meisten Frauen mit kleinen Kindern kommen reguläre Sprachkurse allerdings gar nicht in Frage, solange die Kinder keinen Betreuungsplatz in Kita oder Krippe haben. Viel Zeit vergeht, in denen die Frauen zumeist isoliert in ihren Familien leben. Bei „Mama lernt Deutsch“ können schon die Kleinsten mit. Während die Frauen lernen, wird der Nachwuchs nebenan betreut. Bis zu vier Kinder pro Frau sind es derzeit. Natascha-Milena Gellings und ihre Kolleginnen haben gut zu tun: Einige der Kinder sind mit nur wenigen Monaten das erste Mal dabei.

Kaum älter war die heute zehnjährige Tochter Kayana von Valentina Kojar und ihrem Mann Hikmat Krad, als die Aleppo verließen. „Es war immer Krieg“, erinnert sich die junge Frau traurig. „Meine Eltern und Familie habe ich seit 2013 nicht gesehen.“ Ihren Vater noch länger. Auch zu dessen Beerdigung konnte sie nicht nach Syrien reisen. Die Kurdin war mit ihrer kleinen Familie 2014 über die Türkei, Bulgarien und Griechenland geflohen. Nach Deutschland kamen sie in der Hoffnung, in Frieden leben zu können. Vom Grenzdurchgangslager Bramsche aus brachte der Zufall die Familie nach Friedeburg. Und hier fühlen sie sich wohl, unterstreicht Kojar. Ihr Mann, eigentlich Fotograf, repariert und verkauft mittlerweile Fahrräder. Mit Meyav erblickte vor fünf Jahren die zweite Tochter das Licht der Welt. Valentina Kojar ist angekommen in Ostfriesland. Jetzt leistet sie ihren Beitrag, damit das auch anderen gelingt.

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