Osnabrück  Kunsthistoriker: Felix Nussbaum endlich aus der Opfer-Ecke holen

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 29.12.2022 18:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ikone der Holocaust-Kunst: Felix Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpass“. Foto: Michael Gründel
Ikone der Holocaust-Kunst: Felix Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpass“. Foto: Michael Gründel
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Als Ikone der Holocaust-Kunst ist er gesetzt: Felix Nussbaum. Aber wer debattiert über die Bilder des 1944 in Auschwitz ermordeten jüdischen Malers. Neue Bücher wagen einen frischen Blick.

Heißt Felix Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpass“ gar nicht so? Jürgen Kaumkötter spricht nur lakonisch vom „Selbstbildnis in Mauerecke“ und fügt hinzu: „Bei Felix Nussbaum stimmen die Bildtitel alle nicht“. Der 1944 in Auschwitz ermordete jüdische Maler habe seinen Werken kaum einmal einen Titel gegeben. Jene Titel, die so wirkungsvoll klingen wie „Selbstbildnis mit Judenpass“, sind nach Kaumkötters Worten allesamt spätere Erfindungen, die vor allem einen unseligen Effekt hatten – sie haben Felix Nussbaum auf seine Biographie als Opfer der Nationalsozialisten festgelegt. Kaumkötter bricht diesen Blick auf. Sein Buch „Felix Nussbaum und die Holocaust-Kunst“, das für April 2023 angekündigt ist, wird die Diskussion um den Maler auf den Kopf stellen.

Der Impuls kommt zur rechten Zeit. Im Juli 2023 wird das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, das über 200 Gemälde des Künstlers bewahrt, 25 Jahre alt sein. Höchste Zeit für eine Neubewertung des 1904 in Osnabrück geborenen Malers? In seiner Heimatstadt ist Nussbaum fest gesetzt – als zentraler Zeuge und Bezugspunkt der Selbstinterpretation im Zeichen einer Kultur als Friedenskultur. Neue Fragen werden bislang nicht gestellt, zumindest nicht im Museumsquartier, zu dem auch das Felix-Nussbaum-Haus gehört. „Der Name Nussbaums ist deutlich prominenter geworden. Wer sich mit ihm beschäftigt, trifft aber auf keine Forschungsgemeinschaft“, sagt Sven Jürgensen, der unlängst sein Buch „Felix´ Traum“ über den Maler publiziert hat.

Jürgen Kaumkötter und Sven Jürgensen werfen gleichsam einen Blick von außen auf Felix Nussbaum und die Zuschreibungen, die das Verständnis seines Werkes festgelegt haben. „Ich lasse mich bei der Beschäftigung mit Nussbaum nicht von seiner Biographie leiten“, sagt Kaumkötter. Und Jürgensen betont: „Es ging mir darum, der Sogwirkung des Werkkataloges zu widerstehen“. Dieses zuerst 1990 und zuletzt überarbeitet 2007 publizierte Buch der ehemaligen Museumsdirektorinnen Eva Berger und Inge Jaehner sowie weiterer Autoren galt bislang als Bibel, wenn es um Felix Nussbaum ging. Das Werk verzahnt allerdings Leben und Werk, legt Nussbaum und vor allem seine Bilder auf den Umgang mit Exil und Holocaust fest.

„Die Beschäftigung mit Felix Nussbaum ist auf diesem Stand stehengeblieben“, kritisiert Kaumkötter nun die Darstellung Felix Nussbaums im Osnabrücker Museumsquartier. Nicht nur Jürgen Kaumkötter, früher selbst am Felix-Nussbaum-Haus tätig und nun seit Jahren Direktor des Solinger Zentrums für verfolgte Künste, will Nussbaum vor allem von seiner künstlerischen Entwicklung her sehen. Einen neuen Diskurs um den Künstler fordert auch Sven Jürgensen sein, bislang Sprecher der Stadt Osnabrück und mit dem Jahresbeginn 2023 neuer Leiter des Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrums in Osnabrück.  

Dabei folgen die beiden Autoren unterschiedlichen Ansatzpunkten. Jürgen Kaumkötter will mit seinem Buch, das als Dissertation an der Universität Osnabrück entstand, vor allem die Werke Nussbaums kunstgeschichtlich neu in den Fokus nehmen – allen voran das als „Selbstbildnis mit Judenpass“ zur Ikone der Holocaust-Kunst avancierte Gemälde. Sven Jürgensen analysiert ebenfalls Gemälde Nussbaums. In den sechs Kapiteln seines Buches beschreibt er aber vor allem die Geschichte der Heimkehr Felix Nussbaums nach Osnabrück.

„Ich habe das Wissen über den erbitterten Streit um Felix Nussbaum ausbreiten wollen“, begründet Jürgensen seine Darstellung einer Heimholung des in Auschwitz ermordeten und später in Osnabrück vergessenen Künstlers. Er beschreibt die Debatten und Volten rund um die Rückkehr der Bilder Nussbaums nach Osnabrück seit 1970. Jürgensen arbeitete sich nicht nur durch Bände voller Ratsprotokolle und fand dabei erstaunliche Fakten. So sollte Nussbaum posthum mit der Möser-Medaille die höchste Auszeichnung verliehen werden. „Der Ratsbeschluss wurde aber nie umgesetzt“, berichtet Jürgensen. Der Autor arbeitete aber auch ein Büchlein mit Kritiken auf, die Nussbaum zu seinen Werken sammelte. „Ich habe es so gründlich ausgewertet wie selten zuvor“.

Neuland betritt auch Jürgen Kaumkötter. Felix Nussbaum sei der wichtigste Vertreter der Holocaust-Kunst. „Aber er war kein Opfer“, betont Kaumkötter. Im Gegenteil: Nussbaum sei „fett im Geschäft“ des Kunstbetriebes gewesen, habe auf die Kunsttrends seiner Zeit mit Witz und Ironie reagiert. „Felix Nussbaum wurde nicht von den historischen Ereignissen getrieben. Er war ein großer Formalist und Techniker“, versteht Kaumkötter den Maler neu. Auch Sven Jürgensen will Nussbaum endgültig aus der Opferecke holen. „Seine Bilder sind keine bloßen Dokumente des Überlebens“, attestiert auch Jürgensen diesem Künstler eine neue Selbstständigkeit.

Nach seinem Votum spielt Nussbaum „in der ersten Liga der Kunstgeschichte“ mit, wenngleich auch nicht mit allen seinen Bildern. Auch Jürgen Kaumkötter will den Blick auf Nussbaum neu schärfen, gerade bei seiner Ansicht nach falschen Zuschreibungen. So sei der angebliche Judenpass auf Nussbaums berühmtestem Gemälde ein ganz anderes Dokument, nämlich ein Fremdenausweis, moniert der Solinger Kunsthistoriker. Pünktlich zum Jahrestag des Nussbaum-Hauses bringen sie die Debatte um den Maler neu in Gang. „Wir werden Felix Nussbaum nur gerecht, wenn wir über ihn streiten – und über das Nussbaum-Haus. Nur so bleiben wir diesem Museum und seiner Architektur treu“, sagt Sven Jürgensen.

Sven Jürgensen: Felix´ Traum. Felix Nussbaums Bilder in Daniel Libeskinds Räumen. Fromm + Rasch Verlag. 380 Seiten. 38 Euro.

Jürgen Kaumkötter: Felix Nussbaum und die Holocaust-Kunst. Das Selbstbildnis mit Judenpass. Wallstein Verlag. 300 Seiten. 49 Euro. Ab 25. April 2023.

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