Gesundheitsvorsorge im Kreis Aurich Norder Krankenhaus soll Kurzzeit-Klinik werden
Das Krankenhaus ist Teil des Modellprojektes „Statamed“ der AOK, das der Bund mit zwölf Millionen Euro fördert. Der Standort soll in eine ambulant-stationäre Versorgung umgewandelt werden.
Norden - Weg von einem Krankenhaus mit Vollversorgung hin zu einer ambulant-stationären Versorgung: Die Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) Norden steht vor einem strukturellen Wandel. Die Klinik ist einer von sechs Standorten eines Modellprojektes der AOK Rheinland/Hamburg und Niedersachsen mit dem Namen „Statamed“. Das bestätigten sowohl die AOK Niedersachsen als auch Andreas Epple, Interimsgeschäftsführer der Klinik-Trägergesellschaft Aurich-Emden-Norden auf Anfrage unserer Zeitung.
Im Rahmen des Projekts sollen die Krankenhäuser in eine ambulant-stationäre Versorgung umgewandelt werden – „Statamed“ steht für die kurzstationäre allgemeinmedizinische Versorgung, teilte ein Sprecher der Krankenkasse mit. Der Bund fördert das Projekt mit zwölf Millionen Euro aus seinem Innovationsfonds, der ein zentrales Instrument zur Förderung neuer Versorgungsformen in Deutschland sein soll. Pro Jahr stehen dafür 200 Millionen Euro zur Verfügung.
Bedarf gerade bei älteren Patienten
Die Idee hinter dem Projekt laut AOK: Außerhalb der klassischen, aufwendigen Krankenhausbehandlung gibt es in Deutschland keine ärztliche und pflegerische „Rund-um-die-Uhr-Versorgung“ für wenige Tage. Gerade bei älteren Patienten mit akuten Infekten oder chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzschwäche bestehe aber zunehmend Bedarf, für kurze Zeit wohnortnah und mit enger Anbindung an ihr häusliches Umfeld und den Hausarzt stationär behandelt werden zu können.
Darum soll es im Modellprojekt ein Versorgungsnetz aus Arztpraxen, Rettungsdienst, Pflegeeinrichtungen, Klinikärzten und Pflegefachkräften geben. Der Patient werde dabei durchgängig von einem „Gesundheitslotsen“ unterstützt. Die Pflegefachkraft aus der Klinik komme nach der Entlassung als „Flying Nurse“ nach Hause.
Noch weiß vor Ort niemand, wie das Projekt umgesetzt werden soll
Das Problem: Noch weiß in Norden anscheinend niemand, wie das Projekt in der Praxis umgesetzt werden soll und was das für den Standort insgesamt bedeutet. Auf Nachfrage nach konkreten Details ließ Interims-Geschäftsführer Epple mitteilen: Die Beantragung für das Modellprojekt sei im Frühjahr dieses Jahres erfolgt, nachdem Gesellschafterversammlung und Aufsichtsrat darüber informiert wurden. Die genaue Ausgestaltung für Norden erfolge in den nächsten Schritten. „Zum jetzigen Zeitpunkt stehen keine Details fest, diese gilt es im Rahmen des Modellprojektes gemeinsam vor Ort zu erarbeiten. Dabei wird das Statamed-Projekt eng verknüpft mit dem Nachnutzungskonzept für den Standort Norden, wenn die Zentralklinik ihren Betrieb aufnimmt“, so Epple.
Wenn das so stimmt, hat sich die Trägergesellschaft mit dem Standort Norden für ein Modellprojekt beworben, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was das für die Zukunft der Klinik bedeutet. Fragen, etwa wie das Krankenhaus umstrukturiert werden soll und was die Norder Klinik künftig sein soll, ob die bisherigen Stationen wie Chirurgie und Notaufnahme erhalten bleiben, wer die künftige Statamed-Station betreiben wird, welches Pflegepersonal dort arbeiten wird, ob diese Station auch über das Jahr 2028 hinaus betrieben werden soll, wenn die Zentralklinik in Uthwerdum den Betrieb aufgenommen hat – all das soll bisher laut Epple komplett ungeklärt sein. Schon Ende 2023 soll das Modellprojekt in Norden aber bereits starten. Andreas Epple sagte im Gespräch mit unserer Zeitung: „Wir freuen uns grundsätzlich erstmal, dass wir dabei sind, weil wir die Möglichkeit haben, etwas Neues auszuprobieren und das auch gefördert wird.“ Grundsätzlich werde der Modellversuch Teil einer neuen Gesamtstrategie für die Norder Klinik sein, so Epple. Dieser werde der neue Geschäftsführer ab Januar erarbeiten.
Mediziner in Norden fürchten weitere Einschnitte
Schon seit Monaten rumort es rund um den UEK-Standort Norden. Mediziner aus dem Altkreis Norden fürchten weitere Einschnitte. Wie berichtet, forderten insgesamt 14 Ärzte in einer gemeinsamen Erklärung Informationen und Aufklärung, wie es mit der UEK in Norden weitergehe. Der mittlerweile ausgeschiedene Geschäftsführer Claus Eppmann hatte jüngst im Kreis-Gesundheitsausschuss gesagt, der Standort Norden werde auf dem Weg zur Zentralklinik gebraucht. Gleichzeitig betonte er aber auch, dass Norden im Zuge der Konsolidierung ein „etwas verändertes medizinisches Gesamtprofil“ bekommen müsse. Ob er damit schon den jetzt anstehenden Modellversuch gemeint hat, ist nicht bekannt.
Für die AOK Niedersachsen geht es bei dem Modellprojekt um nicht weniger als um die „Frage der Zukunft kleiner Krankenhäuser“, teilte Sprecher Johannes-Daniel Engelmann mit. Für das Projekt seien bewusst Standorte ausgewählt worden, an denen „Veränderungen bereits beschlossen“ worden seien. Durch den geplanten Bau der Zentralklinik in Uthwerdum sei die Zusammenführung der Standorte Aurich, Norden und Emden in Planung. Im Rahmen des Projekts würde der Standort in Norden schrittweise umstrukturiert, um dort ein Angebot für niedrigschwellige stationäre Versorgung erproben und aufrechterhalten zu können, so die AOK. Ähnlich gestaltet es sich für den Standort des Krankenhauses Sulingen mit dem geplanten Neubau in Twistringen-Borwede (Landkreis Diepholz) in dem die drei Klinken Bassum, Diepholz und Sulingen zusammengeführt werden. Auch für Bad Gandersheim (Landkreis Northeim) zeichne sich ein neuer Versorgungsbedarf ab. Dort würde die Universitätsklinik Göttingen (UMG) die „Statamed“-Klinik umsetzen.
Universitätsklinikum Eppendorf begleitet Modellversuch wissenschaftlich
Zum Projektkonsortium gehören neben den AOKs Niedersachsen und Rheinland/Hamburg sechs Krankenhaus-Standorte (drei in Niedersachsen und drei in Nordrhein-Westfalen beziehungsweise Hamburg). Die wissenschaftliche Prozessbegleitung übernimmt das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Die externe Bewertung erfolgt durch die Medizinische Hochschule Hannover (MHH – Institut für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin) und das Hamburg Center für Health Economics (HCHE) der Universität Hamburg.
Für den Fall, das die Bewertung des Modellversuchs positiv ausfalle, solle die Statamed-Station auch dann weitergeführt werden, wenn die Zentralklinik bereits im Betrieb ist. Diese Entscheidung treffe allerdings nicht die Krankenkasse, sondern der Krankenhausträger und das Land Niedersachsen, betonte Engelmann.