Kartepe  Warum Attila Hildmann immer noch frei ist – und was Erdogan damit zu tun haben könnte

Jakob Patzke
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Von Jakob Patzke
| 02.01.2023 18:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Seit gut zwei Jahren hält sich Attila Hildmann in der Türkei auf. Foto: imago images/Christian Thiel
Seit gut zwei Jahren hält sich Attila Hildmann in der Türkei auf. Foto: imago images/Christian Thiel
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Im Oktober machte ein Rechercheteam den radikalen Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann in der Türkei ausfindig. Doch der einstige Star-Koch ist noch immer nicht an Deutschland ausgeliefert. Wie kann das sein?

Zunächst schien es ein großer Coup zu sein: Ein Team aus Journalisten des „Stern“ und Hobby-Detektive der Gruppe „Hildbusters“ fanden nach langer Suche im Oktober des vergangenen Jahres den untergetauchten Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann. In der türkischen Stadt Kartepe, rund 100 Kilometer südöstlich von Istanbul, hatte er Unterschlupf gefunden. Und dort hält er sich offenbar immer noch auf.

Nicht wenige dürften erwartet haben, dass kurz nach diesem Fahndungserfolg der Zugriff durch die Behörden erfolgen würde. Doch dazu ist es bislang nicht gekommen. So nahm weder die türkische Polizei den 41-Jährigen fest, noch gab es einen Auslieferungsantrag aus Deutschland. Das bestätigte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft gegenüber dem „Stern“.

Mehr noch: Die Staatsanwaltschaft habe erst durch das Nachrichtenmagazin erfahren, dass sich Hildmann überhaupt in Kartepe aufhält.

Es gibt mehrere Gründe, warum der Verschwörungstheoretiker immer noch auf freiem Fuß ist. Einige sind bürokratischer Natur, andere fußen auf reinen Spekulationen. Fest steht, dass die Türkei nach dem Europäischen Auslieferungsabkommen theoretisch dazu verpflichtet ist, Hildmann festzunehmen und an Deutschland zu übergeben.

Zwar ist der Interpol-Strafbefehl gestellt, allerdings kann die Bundesregierung erst eine offizielle Auslieferung Hildmanns von der Türkei einfordern, wenn die türkische Polizei diesen auch festgenommen hat. Auf der anderen Seite könnte die Türkei auch von Deutschland verlangen, ein Auslieferungsersuchen für Hildmann einzuleiten. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft ist bislang weder das eine noch das andere geschehen.

Allerdings gibt es Stimmen, die hinter dem Fall weitaus mehr vermuten. So hält es der Linken-Politiker Andrej Hunko für vorstellbar, dass Hildmann zum Spielball für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan werden könnte. „Er wird versuchen, ihn als Druckmittel einzusetzen, um im Gegenzug türkische Oppositionelle aus Deutschland ausgeliefert zu bekommen“, so Hunko im Gespräch mit dem „Stern“. Allerdings lassen sich derartige Auffassungen nicht belegen.

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Andere Beobachter vermuten, Erdogan könnte Hildmann für die anstehenden Wahlen in der Türkei nutzen. Seit geraumer Zeit lässt sich in Hildmanns Telegram-Kanal eine zunehmend positive Haltung gegenüber der Politik des türkischen Präsidenten beobachten. Der Verschwörungstheoretiker schreibt unter anderem von der „Nummer eins der Weltpolitik“.

Nach Angaben des in Deutschland lebenden türkischen Journalisten Eren Güvercin versuche Erdogans Partei AKP seit Monaten, in Deutschland potentielle Wähler für den Präsidenten zu gewinnen. „Dass die AKP Hildmann für ihren Wahlkampf nutzen will, wäre nicht überraschend“, so Güvercin im „Stern“. Denn mit einer Gefolgschaft von rund 46.000 Telegram-Nutzern verfügt Hildmann immer noch über eine beachtliche Reichweite. Gleichzeitig bleibt unklar, wie viele türkische Wahlberechtigte beziehungsweise Erdogan-Sympathisanten sich darunter befinden.

Einst als veganer Koch im bundesweiten Fernsehen bekannt, begann Hildmann mit Ausbruch der Pandemie die Existenz des Coronavirus zu leugnen. Darüber hinaus wurde er durch rechtsextreme und antisemitische Aussagen auffällig, indem er unter anderem den Holocaust verherrlichte und mit Adolf Hitler sympathisierte. Die Behörden ermitteln gegen Hildmann in mehr als 1000 Fällen wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Im Dezember 2020 gelang ihm die Flucht aus Deutschland.

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