Hannover Warum tragen Sie keine Maske mehr, Frau Behrens?
Nach Corona rollt nun das nächste Virus auf Niedersachsen und hier vor allem auf Kinder zu: RSV. Gesundheitsministerin Behrens sieht die Kliniken aber gewappnet. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt die SPD-Politikerin auch, warum sie kaum noch mit Maske zu sehen ist.
Frage: Frau Gesundheitsministerin Behrens, mal eine persönliche Frage: Ich bin 45, dreimal gegen Corona geimpft, einmal genesen und möchte eine weitere Infektion unbedingt vermeiden: Macht eine vierte Impfung Sinn? Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt einen weiteren Booster für gesunde Menschen unter 60 ja bisher nicht.
Antwort: Unter 60-Jährige, die viele Kontakte zu anderen Menschen haben, können durchaus darüber nachdenken, sich ein viertes Mal gegen Corona impfen zu lassen. Ich würde aber in jedem Fall dazu raten, das mit der eigenen Hausärztin oder dem Hausarzt zu besprechen.
Frage: Sie sind Mitte 50, bisher dreimal geimpft, hatten noch kein Corona, haben als Ministerin aber natürlich viele Kontakte. Wann steht bei Ihnen die vierte Impfung an?
Antwort: Darüber werde ich Anfang nächsten Jahres mal mit meiner Ärztin sprechen. Bisher bin ich aber in der Tat ganz gut durchgekommen. Und Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, meide ich.
Frage: Bei einer Preisverleihung vorige Woche mit 220 Gästen in einem engen Saal haben Sie sich offenbar nicht unwohl gefühlt. Jedenfalls haben Sie auf das Tragen einer Maske verzichtet.
Antwort: Bei mir ist es mittlerweile so, dass ich die Maske fast nur noch im Zug trage, wo sie ja richtigerweise auch noch vorgeschrieben ist. Bei Veranstaltungen aber fühle ich mich als gesunder Mensch ohne Vorbelastungen auch wieder ohne Maske wohl. Das hängt natürlich auch mit der guten Impfquote und dem derzeit moderaten Infektionsgeschehen in Niedersachsen zusammen.
Frage: Niedersachsen hat erst diese Woche wieder Schlagzeilen gemacht als Bundesland mit der deutschlandweit höchsten Corona-Inzidenz.
Antwort: Wir haben mit ziemlicher Sicherheit kein höheres Infektionsgeschehen als die anderen Länder. Die Wahrheit sehen wir bei den Krankenhausbelegungen und die sind in Niedersachsen, was Covid-Patientinnen und Patienten angeht, momentan wieder vergleichsweise niedrig. Aber wir legen im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern nach wie vor Wert darauf, dass positive Corona-Schnelltests mit PCR-Tests bestätigt und diese Fälle dann an das Robert Koch-Institut gemeldet werden. Das zieht dann erhöhte Inzidenzwerte nach sich. Aber nochmal: Es gibt mit Blick auf unsere Kliniken überhaupt keine Anzeichen für ein deutlich erhöhtes Corona-Infektionsgeschehen in Niedersachsen.
Frage: Anders sieht das aus beim Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), das Atemwegsinfekte insbesondere bei Kleinkindern nach sich ziehen kann. Notfallmediziner sprechen von katastrophalen Zuständen und Werten, die „senkrecht nach oben“ gingen. Wie ist die Lage in den Kinderkliniken in Niedersachsen?
Antwort: Wir verzeichnen in der Tat sowohl bei den RS-Viren – vornehmlich bei Kindern – als auch bei der Influenza-Positivrate sehr starke Steigerungszahlen. Das Landesgesundheitsamt sieht anhand von Daten aus Kindertagesstätten und Arztpraxen, dass die Zahl der Atemwegserkrankungen zuletzt deutlich angestiegen ist. Ein Drittel der Infektionen geht dabei auf RSV zurück, der Rest verteilt sich auf die Grippe und andere Erkältungsviren. Das schlägt sich gerade bei kleinen Kindern vermutlich auch deshalb besonders nieder, weil das Immunsystem durch die Corona-Einschränkungen und -Schutzvorgaben in den vergangenen Jahren nicht richtig trainiert werden konnte.
