Gewaltprävention im Sport Wie die Großvereine MTV Aurich und TG Wiesmoor den Nachwuchs vor Missbrauch schützen
Hinschauen und Hinhören sind zwei Bausteine der Präventionsarbeit in den Vereinen. Es gibt aber noch weitere Instrumente.
Aurich/Wiesmoor - Seit 1985 ist Wilfried Theessen der Vereinsvorsitzende des MTV Aurich mit rund 3200 Mitgliedern. Ein Großverein für junge und alte Menschen, für Frauen, Männer und Jugendliche. Ein Zuhause für Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten und Ansichten. Eine Sache hat es unter der Führung von Theessen bisher nicht gegeben. Opfer sexueller Gewalt oder rassistische Angriffe, sagt der Vereinschef auf Nachfrage der ON.
Studie: Missbrauchsfälle werden verschleiert
Rückblick: Eine bundesweite Untersuchung zeigte erst kürzlich, dass der Missbrauch im wettkampforientierten Breitensport groß ist. In der Kritik stehen die Vereine und Verbände, die Betroffene nicht ernst nehmen und die Fälle verschleiert würden, so die Autoren.
Theessen stellt klar, dass die Vereinsführung des MTV sich frühzeitig der Problematik angenommen hat. Dreh- und Angelpunkt ist die Kommunikation beim MTV und die rund 140 Übungsleiterinnen und Übungsleiter.
Insbesondere bei der Prävention von sexualisierter Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit. Dafür hat der Verein vor einigen Jahren ein Papier entwickelt. Ein Verhaltenskodex mit elf Punkten. Grundregeln für Trainerinnen und Trainer, die verpflichtet werden, keinen sexuellen Missbrauch zuzulassen und Kinder und Jugendliche vor körperlichen und seelischen Schäden zu schützen. Diese Richtlinien müssen von den MTV-Mitarbeitern unterschrieben werden. Mittlerweile verlangt der Verein auch ein polizeiliches Führungszeugnis.
Hinschauen und Hinhören
„Mit der Verhaltensrichtlinie werden die Übungsleiterinnen und Übungsleiter sensibilisiert“, meint MTV-Vorstandsmitglied Helga Behrends. Nicht nur das. Kommunikation wird bei diesen sensiblen Themen beim MTV großgeschrieben.
Mit Clivia Rothe vom Jugendamt des Landkreises Aurich holte sich der Verein eine Expertin ins Boot. Sie kommt aus der Jugendpflege und ist auch Fachfrau für Moderation. Darüber hinaus kennt sie den Verein auch von innen heraus als Übungsleiterin. Rothe ist beim MTV Ansprechpartnerin für sexistische, rassistische und andere menschenverachtende Äußerungen. Sie sagt: „Es geht ums genaue Hinschauen und Hinhören. Dabei ist Fingerspitzengefühl notwendig, weil auch die Opfer geschützt und nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden sollten.“
Bisher sind ihr in den vergangenen Jahren beim MTV keine Fälle von Missbrauch bekannt geworden. Sie musste erst einmal in anderer Sache aktiv werden, als sie einen Konflikt zwischen Eltern und der Übungsleitung moderierte. Ein Fall, der aber nichts mit Sexismus oder Rassismus zutun hatte, so Rothe.
TG setzt auf Vier-Augen-Prinzip
Ähnlich verhält es sich bei der TG Wiesmoor, den mit mehr als 3500 Mitgliedern größten Verein in Ostfriesland. Der TG-Vorsitzende Joachim Lammers sagte im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten: „Ich bin seit 21 Jahren im Vorstand. Wir hatten bisher noch keine Fälle von Gewalt bei uns.“
Der Kinder- und Jugendschutz sei in der Satzung des Vereins festgeschrieben, so Lammers. Die Übungsleiterinnen und Übungsleiter müssen eine Selbsterklärung abgeben. Sie verpflichten sich, die Regeln zu beachten und danach zu handeln. TG-Mitarbeiter, die an Schulen tätig werden, müssen ein Führungszeugnis vorlegen. Neben den formalen Kriterien setzt der Verein in der praktischen Arbeit auf ein einfaches System.
„In den Kindergruppen gilt bei uns das Vier-Augen-Prinzip. Also beim Tanzen oder Turnen kümmern sich zwei Verantwortliche um die Kinder. Das hat sich bewährt“, meint Lammers. Gibt es Konflikte, so ist der Jugendwart, die Geschäftsstelle oder der Vorstand Ansprechpartner.
Hin und wieder klingelt schon mal das Telefon, so Lammers, aber dann geht es nicht um sexualisierte Gewalt, sondern Eltern beschweren sich, dass beispielsweise ihr Kind bei Punktspielen nicht zum Zuge gekommen ist. Oft reicht dann schon ein Gespräch aus, um die Wogen zu glätten, so der TG-Chef.
Mehr Fortbildung
Für Lammers sind gut ausgebildete Übungsleiterinnen und Übungsleiter ein wichtiger Baustein bei der Gewaltprävention.
Sensibilisieren heißt das Schlüsselwort in den beiden Großvereinen. Auffälligkeiten wahrnehmen und darüber sprechen und somit Ängste nehmen, ist für Rothe wichtig. Nicht nur das. Sie fordert auch mehr Fort- und Weiterbildung zum Thema Gewaltprävention für die Übungsleiterinnen und Übungsleiter. Das Angebot vom Landessportbund ist noch ausbaufähig, so Rothe. Ende Januar soll Rothe nach Auskunft von Theessen auf der nächsten Vorstandssitzung des MTV zu sexualisierter Gewalt sprechen und die Vorstandsriege informieren und sensibilisieren. Das Thema steht also im Fokus.