Osnabrück Warum die Netflix-Serie „Totenfrau“ für Anna Maria Mühe besonders ist
Seit ihrem 15. Lebensjahr steht Anna Maria Mühe mit großem Erfolg vor der Kamera und hat die unterschiedlichsten Rollen gespielt – eine mordende Bestatterin aber war noch nicht dabei. Als solche ist sie ab 5. Januar in der actionreichen Netflix-Serie „Totenfrau“ zu sehen.
In einem Berliner Café erzählt die 37-jährige Anna Maria Mühe vom Dreh in Österreich, ihren Plänen für Silvester, ihrem Kinderberufswunsch Kellnerin zu werden und warum man sie nach 20 Uhr besser nicht mehr anrufen sollte.
Frage: Frau Mühe, Ihre Eltern waren beide Schauspieler. Sie sind mit 15 schon in ihre Fußstapfen getreten und haben dafür sogar die Schule abgebrochen. Gab’s eigentlich mal eine Zeit in Ihrem Leben, in der Sie von einem anderen Beruf geträumt haben?
Antwort: Als ich ein Mädchen war, wollte ich sehr lange Kellnerin werden. Wir haben damals in Wien gewohnt, das ja für seine schönen Kaffeehäuser bekannt ist. Die Belegschaft dort war damals komplett schwarz gekleidet und trug weiße Schürzchen – das fand ich sehr schön und dachte, das möchte ich auch mal werden. Aber seitdem ich vor der Kamera stehe, gab es keinen Tag mehr, an dem ich mir etwas anderes gewünscht hätte.
Frage: Können Sie sich noch erinnern, wie sich Ihr erster Tag vor der Kamera angefühlt hat? Waren Sie aufgeregt oder hatte es durch Ihre Eltern schon eine gewisse Normalität?
Antwort: Als Kind war ich gar nicht so viel an den Filmsets meiner Eltern, wie man meinen könnte, sondern mehr mit ihnen im Theater unterwegs. Insofern hätte es durchaus eine große Aufregung in mir auslösen können, aber irgendwie hat es sich gleich vertraut angefühlt. Ich hatte aber auch eine tolle Führung und Einführung durch die Regisseurin Maria von Heland, die mir sehr zugewandt, empathisch und liebevoll gegenüber war.
Frage: Sie haben ja nie eine Schauspielschule besucht, lassen sich aber vor jedem Film coachen. Immer von derselben Person?
Antwort: Ja, ich mache seit 20 Jahren Coaching mit Kristiane Kupfer. Es ist etwas, auf das ich nicht mehr verzichten möchte, ich mag allein schon die unterschiedlichen Blicke, die wir durch das Alter auf die Rollen und Figuren haben – sie ist 20 Jahre älter als ich. Wir sind beide totale Bauchmenschen und spontan und schnell im Kopf, sie vielleicht noch ein bisschen schneller als ich. Und es macht einfach Spaß, mit ihr in der Rolle etwas zu finden und für die Rolle etwas zu erfinden.
Frage: Kommen Sie mit einem Drehbuch zu ihr, das Sie schon gelesen haben?
Antwort: Ja, ich komme mit einem Drehbuch, bei dem ich weiß, dass ich die Rolle spielen will – das entscheide ich vorher zusammen mit meiner Agentin. Meine Coaching-Frau liest das Buch und dann lesen wir es nochmal gemeinsam – so geht jede Arbeit bei uns los. Nach dem ersten Lesen haben wir meist schon 10, 15 Fragen, die uns dazu einfallen – dann kommt es immer darauf an, was die Rolle an Vorbereitung braucht. Welche Dokus kann man gucken, welche Bücher sollte man lesen? Im letzten Jahr haben wir einen Film namens „Crash“ vorbereitet, da spiele ich eine Frau, die im Rollstuhl sitzt. Deshalb brauchte ich einen Physiotherapeuten, der mich im Rollstuhlfahren gecoacht hat. Das war natürlich wieder eine ganz eigene Art der Vorbereitung.
Frage: Ihre Karriere verlief bisher ja ziemlich geradlinig und erfolgreich, es gibt bislang so gut wie keine Löcher.
Antwort: Das ist von außen schwierig zu beurteilen. Ich finde schon, dass es auch bei mir Löcher gab. Als ich jung war, habe ich mir auch mal andere Jobs gesucht und als Barkeeperin in Clubs gearbeitet.
