Berlin  Leyla Piedayesh über den Iran und Designer-Schals als Kopftuch

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 24.11.2022 19:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
lala-Berlin-Gründerin Leyla Piedayesh spricht im Interview über das Kopftuch. Foto: imago images/Eventpress
lala-Berlin-Gründerin Leyla Piedayesh spricht im Interview über das Kopftuch. Foto: imago images/Eventpress
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Leyla Piedayesh ist mit ihrem Label „lala Berlin“ eine von Deutschlands Top-Designerinnen. Geboren wurde sie im Iran. Was denkt sie über die Revolution, die Frauen von Teheran und über die Kopftuch-Debatte? Ein Interview.

Leyla Piedayesh ist mit ihren Strickkollektionen zu einer der populärsten Modeschöpferinnen Deutschlands geworden. Die ersten Jahre ihres Lebens hat die 51-Jährige im Iran verbracht – wo das Volk gerade gegen ein Regime auf die Straßen geht, das Frauen rücksichtlos unterdrückt. Im Interview vergleicht Piedayesh den Iran der 70er mit dem der Gegenwart und denkt darüber nach, wie politisch Kleidung ist.

Frage: Frau Piedayesh, im Land ihrer Kindheit findet gerade ein historischer Volksaufstand statt. Hunderte Demonstranten sind bereits getötet worden. Wie fühlt es sich für Sie an, dass Sie jetzt hier sind?

Antwort: Als Erstes würde ich gerne betonen, dass es weniger ein Aufstand ist als vielmehr eine Revolution. Die Menschen wollen keine Reformen, sondern einen Machtwechsel! Das aktuelle Regime führt währenddessen Krieg gegen das eigene Volk. In Deutschland zu sein, fühlt sich für mich in erster Linie sicher an. Dennoch erwische ich mich manchmal bei einem total unrealistischen Gedanken: mich in den Flieger zu setzen und mitzumachen, vor Ort zu sein, den Menschen zu helfen und der eigenen Überzeugung eine Form zu geben. Doch zum Glück sind wir auch hier nicht hilflos, wir demonstrieren, wir protestieren, wir erheben unsere Stimme. 

Frage: Bei einer Solidaritätskundgebung haben Sie die Sorge geäußert, dass Sie bei einer Reise in den Iran noch am Flughafen verhaftet werden könnten. Ist das realistisch?

Antwort: Vielleicht ist es realistisch, vielleicht aber auch absurd. Aber die Angst ist da, dass das Regime hinter jedem her ist, den es als Feind wahrnimmt. Und ich bin mir sicher, dass es sehr zweifelhafte Methoden und technische Mittel wie zum Beispiel Gesichtserkennung nutzt.

Frage: Auslöser der Proteste war das Schicksal von Mahsa Amini, die getötet wurde – weil sie ein Kopftuch falsch getragen haben soll.

Antwort: Mahsa Amini gehört einer Generation von Frauen an, die von der Politik des neuen Präsidenten Ebrahim Raisi überrumpelt wurde. Er wurde im letzten Jahr aufgestellt (nicht gewählt!) und hat die Unterdrückung der Frauen seitdem massiv verschärft. Meine Familie hat den Iran 1979 verlassen; 1985 war ich zum ersten Mal wieder im Land …

Frage: … also im Alter von 15 Jahren? Rechne ich richtig?

Antwort: Ja, genau. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Mädchen von neun Jahren als Frau gilt und ab dann verheiratet werden kann, vielleicht mit einem 65-jährigen Mann, er kann auch älter sein. Ab dann gilt also auch die Kopftuchpflicht. 1985, sechs Jahre nach der iranischen Revolution, war alles superstreng: Kein Nagellack, kein Lippenstift, alles verboten. Vor sechs Jahren war ich zum letzten Mal im Iran und da dachte ich: Wow! Junge Mädchen fuhren Rollschuh, sie waren nicht mehr bis zu den Füßen verhüllt, trugen Lippenstift, das Kopftuch wurde locker getragen, mit einer Locke vorne auf der Stirn. Es war ein Fortschritt. Und der wird jetzt von Raisi wieder einkassiert. Das Kopftuch gehört wieder direkt über die Augenbrauen; und das wird mit extremen Kontrollen überwacht. Damit trifft das Regime jetzt Frauen, die nicht mehr in meinem Alter sind, sondern im Alter meiner 14-jährigen Tochter. Diese jungen Frauen sind zwar nicht gerade frei aufgewachsen, aber eben doch schon in erträglicheren Umständen als ihre Mütter. 

Leyla Piedayesh modelt gemeinsam mit ihrer Tochter im Insta-Post:

Frage: Was hören Sie zurzeit aus dem Iran?

