Lübeck  Eine neue Welt der Familie Mann im Lübecker Haus der Buddenbrooks

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 25.11.2022 20:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Häuser Nr. 4 und Nr. 6 in der Lübecker Mengstraße sollen zum neuen Museum vereinigt werden. Foto: Thorsten Wulff
Die Häuser Nr. 4 und Nr. 6 in der Lübecker Mengstraße sollen zum neuen Museum vereinigt werden. Foto: Thorsten Wulff
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Lübeck feiert Thomas Mann: Buddenbrooks bekommen mehr Platz im Museum an der Mengstraße. Die Fassade ist alt. Eine Idee soll aber ganz neu sein. Ein literarischer Stadtgang durch Lübeck.

„Wi maaken nu Revolutschon“: Wie geht Weltliteratur auf Plattdeutsch? Klaus Süberkrüp macht es vor. Der Lübecker Stadtführer erklimmt die Stufen des Gebäudes in der Königstraße, dreht sich zu seinem Publikum. Mit einem Mal ist sie ganz gegenwärtig, die Revolution von 1848. Auch im Lübeck der „Buddenbrooks“ tobt sie. Ein bisschen wenigstens. Klaus Süberkrüp spielt sie beide, den tapferen Senator Buddenbrook und den einfältigen Hafenarbeiter Corl Smolt. Buddenbrook hat die Ratsversammlung verlassen, stellt sich den Aufrührern, unter ihnen Corl Smolt. Buddenbrook spricht ihn direkt an: „Wer nu´n verstännigen Kierl is, der geht naa Hus“. Eine Republik? Aber die hätten sie doch schon. Die Revolution löst sich in Heiterkeit auf, jedenfalls in dem Roman von Thomas Mann.

Lübeck, das ist die Stadt des eins, zwei, drei: Ein Kilometer in der einen Ausdehnung, zwei in der anderen und in diesem Geviert drei Nobelpreisträger – Thomas Mann, Willy Brandt, Günter Grass. Klaus Süberkrüp zelebriert sie mit hanseatischer Lässigkeit, diese Erfolgsformel Lübecks, und zieht mit seinen Besuchern durch die Straßen, über Kopfsteinpflaster und an alten Backsteinfassaden entlang. Wo einst Revolutionäre den Aufstand gegen die Senatoren wagten, tagte auch der elitäre Zirkel-Club. Im Ratskeller tobten die Reaktionäre, jedenfalls in dem Roman „Der Untertan“ von Thomas Manns Bruder Heinrich, der in der Hansestadt seine eigenen Wege hatte. Die führten meist abwärts Richtung Hafen, zu leichtlebigen Damen. Klaus Süberkrüp kennt sich aus. Und spricht Lübecker Tonfall.

In der Lübecker Innenstadt, die sich zwischen die Arme der Trave schmiegt, geht Weltliteratur nicht nur auf Platt, hier gibt es auch das Haus dazu. Mengstraße 4: eine magische Adresse, nicht nur für Literaturliebhaber. Hier spielt Thomas Manns „Buddenbrooks“, die Saga von Reichtum und Verfall, von Bürgern und Künstlern, vom Abstieg einer Handelsdynastie. Ab 2023 aber schreiben hier Architekten das Drehbuch. Und das startet 2023 mit Knalleffekt. Denn das Haus hinter der hübsch weißen Fassade soll abgerissen werden. Dafür kommt ein neuer Museumsbau. Auf 2500 Quadratmetern soll hier künftig von der Familie Mann erzählt werden, frisch, farbig, interaktiv.

„Es ist ein Stück Weltliteratur zum Anfassen, das die Hansestadt Lübeck weltweit mit ihrem berühmten Sohn Thomas Mann und seinem Roman „Buddenbrooks“ verbindet“, verweist der leitende Direktor der Lübecker Museen, Hans Wißkirchen, auf den solitären Charme dieses Ortes.  Die Replik der Buddenbrook-Welt mit dem berühmten Landschaftszimmer wird aber nicht wiedererstehen. Darauf verweisen Wißkirchen und Birte Lipinski, Direktorin des Mann-Museums. „Wir sind für die Konzeption mit anderen Literaturmuseen im Austausch, von deren Erfahrungen wir profitieren wollen“, sagt Lipinski und zitiert die Grimm-Welt in Kassel und das Romantik-Museum in Frankfurt.

Lipinski, Wißkirchen und die Architektin Inga Mueller-Haagen von TMHS haben die Tür des für Besucher gesperrten Hauses geöffnet. Drinnen sieht es verkommen aus. Eine alte Aufschrift „Museumskasse“, eine Behelfstreppe, enge Räume: Kaum vorstellbar, dass in diesem Bau aus den Fünfzigern einmal Besucher sich in die Welt der Familie Mann zurückversetzt haben. Der Clou der neuen Lösung: Das Buddenbrook-Haus wird mit dem Nachbarhaus vereinigt. Die Architekten wollen dessen Fassade in drei Teile schneiden, einlagern und dem neuen Bau wiedervorblenden.

Hans Wißkirchen verspricht, dass auch im neuen Haus zentrale Exponate von vergangenen Zeiten erzählen werden. Da ist der originale Bücherschrank der Familie Mann, der hier wieder aufgestellt werden soll. „Thomas Mann hat diesen Schrank ein Leben lang mit sich herumgetragen“, erzählt Wißkirchen von dem Möbel, das Mann ins amerikanische Exil verschiffen und dann wieder nach Europa zurücktransportieren ließ, als tragbares Stück Lübecker Heimat. Zollmarken auf der Rückwand zeugen noch von dem, was Wißkirchen, die „Ausreise des Schrankes“ nennt.

Wißkirchen, Lipinski und Projektleiterin Caren Heuer haben nicht nur den Neubau zu gestalten, dessen Kosten sich auf 35 Millionen Euro belaufen sollen, in die sich Stadt, Land und Lübecker Kulturstiftung teilen wollen. In den nächsten Jahren stehen auch große Jahrestage an. 2024: 100 Jahre „Der Zauberberg“. 2025: 150. Geburtstag Thomas Manns. 2026: 125 Jahre „Buddenbrooks“. Erst im letzten dieser drei Jahre wird das Buddenbrook-Haus für Besucher wieder geöffnet sein – so die Planungen.

Dabei soll der Blick aber nicht nur Thomas Mann gelten. „Wir wollen die ganze Familie Mann in den Blick nehmen“, verspricht Hans Wißkirchen und erläutert: „Auch wenn Thomas Mann dabei besonders im Blickpunkt ist, so ist er doch ohne seinen Bruder Heinrich nicht angemessen zu verstehen. Umgekehrt gilt das auch“. Heinrich Mann ist derzeit präsent. Das Museum präsentiert im St. Annen-Museum als Ausweichquartier eine Schau zu Heinrich Manns „Der Untertan“, einer brillanten Analyse des autoritären Charakters.

„Ich fühle mich bei Dietrich Heßling immer an Donald Trump erinnert“, zieht Stadtführer Klaus Süberkrüp beim Rundgang jedenfalls Parallelen zwischen Heinrich Manns Romanfigur und der aktuellen Politik. Lübeck regte schon damals Erzählungen an. „In dieser räumlichen Enge gab es bürgerliche Wohlanständigkeit nach außen und dahinter moralisch Fragwürdiges“, sagt Süberkrüp versonnen und es ist für einen Moment nicht klar, ob der das wirkliche Lübeck meint oder die fiktive Welt der Buddenbrooks. Aber ist das in dieser Stadt nicht irgendwie ein- und dasselbe?

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