Berlin Mariana Leky: „Liebeskummer wird schlimmer, je älter man wird“
An den Feiertagen haben wir Zeit für Familie, Freunde – und die Liebe. Aber was, wenn wir genau dann Liebeskummer haben? Autorin Mariana Leky über die erste Liebe, was man für Menschen mit Liebeskummer tun kann und warum wir uns trotz allem immer wieder trauen, uns zu verlieben.
Um ein Gefühl kommen wohl die wenigsten Menschen herum: den Liebeskummer. Besonders schlimm, wenn der einen kurz vor Weihnachten oder Silvester ereilt, wenn sich alles um die großen Gefühle dreht.
Mariana Leky ist die Autorin von „Was man von hier aus sehen kann“, „Die Herrenausstatterin“ und der Kolumnensammlung „Kummer aller Art“. In ihren Büchern geht es um Liebe, Sehnsucht und Trauer. Sie erzählt auf eine sehr liebevolle Art über das Leben, unsere Eigenheiten und Hoffnungen. Im Interview spricht sie über den Liebeskummer, wie sich die Liebe mit dem Leben verändert – und warum man sich manchmal einfach eine Bratpfanne auf den Kopf hauen sollte.
Frage: Gerade an Feiertagen spielt die Liebe eine große Rolle. Weihnachten wollen wir mit den Lieben verbringen, alle Weihnachtsfilme sind voller glücklicher Liebesgeschichten, der Kuss um Mitternacht an Silvester ist Tradition. Aber was, wenn man genau dann Liebeskummer hat? Wie kommt man trotzdem gut durch diese Zeit?
Antwort: Ich hab da leider kein Patentrezept und kann mich nicht erinnern, dass ich mal an den Feiertagen in so einer Situation war, deshalb kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Aber wenn man trotz des schrecklichen Liebeskummers glücklich dran ist und eine Familie hat, mit der man sich ganz gut versteht, könnte man die um Unterstützung bitten. Man überwirft sich mit der Ursprungsfamilie, das passiert zu Weihnachten ja auch häufig, und ersetzt einfach ein Elend durch das andere. Das wäre wahrscheinlich meine Verfahrensweise.
Frage: Wie wenn man körperlichen Schmerz hat und sich in die Hand kneift, damit es woanders weh tut.
Antwort: Genau. Das Bein tut weh und man haut sich mit der Bratpfanne auf den Kopf. Ich weiß aber nicht, ob das wirklich praktikabel ist.
Warum sich viele Menschen nicht auf Weihnachten freuen:
Frage: Was sollte man absolut nicht machen, wenn man Liebeskummer hat?
Antwort: Den Liebeskummerverursacher anrufen. Das ist zu vermeiden, weil man sich hinterher nur noch schrecklicher fühlt und es gruselige Telefonschweigeminuten gibt. Wenn man anruft und man will es womöglich nochmal versuchen und alles besprechen – diese ganzen verzweifelten Aktionen, die man so starten kann – und der andere schweigt am anderen Ende. Das stelle ich mir fürchterlich vor, besonders zu Weihnachten.
Frage: In „Kummer aller Art“ erlebt die 16-Jährige Lisa ihren ersten Liebeskummer. Verändert sich der Liebeskummer mit dem Alter?
Antwort: Wenn man so jung ist und den ersten Liebeskummer erlebt, denkt man: Es ist so schrecklich, schlimmer wird es nicht. Ich fürchte, es wird schlimmer. Die Liebeskummer werden brachialer, je älter man wird. Man ist die Strecke schon mal abgeflogen und weiß, es geht vorbei, aber wenn man akut drin steckt in einer Trennung, dann hilft das alles nichts. Dann denkt man: Diesmal ist es so furchtbar, das Elend ist singulär. Ich glaube, je mehr Lebenszeit man hinter sich hat, verschärft sich der Liebeskummer. Aber das ist vermutlich bei jedem anders.
Frage: Verändert sich die Liebe selbst?
Antwort: Ja, zum Glück! Und auf ganz vielfältige Weise: Es kommt auf ganz andere Dinge an. Man hat eine andere Art von Vertrauen in sich selbst und in den anderen. Man weiß besser, was man will und was man auf gar keinen Fall will, was die roten Tücher sind. Insofern denke ich, das verändert sich schon. Es ist was ganz anderes, ob ich jemanden mit 16 kennenlerne oder mit 50. Man kennt sich selber besser und wenn man sich selber ganz gut kennt, kann man besser in so eine Liebesgeschichte reingehen.
Frage: Gibt es auch Gutes am Liebeskummer?
Antwort: Es ist eine bescheuerte Situation, durch die man irgendwie hindurch muss. Nach der Trennung vermisst man ja nicht nur den einzelnen Menschen, sondern die ganze Welt, die man miteinander aufgebaut hat. Und die ist sehr konkret: gemeinsame Freunde, Dinge, die man gemeinsam gemacht hat – da bricht ein ganzes Umfeld zusammen. Man hat ja einen ganzen Wust an gemeinsamer Vergangenheit angehäuft. Das Leben ist auf eine bestimmte Art und Weise nach der Trennung vorbei, zumindest das gemeinsame Leben. Das muss man erst mal aushalten können.
Antwort: Aber wenn es gut läuft, denke ich, dass man durch den Liebeskummer sich selbst auch nochmal besser kennenlernt. Immer wenn man durch eine Krise durchgegangen ist, steht man hinterher etwas solider im Leben – bestenfalls. Man hat gelernt, dass man da durchgehen kann und das ist sehr viel wert. Vor allem, wenn man sich ohne Selbstbezichtigung klarmacht, was man selber vielleicht anders hätte machen können, kann man das in die neue Beziehung mitnehmen.
Frage: Kann der Kummer nach dem Ende einer Freundschaft genauso groß sein wie nach einer romantischen Liebe?
Antwort: Das glaube ich schon, womöglich ist er sogar schlimmer. Mir ist das glücklicherweise noch nicht passiert, aber wenn ich an meine beste Freundin denke, und mir vorstelle, dass sie mir sagt: „Du, jetzt hab ich genug von dir“ – das wäre extrem schmerzhaft, wenn eine sehr enge Verbindung abreißen würde.
Frage: Sie schreiben in einer Ihrer Erzählungen, man könne Angst nicht trauen, denn „die Angst gibt vor, sich mit allem auszukennen, alles studiert zu haben, aber ihre ganzen Abschlusszeugnisse sind gefälscht.“ Kennt der Liebeskummer sich besser aus?
Antwort: Gegen Ende des Liebeskummers vielleicht schon, aber am Anfang ist das ein guter Vergleich zwischen Angst und Liebeskummer. Auch der Liebeskummer erzählt einem gerade am Anfang viel Mist und tut so, als sei das der Weisheit letzter Schluss, zum Beispiel: „Du hast alles falsch gemacht, wenn du alles anders gemacht hättest, hätte es geklappt, du hast es verbockt.“ Diese ganzen Beschuldigungen sollte man durchwinken, denen kann man nicht trauen.
Frage: Was kann man machen, wenn jemand im Umfeld Liebeskummer hat?
Antwort: Wenn man jemanden in so einem Liebeskummer begleitet, geht es gerade am Anfang vor allem ums Verweilen, also ums Dasein und Danebenstehen und das Anbieten von Schultern zum Vollweinen. Ich würde auch gar nicht groß intervenieren, sondern den anderen einfach weinen und erzählen lassen und wenn es zu selbstbezichtigend wird auf freundliche Art und Weise eine Grenze setzen und sagen: Jetzt mach mal Halblang.
Frage: So richtig viel kann man ohnehin nicht tun, oder?
Antwort: Man kann in der Nähe bleiben und gucken, was der andere will oder braucht. Man sollte sich aber mit gut gemeinten Ratschlägen, die vermutlich eh nicht gehört werden, zurückhalten.
Frage: In „Kummer aller Art“ gibt es den Charakter Lydia, die nie etwas anfängt, weil sie Angst hat vor der Traurigkeit, wenn es vorbeigeht. Warum machen wir es nicht alle wie Lydia? Warum trauen sich die meisten Menschen immer wieder zu lieben, obwohl der Liebeskummer immer ein Risiko ist?
Antwort: Aber genau deswegen macht man es. Alles, was toll ist, hat ein großes Risiko. Das kaufen wir sozusagen mit. Es gibt kaum ein schöneres oder intensiveres Gefühl als verliebt zu sein und man nimmt immer mit in Kauf, verletzt zu werden, weil es gar nicht anders geht. Wenn man sich komplett zurückzieht aus solchen Beziehungen denkt man vielleicht, es kann einem nichts Schlimmes passieren – aber es kann eben auch nichts Gutes geschehen und das ist der Knackpunkt. Deshalb lässt man sich immer wieder drauf ein – trotz oder gerade wegen des Risikos. Das Risiko macht deutlich, wie viel Gutes auf dem Spiel steht.
Frage: Man merkt Lydia in der Erzählung auch an, dass sie ein etwas graues, unzufriedenstellendes Leben führt.
Antwort: Ja, und so geht es nicht. Das ist nicht der Deal. Ich kenne jemanden, der hätte so gerne einen Hund, aber kauft sich keinen, weil er Angst hat, dass der Hund irgendwann stirbt und er dann traurig ist. Und so läuft es halt nicht, dann kann man auch aufhören zu atmen, weil wir alle irgendwann damit aufhören.
Frage: Wann schreiben sie bessere Bücher, mit oder ohne Liebeskummer?
Antwort: Das ist glaube ich unabhängig voneinander. Ich habe mir abgewöhnt, das Schreiben von meiner eigenen Befindlichkeit abhängig zu machen, das wäre fatal. Das muss man trennen können und das geht auch ganz gut. Ich setze mich hin, egal, wie das innere Wetter aussieht. Wenn ich mir sagen würde: „Heute schreibe ich nicht, heute geht es mir nicht so gut“ oder sogar „Heute geht es mir zu gut, um zu schreiben“, dann käme ich zu gar nichts mehr.