Kiel  Geburtstagsparty von Aminata Touré: Tanzen mit erhobenem Zeigefinger

Miriam Scharlibbe
|
Von Miriam Scharlibbe
| 20.12.2022 20:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Schweigt zu Berichten über ihre laute Geburtstagsparty: Grünen-Politikerin Aminata Touré (links). Foto: dpa/Marcus Brandt
Schweigt zu Berichten über ihre laute Geburtstagsparty: Grünen-Politikerin Aminata Touré (links). Foto: dpa/Marcus Brandt
Artikel teilen:

Politiker sollen menschlich sein – aber bitte nicht zu sehr. Und überhaupt: Dürfen Grünen-Politiker tanzen? Wo doch die Erde brennt. Was eine Geburtstagsparty über unsere Gesellschaft aussagt.

Diese Kolumne beginnt mit einer Geschichte: Ein Mensch feiert seinen 30. Geburtstag. Mit Freunden, mit Musik. Irgendwer stört sich an der Lautstärke. Die Polizei klingelt. Was die Beamten sagen, ist nicht überliefert, aber es lässt sich vermuten. Bestimmt hat der junge Polizist, etwas unangenehm berührt, darum gebeten, den Bass runterzudrehen. Sein natürlich älterer, graubärtiger Kollege guckt streng und denkt insgeheim: „Wir waren ja alle mal jung.“

Gut eine Stunde später sind die Polizisten dann schon genervt. Man hat ja schließlich besseres zu tun, als an einem Abend zweimal zur selben Adresse zu fahren. Aber irgendwie gehört auch das zum Wochenenddienst dazu. Zumal in Kiel.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Der Nachrichtenwert ist überschaubar. Die Polizei will keine Auskunft geben, „weil mit der Beantwortung der Fragen das schutzwürdige private Interesse einer einzelnen Person verletzt werden könnte.“

Dieses Geburtstagskind ist aber eine durchaus bekannte einzelne Person. Eine Politikerin. Ministerin sogar. Jung. Meinungsstark. Und schon ist es eben doch eine Schlagzeile. „Polizeieinsatz bei Aminata Touré“. Für die Privatsphäre einer Politikerin gelten doch andere Regeln als für Otto Normal. Selbst für feiernde Politikerinnen, oder nicht?

Das letzte Mal, als die Partygewohnheiten einer Frau in den Dreißigern Teil der Nachrichten waren, wurde die finnische Premierministerin Sanna Marin beim Tanzen gefilmt. Konservative Stimmen sahen darin eine Verletzung der Amtspflicht. Sofort folgte eine gewaltige Solidarisierungsaktion, angetrieben von jungen Frauen, die in der Kritik genau das sahen: einen Angriff auf eine junge Frau. Alle waren entrüstet. Sanna Marin sah sich aber tatsächlich zu einer Erklärung genötigt: darüber, dass auch Politiker(innen) manchmal nur Mensch sein und eine gute Zeit haben wollen.

Aminata Touré schweigt indes zum Geburtstagsbericht. Vielleicht, weil es besser ist, keine weitere Angriffsfläche zu bieten. Vielleicht auch, weil die Neumünsteranerin gelernt hat, mit Gegenwind umzugehen.

Touré hat schon vor ihrem Amtseid das klassische Bild von Politikern ins Wanken gebracht, aber seit sie in Schleswig-Holstein Teil der Landesregierung ist, ist sie ein wandelnder Superlativ.

Die Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung ist die jüngste, die erste afrodeutsche Ministerin der Bundesrepublik und die erste auf dem Cover der Modezeitschrift „Vogue“.

Sie ist aber auch Vorbild einer Generation, die für sich in Anspruch nimmt, dass sich Gegensätze nicht ausschließen, die eine grüne Politik einfordert, aber auch das Recht auf Spaß.

Freiheit und Feiern, Party und Protest, Klimawandel aufhalten und global denken – das sind die Leitlinien.

Dabei besitzen diese Frauen und Männer auch noch die Unverschämtheit, den Begriff Öko neu zu definieren. Statt Latzhosen tragen sie Hosenanzüge. Statt auf die Straße streben sie in unsere Parlamente. Sie geben sich nicht mit Meinungsfreiheit zufrieden, sie wollen Macht. Das provoziert Menschen, die in einer Ruhestörung die Chance erkennen, ein grundsätzliches Fehlverhalten abzuleiten. Gut, wer den moralischen Zeigefinger hebt, muss damit rechnen. Aber ist eine Geburtstagsparty dafür ausreichend? Sicher nicht.

So lange wir noch mehrheitlich von „klassischen Politikern“ regiert werden, ist doch alles in Ordnung. Die wissen wenigstens noch, wie man Bierfässer ansticht, Boote mit Champagnerflaschen tauft und die Karl-May-Spiele mittels Gewehrschuss eröffnet. Alles sehr ernsthafte Typen.

Ähnliche Artikel