Osnabrück  Neu im Kino: Maria Schraders starkes Hollywood-Debüt „She said“

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 07.12.2022 12:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan) versuchen, die Weinstein-Affäre aufzuklären. „She Said“, ab Donnerstag neu im Kino. Foto: Universal Pictures
Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan) versuchen, die Weinstein-Affäre aufzuklären. „She Said“, ab Donnerstag neu im Kino. Foto: Universal Pictures
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Regisseurin Maria Schrader überzeugt mit ihrem Oscar-verdächtigen Hollywood-Debüt „She Said“ über die Aufklärung der Weinstein-Affäre.

Mit ihren Enthüllungen über sexuelle Gewalt in Hollywood brachten die beiden Investigativreporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey Filmmogul Harvey Weinstein zu Fall. Dabei kam ein System aus Machtmissbrauch, sexueller Gewalt, Unterdrückung, Erpressung und Einschüchterung ans Tageslicht, das in diesem Ausmaß kaum vorstellbar erschien. Für ihre journalistische Leistung haben Kantor und Twohey den Pulitzer-Preis in der Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“ erhalten. Gesellschaftlich gilt ihr Werk als Initialzündung für die #MeToo-Bewegung.

Mit „She Said“, so auch der Titel von Kantors und Twoheys Buch, setzt sich nun auch Hollywood mit dem eigenen Thema auseinander. Allerdings mit einem Blick von außen, was sich als gute Idee erweist. Denn die deutsche Regisseurin Maria Schrader („Unorthodox“, „Ich bin dein Mensch“) verweigert sich über weite Strecken den dramaturgischen Eigenheiten US-amerikanischer Filme über Enthüllungsjournalismus, die nicht selten in Form eines Thrillers inszeniert werden – auch wenn der elliptische Einstieg hier zunächst Hollywood-Standards vermuten lässt.

Hier geht es zum Trailer:

Da tritt eine junge Frau gut gelaunt und voller Erwartungen ihren Traumjob an einem großen Filmset für Hollywood in Irland an. In der nächsten Szene sieht man die selbe Frau dann vollkommen verstört mit halboffener Bluse durch düstere Gassen fliehen. Was ist passiert? 25 Jahre später soll jene Frau, Laura Madden (Jennifer Ehle), eine Schlüsselposition bei der Aufklärung des Weinstein-Falls spielen.

Bis dahin lässt sich Schrader nach der originalgetreuen Drehbuchadaption von Rebecca Lenkiewicz aber Zeit, um über die Figuren der beiden Enthüllungsjournalistinnen in die Handlung einzuführen. Da lernen die Zuschauer zunächst einmal die gestandene Journalistin Twohey (Carey Mulligan) kennen, deren Enthüllungen auch nicht verhindern können, dass aus dem Off Donald Trumps Wahlsieg verkündet wird – woraufhin sich die Leinwand kurz verdüstert.

Aber allmählich laufen die Fäden zwischen Twohey und Kantor (Zoe Kazan) zusammen, und die strukturellen sowie personellen Verwicklungen in der Causa Weinstein kommen mit aller Wucht zum Vorschein. Schrader gelingt es, diese Zusammenhänge so spannend und nachvollziehbar zu inszenieren, dass auch Zuschauer ohne Vorkenntnisse mitgerissen werden.

Dabei vermeidet Schrader in ihrem Film tunlichst reißerische oder gar voyeuristische Darstellungen. Stattdessen setzt sie auf die Macht der Worte, die sie in stille Bilder kleidet, wenn beispielsweise die Kamera in Schleichfahrt durch Hotelgänge kriecht, während aus dem Off Protokolle zu hören sind, die nur erahnen lassen, was die Opfer im Hotelzimmer bei Weinstein als „völlig normal“ über sich ergehen lassen mussten. Ganz zu schweigen von den späteren Repressalien, erpresserischen Abfindungen und Drohungen, mit denen sie anschließend zum Schweigen gebracht werden sollten.

Es verwundert ein wenig, dass der herausragend besetzte und von der US-Kritik hoch gelobte Film, in dem Ashley Judd sich sogar selber spielt, in den USA ein wenig unter den Erwartungen zurückblieb. Aber das könnte sich noch ändern. Der Film wird als heißer Kandidat bei den nächsten Acadamy Awards am 12. März 2023 gehandelt. Da haben Geschichten aus dem wahren Leben im System Hollywood immer eine gute Chance auf den einen oder anderen Oscar.

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