Frage: Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere mal gesagt „Ich würde niemals behaupten, ich sei fähig, einen Film zu tragen“. War das mangelndes Selbstbewusstsein oder eine Ihnen innewohnende Bescheidenheit?
Antwort: Vermutlich eine Mischung aus beidem. Was den Beruf angeht, bin ich schon eher der demütige Typ, aber damals kam sicher auch noch das Junge, Unwissende dazu.
Frage: Jetzt tragen Sie ziemlich mühelos eine ganze Netflix-Serie und sind in „Totenfrau“ fast in jedem Bild. Wie anstrengend ist so ein Dreh?
Antwort: Das war schon ein ganz schöner Ritt. Es war meine erste Serie, die so viele actionreiche Szenen hat. Die haben mir wahnsinnig viel Spaß gemacht – ich hatte in der Vorbereitung ein tolles Stunt-Team, mit dem ich zusammen die ganzen Kämpfe choreografiert habe. Bei so einem Dreh in den Bergen ist man natürlich auch total vom Wetter abhängig – es gab Tage, an denen wir von strahlendem Sonnenschein bis zu dichtem Schneefall alles hatten. Es war also wirklich ein Ritt, aber einer, den ich nicht missen möchte. Sehr erfüllend.
Frage: „Totenfrau“ ist eine österreichische Serie für einen amerikanischen Streamingdienst. Das klingt erstmal ziemlich schräg.
Antwort: (Lacht) Stimmt, aber es klingt schräger als es ist. Ich durfte mich über vier Monate im wunderschönen Österreich aufhalten und arbeiten – daran ist nichts schräg, aber Ihre Frage klingt gut. Jedenfalls interessanter als die Antwort. Es war nicht viel anders, als wenn man fürs deutsche Fernsehen dreht.
Frage: Streaming klingt ja ein wenig nach Schlaraffenland für Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren – es sind jede Menge neue zusätzliche Jobs entstanden. Gibt’s auch Schattenseiten?
Antwort: Eine enorme Schattenseite ist es in meinen Augen, dass die Leute weniger ins Kino gehen, was durch Corona noch verstärkt wurde. Sie können ja fast alles, was vermeintlich spannend ist, auf ihren Streaming-Plattformen finden. Auf der anderen Seite ist es vor allem bei einer Serie so, dass die Filmteams über mehrere Monate durchgehend versichert werden – das ist natürlich toll. Als Freiberufler kannte man diese ständige Sicherheit gar nicht, durchgehend zu arbeiten. Allerdings bin ich auch Mutter – und so eine Serie bedeutet, dass ich viel und lange von meinem Kind getrennt bin. Deshalb gehe ich da noch strenger mit mir ins Gericht, ob ich es wirklich machen möchte.
Frage: Haben Streamingdienste und Mediatheken auch Ihr persönliches Sehverhalten verändert oder gucken Sie auch noch lineares Fernsehen?
Antwort: Ich glaube, ich bin der letzte Mohikaner und gucke tatsächlich auch noch linear. Sonntags sehe ich mir gerne den Tatort live in der ARD an und nicht erst später mit dem Computer in der Mediathek. Und ich gucke gerne auch montags den Krimi im ZDF.
Frage: Gibt es also Zeiten, zu denen man Sie besser nicht anruft? Sonntagabends um halb neun zum Beispiel?
Antwort: Ungern (lacht). Aber ich finde jegliche Anrufe ab 20 Uhr schwierig, das dürfen wirklich nur meine engsten Freundinnen. Ich habe dann mein Handy auch oft schon im Flugmodus, weil ich irgendwann mal Sendeschluss haben will.
Frage: In der ORF-Mediathek kann man die „Totenfrau“ aus Jugendschutzgründen nur zwischen 20 und 6 Uhr sehen. Dürfte Ihre zehnjährige Tochter sich die Serie ansehen?
Antwort: Auf gar keinen Fall, selbst wenn man nicht sehen könnte, was ich da explizit mache oder was den entführten Mädchen angetan wird. Sie durfte „Lassie“ gucken und sie darf „Die kluge Bauerntochter“ sehen, was gefühlt fünfmal im Jahr wiederholt wird – ich bin mal gespannt, wie lange sie daran noch Interesse hat (lacht). Ich weiß noch, wie es war, als Kind die Filme meiner Eltern zu sehen und ich würde aus heutiger Sicht sagen, dass ich ein paar Filme zu früh gesehen habe. Man leidet als Kind wirklich mit, wenn die Eltern in ihren Rollen weinen, leiden, Leid mitansehen müssen oder Leid verursachen. Das geht einem als Kind durch Mark und Bein.
Frage: Die „Totenfrau“ sind Sie in doppelter Hinsicht – zum einen sind Sie in der Serie eine Bestatterin, zum anderen bringen Sie dem einen oder anderen auch den Tod. Woher haben Sie die ganze Wut Ihrer Figur genommen? Ich habe nicht das Gefühl, dass es an Ihnen eine aufbrausende wütende Seite gibt.
Antwort: Stimmt, privat bin ich wirklich nicht wahnsinnig laut. Gerade deshalb macht es mir wahnsinnig Spaß, im Film so aus mir herauszugehen und solche Extreme spielen zu dürfen. Ich kann mich ja immer dahinter verstecken und sagen: Das durfte ich jetzt mal (lacht).
Frage: Da fällt mir ein: Stimmt es eigentlich, dass Sie einen kleinen Ordnungsfimmel haben und gerne aufräumen – auch, wenn die Gäste noch da sind?
Antwort: Ja (lacht). Aber ich mache es so charmant, dass sie es mir nicht übelnehmen.
Frage: Dann kann ich ja von Ihnen lernen – wie geht das?
Antwort: Meine Wohnung ist so konzipiert, dass Wohnzimmer, Esszimmer und Küche ein großer Raum sind. Das heißt, ich bin beim Aufräumen nicht weg von den Gästen, sondern in Reich-, Ruf- und Sichtweite. Das hilft, man ist ja noch da. Ich rede auch einfach weiter, während ich wegräume, ich nehme also weiter aktiv am Gespräch teil. Dann können mir die Gäste gar nicht böse sein, weil sie sich am Ende freuen, dass sie keine Krümel mehr vor sich zu liegen haben, sondern ein frisches Glas mit einem schönen Wein drin (lacht).
Frage: Wie werden Sie denn in diesem Jahr Silvester feiern – sind Böller und Raketen dabei?
Antwort: Ich feiere im kleinen Kreis mit vielen Kindern bei mir zu Hause, allerdings schon immer ohne Böller, weil ich das nicht mag.
Frage: Welches Ereignis aus 2022 wird Ihnen – mal abgesehen vom Krieg, der uns alle beschäftigt – noch lange in Erinnerung bleiben?
Antwort: Ich habe dieses Jahr viele besondere Frauen kennenlernen dürfen. In meiner Generation gibt es viele starke, kreative und kluge Frauen, die was bewegen wollen. Allen voran Düzen Tekkal. Das hat mir sehr imponiert.
Frage: Sie haben sich auf Ihre Rolle in „Totenfrau“ auch in einem Tiroler Bestattungsinstitut vorbereitet.
Antwort: Ja, ich durfte die einen Tag lang begleiten. Ich wusste vorher wenig bis gar nichts von dem Bestatter… wie gendert man das denn jetzt?
Frage: Vielleicht Bestatter*innenberuf?
Antwort: Okay (lacht). Auf jeden Fall war das für mich alles neu und hat mich auch Überwindung gekostet. Ich hatte der Bestatterin vorher alle Handgriffe gesagt, die ich im Film machen muss – waschen, Haare bürsten, schminken. Ich wollte alles mal sehen und auch mitmachen, aber damit war ich erst mal vorsichtig, denn es ging ja um fremde Menschen und Tote, die nicht „Nein“ sagen können. Wollen die das überhaupt, dass Frau Mühe an ihnen rumfummelt? Aber die Bestatterin war wirklich toll und respektvoll und wir haben alle Schritte an zwei toten Männern durchgeführt. Ich habe alles gemacht – vom Lösen der Leichenstarre bis zum Ziehen der Ligaturnadel durch das Kinn. Das macht man, damit der Mund nicht offensteht und der Tote friedlich aussieht.
Frage: War das nicht ein bisschen spooky?
Antwort: Spooky ist ein merkwürdiges Wort dafür. Es war natürlich erstmal befremdlich, aber die Bestatterin hat es mit so viel Demut, aber auch mit einer Selbstverständlichkeit gemacht, weil es eben ihr Beruf ist. Genau das wollte ich für meine Figur.
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