Ukrainerin in Aurich  Weihnachten fern der Heimat

Franziska Otto
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Von Franziska Otto
| 23.12.2022 18:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Olga Kolchkova hängt eine Kugel an einen Weihnachtsbaum. Foto: Franziska Otto
Olga Kolchkova hängt eine Kugel an einen Weihnachtsbaum. Foto: Franziska Otto
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Olga Kolchkova floh vor dem Krieg in der Ukraine nach Aurich. Hier feiert sie nun ein deutsch-ukrainisches Weihnachtsfest – und ist von so mancher deutschen Tradition überrascht.

Aurich - Fern der Heimat in einem fremden Land – das nun gar nicht mehr so fremd ist. Für Olga Kolchkova und ihre Familie fühlt sich Aurich inzwischen zu etwas wie einem Zuhause an. Sie feiern hier nun gemeinsam Weihnachten und verbinden dabei die deutsche und die ukrainische Kultur.

Noch vor einem Jahr lebte Olga Kolchkova ein ganz anderes, friedliches Leben. Sie und ihre Tochter lebten in Charkiw. Das Haus, in dem sie wohnten, gibt es inzwischen nicht mehr. Die Stadt im Westen der Ukraine ist für sie mittlerweile kaum wiederzuerkennen. Auf einem Instagramkanal verfolgt sie die Entwicklung. Dort werden Bilder aus der Stadt veröffentlicht. Menschen liegen sich weinend in den Armen. Zerbombte Häuser, Tod und Zerstörung – der russische Angriff auf die Ukraine im Februar änderte alles.

Die Gedanken sind in der Heimat

Seitdem ist viel passiert. Olga Kolchkova hat sich in Aurich eingelebt. Ihre Tochter besucht die Schule, sie lernt Deutsch bei der Kreisvolkshochschule. Weihnachten in Deutschland war für sie allerdings schon fast ein Kulturschock. „So etwas wie eine Adventszeit haben wir nicht“, sagte sie. Keinen Kranz, kein Adventskalender. Für die Ukrainerin eine echte Überraschung – aber eine willkommene. Nicht nur die Kinder haben es täglich kaum erwarten können, das Türchen zu öffnen, sagt sie lachend.

Vernarrt ist Olga Kolchkova in die Weihnachtsmärkte. Selbstverständlich hat sie den Auricher Weihnachtszauber schon besucht – und den Markt in Leer, Emden, Bremen und Hamburg. „Es ist alles so gemütlich, ich liebe diese Atmosphäre“, sagt sie. So etwas wie einen Weihnachtsmarkt gab es früher auch in Charkiw auf dem Freiheitsplatz, einem der größten Stadtplätze in Europa. Ein gewaltiger Weihnachtsbaum wurde aufgestellt, überall Dekoration und bunte Lichter, sagt Olga Kolchkova. Sie besuchte den Markt gern mit ihrer Tochter.

Weihnachten im Untergrund

Aber in diesem Jahr ist alles anders. Der Weihnachtsbaum wurde nicht auf dem großen Platz aufgestellt, sagte Olga Kolchkova. Er ist nun im Untergrund, wo sich die Menschen vor den russischen Bomben verstecken.

An Weihnachten denkt die Ukrainerin viel an ihre Heimat. Sie will ein Stück davon nach Aurich bringen. Traditionell gibt es in der Ukraine am 24. Dezember zwölf Gerichte, einen für jeden Apostel, alle ohne Fleisch und fettarm. Das Wichtigste ist Kutja, eine Art süßer Reis mit Rosinen, er darf an Heiligabend nicht fehlen, sagt Olga Kolchkova. Umgewöhnen muss sie sich allerdings noch wegen des Termins. Bisher feierte man Weihnachten in der Ukraine Anfang Januar.

Der erste Stern am Himmel

Bevor gegessen wird, muss allerdings das gesamte Haus geputzt werden. Alles soll blitzblank für die Festlichkeit werden. Dann, sobald der erste Stern am Himmel erscheint, wird die Arbeit niedergelegt und die Familie kommt zum Essen zusammen.

Weihnachten gehört der Familie, sagt Olga Kolchkova. Man gedenkt denjenigen, die zum Fest nicht mehr mit am Tisch sitzen können. Früher war es Brauch, für sie mit einzudecken und Essen für sie vorzuhalten, sagt die Ukrainerin.

Besinnliches Weihnachten – und an Silvester kracht es

So ruhig und besinnlich Weihnachten bei Ukrainern ist – umso größer ist die Feier an Silvester. Alle Freunde werden eingeladen. So will Olga Kolchkova auch in diesem Jahr feiern. Sie hat in Aurich viele Menschen kennengelernt, sowohl Deutsche als auch Ukrainer, die wie sie vor dem Krieg flohen. „Wir Ukrainer sind so weit weg von Zuhause“, sagt sie. „Wir müssen zusammenhalten und wir brauchen einander.“

Das neue Jahr steht für eine neue Chance. „Gott hat uns die Möglichkeit gegeben, viele Wege zu gehen“, sagt Olga Kolchkova. Im Rückblick auf das Jahr hegt sie keinen Groll. Sie will nach vorn schauen. „Das ist unser Leben. Wir müssen es akzeptieren“, sagt sie. Gleichzeitig ist sie unendlich dankbar für all die Wärme, für das Verständnis und die Solidarität, die sie in Deutschland erfahren hat. „Wir hoffen für alle auf ein friedliches Leben. Das ist alles, wovon wir träumen.“

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