Berlin Netflix-Serie „1899“: Was ist dran am Plagiatsvorwurf?
Die Comic-Autorin Mariana Cagnin nennt die Netflix-Serie „1899“ ein Plagiat. Auf Twitter präsentiert sie Analogien zu ihrem Buch „Black Silence“. Die Netflix-Produzenten widersprechen. Wer hat Recht?
Wenige Tage nach dem Start führt das Mystery-Format „1899“ bei Netflix die Hitliste der meistgesehenen Serien, noch vor den neuen Staffeln von „Élite“ und „The Crown“. Wie schon bei ihrem Vorgänger „Dark“ treffen die Produzenten und Autoren Baran bo Odar und Jantje Friese einen Nerv. In den Erfolg platzt jetzt allerdings ein hässlicher Vorwurf: Hat die Netflix-Produktion sich bei einem brasilianischen Comic bedient? Das unterstellt die Autorin Mariana Cagnin. Auf Twitter listet sie die Ähnlichkeiten der Serie zu ihrem Comic „Black Silence“ auf.
Im Gespräch: Jantje Friese und Baran bo Odar erzählen, wie sie zu Netflix kamen
„Einfach identisch“, schreibt Cagnin, sei die Netflix-Serie „mit meinem Comic ‚Black Silence‘, das 2016 veröffentlicht wurde“. Dazu stellt sie mehrere Bilder im Direktvergleich. Und tatsächlich: Die schwarze Pyramide der Netflix-Serie hat ein Pendant in ihrem Comic. Und hier wie dort taucht einmal ein Dreieck in den Augen der Protagonisten auf. Cagnin ruft die Twitter-Gemeinde auf, nach weiteren Analogien zu suchen – und formuliert den Vorwurf der kulturellen Aneignung: „Wir haben unzählige Fälle von Gringos, die uns kopieren, in Filmen, Serien und Musik.“
Von der Stichhaltigkeit ihres Vorwurfs ist Cagnin so überzeugt, dass Sie ihr eigenes Buch zur Überprüfung gratis ins Netz stellt. (Wenn Sie diesem Link folgen, können Sie „Black Silence“ lesen.) Eine bittere Pointe steckt dabei schon in ihrem Vorwort: „Als Autor weiß man“, schreibt Cagnin, „nach der Veröffentlichung ist ein Buch wie ein Kind, das auf die Welt gekommen ist – es gehört dir nicht mehr.“ Sollte das im Ideenklau wahr geworden sein?
Wenn man Cagnins Comic liest, kann man ihren Eindruck zumindest nachvollziehen. „Black Silence“ und „1899“ überschneiden sich in etlichen Themen und Motiven – auch wenn das Setting zunächst ein ganz anderes zu sein scheint: „Black Silence“ spielt im 22. Jahrhundert; nach einer irdischen Apokalypse reist eine internationale Mannschaft hier ins All, um der Menschheit einen neuen Planeten zu suchen. Die Netflix-Serie ist dem Titel nach rund 200 Jahre früher angesiedelt; auch sie spielt auf einem Schiff. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein Raumschiff, sondern um einen Überseedampfer. Auch hier suchen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten das Glück einer neuen Welt. Und in einer sehr überraschenden Volte rückt „1899“ in der Schlussepisode sogar noch ein Stück näher an das Comic heran.
Bloße Analogien machen ein Werk aber noch nicht zum Plagiat. Schon gar nicht im Bereich von Genre-Geschichten. