Auricher Kulturgesichter  Eine letzte Zeitreise durch die Innenstadt

Franziska Otto
|
Von Franziska Otto
| 18.12.2022 18:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Applaus gab es bei der letzten Führung der Auricher Kulturgesichter, Katja Druivinga (links) und Reenste Cornelis. Foto: Franziska Otto
Applaus gab es bei der letzten Führung der Auricher Kulturgesichter, Katja Druivinga (links) und Reenste Cornelis. Foto: Franziska Otto
Artikel teilen:

Die Auricher Kulturgesichter gaben am Sonntag ihre letzte Führung durch die Innenstadt. Es ging um Skandale, die Schattenseiten des Barock und was man unter einer Kittelschürze trägt.

Aurich - Es wird nicht geweint“, sagt Katja Druivinga zu ihren Zuschauern. Sie und Reenste Cornelis haben gerade ihre letzte Stadtführung als Auricher Kulturgesichter begonnen. Mehr als 30 Menschen wollten sich das nicht entgehen lassen. Und am Ende flossen doch einige Tränen.

Seit mehr als zwölf Jahren werfen sich Katja Druivinga und Reenste Cornelis für ihr Publikum in Schale. Sie führen durch Aurich und durch die Geschichte, von kleinen Anekdoten bis hin zu politischen Skandalen. Sie lieben das Schauspiel und die Kostüme. „Es ist unsere liebste Führung – wir springen durch die Jahrhunderte“, sagt Reenste Cornelis – in weit ausgestellten Kleidern, Mänteln und natürlich mit Hut.

Bei der letzten Führung der Kulturgesichter waren mehr als 30 Menschen dabei. Foto: Franziska Otto
Bei der letzten Führung der Kulturgesichter waren mehr als 30 Menschen dabei. Foto: Franziska Otto

„Wir können es nicht mehr leisten“

Aber nun ist Schluss. Die Auricher Kulturgesichter sind vorbei. Sie sahen sich gezwungen, die Stadtführungen zu beenden. Und Schuld daran ist Corona. Lange Zeit konnten die beiden Freundinnen überhaupt keine Führungen durchführen, dann nur unter strengen Auflagen. Ende 2020 hofften sie noch, dass sich schnell Besserung einstellt.

Das Geschäft lief wieder an – aber anders als vor Corona. „Die Nachfrage war riesig“, sagt Katja Druivinga. Aber etwas am Buchungsverhalten hatte sich verändert. Alles ist inzwischen flexibler. Spontane Absagen von Gästen, weil sich doch jemand mit Corona angesteckt hat, und kurzfristige Buchungen. Die Kulturgesichter, die die Stadtführungen neben ihrem Hauptjob anbieten, konnten das schlicht nicht mehr auffangen. Und so zogen sie schweren Herzens die Reißleine. Sie hatten auf die Unterstützung durch die Stadt Aurich gehofft – aber auch da ist das Geld klamm, sagt Katja Druivinga. „Wir können es nicht mehr leisten.“

Drei Schwestern und eine Kneipe

Am Sonntagnachmittag, 15 Uhr, versammelte sich so die Zuschauermenge. In eisiger Kälte genossen sie die Show. Die Kulturgesichter nahmen sie mit auf eine Zeitreise, beginnend am Hotel am Schloss. Beim Hochzeitshaus ließen sie die Mode der vergangenen Jahrhunderte aufleben und regten den Männern an, es doch auch einmal mit einem Korsett zu versuchen.

Weiter ging es zur Börse, mit ihrer Geschichte, wie drei Schwestern die Kneipe im vergangenen Jahrhundert aufmischten, wie Werner Kranz ihnen dann in den 80ern beim Umzug half und wie sie ein Vermögen in alter Wäsche fanden.

Hut gegen die Perücke getauscht

Natürlich waren sie dabei entsprechend gekleidet. Die Hüte gegen Perücke getauscht und in eine Kittelschürze gehüllt stellten die Kulturgesichter den Umzug nach. Und erklärten nebenbei ihrem Publikum noch, was man so unter einer Kittelschürze tragen kann – oder eben auch nicht.

Weiter zum Auricher Schloss. In gepuderten Perücken machen die Kulturgesichter einen Tag bei Hofe lebendig. Mit all seinen Schattenseiten: Flöhe und Läuse in den Perücken waren früher Standard, erklären sie ihrem Publikum. Mit einem kleinen Röhrchen, etwas Watte und einem Blutstropfen wehrte sich die feine Gesellschaft gegen ihre unliebsamen Mitbewohner.

Vor dem Lambertiturm ging die Führung der Kulturgesichter los. Foto: Franziska Otto
Vor dem Lambertiturm ging die Führung der Kulturgesichter los. Foto: Franziska Otto

Von längst vergangenen Konventionen

Im Lambertshof hinterfragen die Kulturgesichter vergangene Konventionen. Jungen lernten in einem Haus über Wissenschaften, die Mädchen nebenan im Nachbarhaus Handarbeit. Streng von einander getrennt gingen sie dem Unterricht nach. Die Mädchen durften das Gebäude nicht einmal durch den eigentlichen Eingang Richtung Lambertshof betreten oder verlassen. Sie mussten den Umweg über den Hohen Wall gehen und durch die Hintertür.

Aber eine Ausnahme gab es: Ausschließlich zum Gottesdienst durften die Mädchen in Zweierreihen zur benachbarten Lambertikirche gehen. Die Jungen mussten warten. „Sie drückten sich die Nasen an den Fensterscheiben platt“, sagte Reenste Cornelis.

„Fressen Sie etwas aus, was dann in Stadtführungen zur Geschichte wird“

In der Kirchstraße war der letzte Halt der Führung. Hinein in die 80er, mit schrillen Perücken und einem Stück von Hannes Flesner. „Das geht acht Minuten, halten Sie durch“, sagte Katja Druivinga zum Publikum, erlöste es aber schon kurz danach. Es ging um Klatsch und Tratsch beim Frisör – und den Skandal um eine Sauna im Auricher Kreishaus. „Die ist da immer noch eingemauert“, sagte Katja Druivinga.

Und dann: der Abschied. Applaus, Umarmungen und Tränen. „Es fühlt sich wirklich doof an“, sagte Katja Druivinga zum Schluss. Für die Zuschauer hat sie aber noch einen Rat: „Fressen Sie etwas aus, was dann in Stadtführungen zur Geschichte wird.“

Ähnliche Artikel