Antwort: Gerade habe ich mit meiner Freundin telefoniert. Seit Mahsa Aminis Tod laufen alle demonstrativ ganz ohne Hidschab rum. Damit ist es eine Revolution. Jetzt haben alle genug. Nicht nur die Frauen. Alle. Es gab im Iran auch früher schon Aufstände, aber das gab es noch nie. Die Bazars, die Geschäfte, die Cafés: alles geschlossen. Die Leute gehen auf die Straße und sind bereit zu sterben – weil sie so nicht mehr leben wollen. Leute, die so alt sind wie unsere Kinder, geben ihr Leben für eine Veränderung.

Frage: Wird sie kommen?

Antwort: Ich will nur positiv denken: Auf jeden Fall wird es eine Veränderung geben. Was soll das Regime noch machen? Sie können nicht alle umbringen, daher muss sich etwas ändern. Ich bin nicht religiös, aber ich bin mit dem Islam aufgewachsen. Und jetzt sage ich es auch mal: Inschallah! Es wird alles gut! So Gott will!

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Frage: Was wünschen Sie sich von der deutschen Politik?

Antwort: Wir wünschen uns Sanktionen von deutscher und von internationaler Seite, die empfindlichen Druck auf das Regime ausüben und die eine Veränderung herbeiführen. Wir wünschen uns eine eindeutige Haltung und ein Einstehen für elementare Menschenrechte, die gerade allesamt missachtet werden. Denn ich glaube, die Erwartung ist es, gesehen zu werden. Der Wunsch in der Community ist, dass jemand zu uns spricht und uns sagt: Wir sehen, was da los ist.

Antwort: Die Situation im Iran ist inakzeptabel. Gerade erst wurde ein Junge getötet, der noch keine zehn Jahre alt war. Der hatte noch nicht einmal demonstriert; der ist lediglich von der Schule mit seinem Vater nach Hause gegangen. In den Gefängnissen werden die Frauen misshandelt und vergewaltigt. Das ist absolut unmenschlich. Und als jemand, der im freien Westen lebt, wünscht man sich Empathie und Haltung den Menschen gegenüber, die dort gerade sterben.

Frage: Als Sie den Iran verlassen haben, waren Sie neun. Was für Erinnerungen haben Sie an das Land?

Antwort: Ich hatte eine total unbeschwerte, superfröhliche Kindheit. In meiner Familie gab es immer Feste, große Essen. Mein Leben war glücklich, warm und sonnig.

Frage: Wie haben Sie als Kind dann die iranische Revolution erlebt, die Absetzung des Schahs und die Einführung des Gottesstaats?

Antwort: Das liegt für mich alles im Dunkeln; meine Eltern haben mich abgeschirmt. Was ich auch als Kind schon mitbekommen habe: Die Läden, in denen man Alkohol kaufen konnte, wurden in Brand gesteckt. Und unsere Nachbarn waren persische Juden; die sind über Nacht abgehauen. Mehr als solche Bruchstücke weiß ich nicht mehr.

Frage: Haben Sie noch die Kopftuchpflicht erlebt?

Antwort: Nein. Das war sicher auch ein Grund für meine Eltern, das Land zu verlassen und zu meinen Großeltern zu ziehen; die waren schon in den 50ern nach Deutschland emigriert. Meine Eltern haben geahnt, was da kommt.

Wahrer Ruhm: Der Spielzeughersteller Mattel hat Leyla Piedayesh in der „Shero“-Reihe als Barbie porträtiert.

Frage: Was haben Sie auf die Flucht mitgenommen?

Antwort: Leider gar nichts; ich wusste schließlich nicht, dass es eine Flucht sein würde. Mir wurde es als Sommerurlaub erklärt. Bei der Abreise wurde mein Vater dann angehalten – weil er angeblich auf einer schwarzen Liste stand. Er ist dann ein gutes Jahr später über die Türkei geflüchtet.

Frage: Was vermissen Sie aus Ihrer Kindheit?

Antwort: Die Gerüche. Die Klänge der Straßen, das Hupen, das Gewusel, das liebenswerte Chaos. Auch die herzliche Gastfreundschaft und Warmherzigkeit der Menschen. Die Nächte in Teheran, mit all den kleinen Essenständen. Überhaupt das Essen: Ghorme Sabzi, Cholo Kebab, Fleisch, das über mehrere Stunden geschmort wird, mit viel Kräutern und Gemüse und diesem angebratenen Tahdig Reis – auch wenn es das hier gibt, ist es doch immer etwas anderes, das vor Ort zu genießen.

Frage: Die islamische Kunst liebt das Ornament. War das prägend für Sie?

Antwort: Total. Allein in den Webmustern. Damit arbeiten wir rauf und runter. Orientalische Muster haben mich geprägt.

Frage: Gibt es eine iranische Stricktradition?

Antwort: Nicht so, wie es Norwegermuster gibt. Perser knüpfen mehr.

Frage: Die Revolte im Iran hat sich an Kleidervorschriften entzündet, also würde ich gern ein paar Modefragen stellen. Die erste: Stört es Sie, wenn man Ihre Schals als Kopftuch bindet?

Antwort: Die Frage finde ich gut. In den letzten Jahren kam das Kopftuch fashionmäßig ja wirklich wieder auf; auf einmal haben das alle supergern getragen. Nicht weil sie sich verhüllen wollen, sondern weil es schick ist – so wie in den 50ern im Cabriolet.

Frage: So wie Grace Kelly.

Antwort: Exactly! Das ist schon komisch für mich – weil es gegen alles geht, was gerade im Iran passiert. Aber natürlich muss man das trennen: den Trend hier und den Protest dort. Und dann finde ich auch: Wenn jemand das Kopftuch aus religiöser Überzeugung trägt, weil er daran glaubt, dann darf ich das nicht verurteilen. Meine Oma hat das Kopftuch aus Überzeugung getragen. Wenn ich bei ihr war, musste ich trotzdem keins tragen – weil wir einander toleriert haben. Das ist die richtige Haltung, finde ich. Wir alle sollten einander nicht verurteilen.

Frage: Die Frauen im Iran demonstrieren mit dem Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit. Sie haben das inzwischen auf Hoodies gedruckt.

Antwort: Leider nicht. Ich habe Zen, Zendegi, Adazi geschrieben, also die persische Version. Im Original ist es kurdisch; die kurdischen Frauen haben damit angefangen. Und nach dem Tod von Mahsa Amini ist das ins Persische übergeschwappt.

Frage: Ihre Hoodies wurden erstmal auf Kundgebungen getragen. Aber taugt diese Art des Engagements auch für den Laufsteg? 

Antwort: Im Moment steht das nicht zur Debatte, auch weil gar kein aktueller Laufsteg ansteht. Für mich sind diese Hoodies als ein ganz persönliches Statement gedacht, welches ich schnell und unkompliziert umsetzen, nach außen tragen und somit für alle sichtbar machen kann. 

Frage: In den 90ern gab es die Debatte schon mal, als Oliviero Toscani für Benetton-Reklame Aids-Kranke und blutige Uniformen toter Soldaten fotografiert hatte: Kann Mode ein politisches Anliegen vermitteln oder ist das unzulässig?

Antwort: Natürlich kann sie das! Mode transportiert eine Aussage, hinter der ich stehe. Ich glaube, das hat sich ganz stark gewandelt: Kunst, Musik, Mode – der kreative Bereich funktioniert nicht nur mehr in der eigenen Enklave, sondern übergreifend. Mode kann also schon politisch sein.

Antwort: Aber natürlich gibt es Labels, die ihre Inspiration stärker als ich aus dem Politischen ziehen. Katharine Hamnett hat ihre Mode schon in den 90ern ganz bewusst mit politischen Slogans bedruckt. Bei mir ist es jetzt mehr eine persönliche Verpflichtung.

Frage: Kann Mode auch feministisch sein? Oder tradiert sie doch eher alte Rollen- und Schönheitsbilder?

Antwort: Es ging ja schon bei den Anfängen des Feminismus los, als die Suffragetten die Corsage abgelegt haben. Später gab es dann Coco Chanel, die für selbstbewusste und moderne Frauen designte und erstmals auch Hosen für Frauen salonfähig machte. Mode hat immer wieder über die Zwänge nachgedacht, nach denen Frauen sich anziehen sollten. Ich selbst war immer „boyish“, knabenhaft also, ich habe immer gern Männerhosen und Turnschuhe getragen – vielleicht ist das auch eine unbewusste Reaktion auf meine Herkunft mit ihren extremen Frauenbildern gewesen. Ich bin mir mit dieser Haltung immer treu geblieben und sehe jetzt, dass sich genderübergreifend sowieso gerade alles ändert. Männer tragen inzwischen Röcke. Jeder kann alles anziehen; und ich finde es wunderbar, dass man sich darüber keine Gedanken mehr machen muss.

Frage: Wenn ich das richtig sehe, waren Sie an den letzten beiden Staffeln von „Germany‘s Next Topmodel“ beteiligt.

Antwort: Wir haben mit den Kandidatinnen jeweils ein Shooting gemacht. Ich liebe Heidi Klum. Sie ist frisch, fröhlich, frei und macht ihr Ding. Manchen gefällt es vielleicht nicht, wenn sie ihren Po oder ihren Busen zeigt. Lasst sie doch! Alles Neid. Ich finde sie toll. Zumal sie sich mittlerweile ein richtiges Imperium aufgebaut hat; und die Anerkennung steht ihr zu.

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