Frage: Nochmal zu den Kinderkliniken: Kommen sie ans Limit?
Antwort: Es ist eine ausgesprochen ernste Lage und die Kinderkrankenhäuser sind stark belastet. Von 241 betreibbaren Intensivbetten für Kinder waren am Donnerstag noch 66 Betten frei, die meisten davon für Neugeborene. Es kommt in dieser Situation leider immer wieder vor, dass ein anderes Krankenhaus aushelfen muss, weil die nächstgelegene Klinik ausgelastet ist. Wenn die Lage vor Ort es erfordert, müssen die Kliniken auch Personal von den Erwachsenenstationen einsetzen oder geplante Operationen verschieben. Die Krankenhäuser gehen mit dieser schwierigen Situation sehr verantwortungsvoll um.
Frage: Werden die Bettenkapazitäten in Niedersachsen ausreichen oder ist zu befürchten, dass Kinder absehbar in andere Bundesländer verlegt werden müssen?
Antwort: Uns ist bisher nur ein Fall bekannt, in dem ein Kind aus Niedersachsen in ein anderes Bundesland verlegt werden musste. Das ist noch die absolute Ausnahme. Wir kennen die Kapazitäten unserer Kliniken aus der Coronazeit sehr gut und gehen – Stand heute – auch nicht davon aus, dass wir zukünftig regelmäßig Patienten in andere Bundesländer verlegen müssen. Auch in der Corona-Pandemie waren wir immer in der Lage, Kinder wie auch Erwachsene gut zu versorgen. Wir mussten nie verlegen, sondern haben sogar noch Patienten aus anderen Bundesländern aufgenommen und versorgt.
Frage: Würde Niedersachsen aktuell wieder aushelfen?
Antwort: Uns geht es darum, dass jede Patientin und jeder Patient bestmöglich versorgt wird, ganz unabhängig vom Wohnort. Mir sind bisher keine Verlegungen aus anderen Bundesländern zu uns nach Niedersachsen bekannt. Sollte es da aber Nachfragen geben, wird das natürlich gemacht, wenn die Kapazitäten bei uns das hergeben. Das regeln die Krankenhäuser dann untereinander. Wir wollen schließlich kein Kind in Gefahr bringen.
Frage: Philippe Stock, Präsident der „Gesellschaft für pädiatrische Pneumologie“ (GPP), einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft der Kinderlungenheilkunde also, spricht sich für eine Maskenpflicht aus, um die Infektionen zu begrenzen. Ist das gerechtfertigt oder übertrieben?
Antwort: Wissen Sie, wir haben ja nun zweieinhalb Jahre intensive Debatten über die Maskenpflicht hinter uns. Ich glaube nicht, dass wir dieses Fass aktuell wieder aufmachen sollten. Wenn sich die Coronalage doch noch einmal dramatisch zuspitzen sollte, sieht unser Stufenplan ohnehin eine Ausweitung der Maskenpflicht vor. Viel wichtiger ist in der derzeitigen Situation aus meiner Sicht, auf Symptome zu achten und das Kind bei ersten Anzeichen lieber zu Hause zu lassen als es in die Kita oder die Schule zu schicken. Gerade für die Kleinsten, die vom RS-Virus besonders gefährdet sind, kann eine Maske ohnehin nicht die Antwort sein.
Frage: Sind denn möglicherweise wie bei Corona landesweite Kitaschließungen nötig, um die Kleinsten vor einer RSV-Infektion zu schützen?
Antwort: Darüber denken wir nicht nach. Vielleicht muss vor Ort mal eine Gruppe oder auch eine Einrichtung geschlossen werden, weil das Personal erkrankt ist. Landesseitig werden wir aber keine flächendeckenden Schließungen anordnen. Wir haben in der Coronazeit noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt bekommen, wie wichtig Kitas und Schulen für Kinder und Jugendliche sind und werden hier nicht zu neuerlichen Einschränkungen kommen.