Osnabrück Polizeiruf 110 „Abgrund“: Der starke Abgang des Lukas Gregorowicz
Letzter Auftritt für Lukas Gregorowicz als Kommissar Adam Raczek im Polizeiruf 110 aus Brandenburg. In „Abgrund“ ermittelt er heute Abend gemeinsam mit seinem Nachfolger Vincent Ross (André Kaczmarczyk). Ein starker Krimi zum Wechsel.
War er nicht gerade noch der Neue? Der Neue an der Seite von Maria Simon, die irgendwann mal die Neue an der Seite von Horst Krause war und jetzt schon wieder fort ist? Nun ja, so neu war Lucas Gregorowicz dann doch nicht mehr, schließlich ermittelt er jetzt auch schon seinen zwölften Fall als Adam Raczek im Polizeiruf 110 aus Brandenburg, der mit ihm zur deutsch-polnischen Polizeistory wurde.
Aber was ist das schon gegen die Dienstzeiten der Tatort-Kommissare in Ludwigshafen, München und Köln? Diese Fernseh-Fossile scheinen jedoch eine aussterbende Art zu sein - immer mehr Schauspieler betrachten eine Kommissarsrolle im Sonntagskrimi der ARD nicht mehr als Lebens-, sondern höchstens noch als Lebensabschnittsaufgabe. Und deshalb hat Lucas Gregorowicz nach sieben Jahren diesen Abschnitt für beendet erklärt. Am Sonntag ist er zum letzten Mal als Adam Raczek zu sehen. Dass die Episode „Abgrund” heißt, hat auch mit dem Seelenleben des Polizisten zu tun.
Sie beginnt mit Bildern, die wir so oder so ähnlich schon dutzendfach gesehen haben: Eine Frau hetzt in panischer Angst durch einen nächtlichen Wald, stolpert, stürzt, schreit spitz auf. Die zweite Minute dieses Polizeirufs wird die polnische Geologin Magdalena Nowak nicht erleben. Sie hatte ein Bodengutachten zur Renaturierung des ehemaligen Braunkohletagebaus erstellen sollen, wo in der Kraterlandschaft von einst ein künstlicher See mit Naherholungsgebiet entsteht.
Doch die tote Frau scheint Raczek nicht sonderlich zu interessieren. Von seinem neuen Kollegen, dem Kommissarsanwärter Vincent Ross (André Kaczmarczyk), morgens um sechs aus dem Bett geholt, wirkt er verkatert, fahrig, antriebslos und abweisend. Erst ein paar Tabletten bringen ihn auf Vordermann. Und auch sonst scheinen die Pillen ihn vollends im Griff zu haben, als die Leiche einer weiteren Frau gefunden wird, die schon vor etlichen Jahren umgebracht wurde.
Den Drehbuchautoren Peter Dommaschk und Ralf Leuther sowie Regisseur Stephan Rick ist mit starken Bildern aus den sich wandelnden Braunkohlewüsten im Osten ein sehenswerter, intensiver, feinfühliger und am Ende auch spannender Film gelungen. Ein Krimi, der den einen Kommissar gut aus dem Format herausführt und den anderen bestens hinein. Der Neue hat jetzt erstmal niemanden mehr an seiner Seite. Laut RBB ermittelt Vincent Ross solo weiter. „Zunächst”, wie es heißt. Offenbar will man sich da noch ein Türchen offen halten.
Den Promifaktor, auf den viele ARD-Sender bei der Besetzung ihrer Kommissariate am Sonntagabend setzen, bringt André Kaczmarczyk zumindest nicht mit. Vor allem fehlt ihm die Fernsehberühmtheit. In Thüringen geboren und in Berlin an der „Ernst Busch” zum Schauspieler ausgebildet, ist er nach einem mehrjährigen Engagement am Staatsschauspiel Dresden seit sechs Jahren festes Ensemblemitglied des Düsseldorfer Schauspielhauses. Film und Fernsehen waren für ihn bislang eher Nebensache.
Im Polizeiruf 110 aber zeigt er am Sonntag sein Potenzial für den populären Sonntagskrimi. Einen schwulen oder bisexuellen Kommissar hat sich die ARD lange nicht getraut, bis Robert Karow (Mark Waschke) in Berlin ermittelte. Nun setzt sie auf einen angedeutet diversen. Vincent Ross greift gerne zum Lippenstift, zieht auch mal einen Rock an und kleidet sich auch sonst nicht gerade wie ein Cowboy. Dafür hat er seinen Freud gelesen, versteht etwas von Psychologie, spricht auch mal von kognitiven Dissonanzen - was der klassische Männer-Mann Raczek als Klugscheißerei abtut, bevor er dann doch die Qualitäten des jungen Kollegen erkennt.
„Ich sag Dir eins - unterschätz’ mich nicht,” richtet der ihm ziemlich zu Beginn von „Abgrund” aus. Das sollte auch das Publikum nicht tun. Wer kannte schon Maria Simon, bevor sie als Olga Lenski eine fabelhafte TV-Kommissarin wurde. Auch Lucas Gregorowicz kam 2015 nicht gerade auf dem Superstar-Ticket in der Polizeiruf. André Kaczmarczyk war bis jetzt der Neue, der an seiner Seite ermittelte. Ab Sonntag ist er der Einzige.
Gregorowicz ist übrigens nicht der Einzige, der aus dem Brandenburger Polizeiruf 110 verschwindet: Auch Fritz Roth hat seinen letzten Auftritt. Seit 2011 gab er den Polizeihauptmeister Wolfgang „Wolle” Neumann, einen der Jungs vom Revier, nie im Vordergrund, immer nur eine Nebenrolle. Aber einer, der auch das Gesicht dieses Formats ausmachte. Roth starb am 8. August nach langer schwerer Krankheit. Er wurde nur 67 Jahre alt.
Polizeiruf 110: Abgrund. Sonntag, 11. Dezember, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen