Bamberg Was Paul Maar sich von seinem Sams wünschen würde
Am 13. Dezember wird der Schriftsteller Paul Maar 85 Jahre alt. Im Interview spricht er über seine kranke Frau, seinen größten Wunsch und den Zufall, aus dem die blauen Punkte des Sams entstanden sind.
Paul Maar ist einer der beliebtesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Bekannt wurde er 1973 mit „Eine Woche voller Samstage“ , dem Auftakt einer Buchreihe um das Fabelwesen Sams.
Frage: Herr Maar, wenn ein Sams bei Ihnen wohnen würde, was würden Sie sich wünschen?
Antwort: Im Moment ist mein Herzenswunsch, dass meine Frau nicht an Alzheimer erkrankt wäre.
Frage: Wie ist Ihre Situation zu Hause?
Antwort: Ich pflege mit Hilfe meiner Tochter meine Frau zu Hause. Aber wir schaffen es nicht allein, und da hilft mir der kommerzielle Erfolg meiner Sams-Bücher, denn ich kann mir Pflegerinnen leisten. Ich möchte meine Frau nicht in ein Heim geben.
Frage: Haben Sie noch schöne Momente zusammen?
Antwort: Ich antworte mit einem Gedicht aus meinem neuen Buch: „Deinen Namen / kennst du nicht mehr. / Sprache ist für dich / ein Geräusch ohne Sinn. / Doch wenn ich deine Nase / zwischen meine Finger nehme / und sanft daran rüttle, / lächelst du / wie früher.“
Frage: Herr Maar, reden wir über das Sams: Es sind bislang elf Sams-Bände von Ihnen erschienen, als letztes „Das Sams und die große Weihnachtssuche“. Wie viel Spaß bringt Ihnen das Sams noch?
Antwort: Es bringt mir immer noch Spaß und ist mir so vertraut, als wäre es ein Familienangehöriger. Ich will es mit den Sams-Büchern nicht übertreiben, weil ich nicht nur der Sams-Autor sein möchte, aber ich habe das Gefühl, ich könnte lässig noch fünf neue Sams-Bücher schreiben.
Frage: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass das Sams Ihre anderen Bücher erdrückt?
Antwort: Ja, durchaus. Wo auch immer ich hinkomme, werde ich als „Sams-Autor“ vorgestellt. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen Seite sage ich oft: „Ich bin zwar der Sams-Autor, aber ich habe auch viele andere Geschichten erzählt.“
Frage: Gibt es ein bestimmtes Buch, das in Ihren Augen mehr Beachtung verdient hätte?
Antwort: Bei „Lippels Traum“ kann ich mich über mangelnde Beachtung nicht beschweren, denn erstaunlicherweise bekomme ich in letzter Zeit viel mehr Briefe dazu als zum Sams – ich schätze, dass es Schullektüre ist. Aber ein Buch wie „Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern“ schieben Lehrer oder Rezensenten ein bisschen zur Seite, weil man gern den Maar als fantastischen Autor haben möchte und nicht als realistischen.
Frage: Ihr erstes Sams-Buch erschien 1973. Schreiben Sie Sams-Geschichten heute anders als vor 50 Jahren?
Antwort: Erfreulicherweise nicht. Und ich versuche auch nicht den Fehler zu machen, dass das Sams plötzlich mit einem Handy telefoniert. Ich habe dem Regisseur beim ersten Sams-Film gesagt: „Wie in meinen Büchern müsste es eine magische Realität geben.“ Also haben wir die Zeit im Film verschleiert, es parkt zum Beispiel kein einziges Auto am Straßenrand. Diese Zeitlosigkeit versuche ich auch in meinen Büchern zu schaffen.
Frage: Haben Ihre Leser, die Kinder, sich verändert?
Antwort: Ich hatte letzte Woche eine Lesung in Essen vor 480 Kindern und die haben an den gleichen Stellen gelacht wie vor 20 oder 30 Jahren. Ich hatte hinterher dann noch eine Stunde Bücher zu signieren – also, es gibt durchaus Kinder, die noch lesen! Auch die Fragen und Wünsche in den Kinderbriefen, von denen ich pro Woche zwischen drei und acht bekomme, sind etwa gleich geblieben.
Frage: Was sind typische Briefe?
Antwort: Die meisten Kinder berichten, dass ihnen mein Buch gefallen hat oder sie fragen, wann das nächste Sams-Buch kommt. Manche vertrauen mir auch Persönliches an. Ein Mädchen schrieb mir: „Hallo Paul Maar, unser Kater ist ganz dick. Der Arzt sagt, er hat Krebs. Das Sams ist doch auch so dick. Bitte, erzählen Sie mir: Hat das Sams auch Krebs?“
Frage: Ich habe meinen Sohn gefragt, welche Frage er an Sie hat, und er sagte: „Ist das Sams ein Junge oder ein Mädchen?“
Antwort: Neudeutsch würde man sagen: Es ist divers. Das Sams sagt: Ich bin kein Junge, ich bin kein Mädchen, ich bin ein Sams.
Frage: Sie haben mal gesagt, dass Sie als junger Autor lieber Bücher für Erwachsene geschrieben hätten. Was ist passiert?
Antwort: Ich hatte damals schon den Entwurf für einen Erwachsenen-Roman. Dann wurden meine Kinderbücher aber so erfolgreich, dass mein Verleger sagte: „Sie haben eine spezielle Begabung, für Kinder zu schreiben. Machen Sie bitte weiter! Für Erwachsene sollen andere schreiben.“ Ich habe dann auch gemerkt, dass es großen Spaß macht.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Weil ich das Kind in mir aufleben lassen kann. Ich schreibe das, was ich als Kind gerne gelesen hätte und fühle mich selbst wieder als Kind.
Frage: Die Wunschpunkte des Sams sollen durch Zufall entstanden sein…
Antwort: Ja, ich wollte Sommersprossen malen, hatte dann aber noch blaue Tinte auf meinem Pinsel. Ich wollte sie schon wegwischen, aber dann dachte ich: „Ich erfinde ja gerade das Sams. Warum sollen Samse keine blauen Sommersprossen haben?“ Nachts um drei kam mir dann die Idee, dass die Sommersprossen Wunschpunkte sind.
Paul Maar: Das Sams und die große Weihnachtssuche, Oetinger 2022, ISBN 978-3751203524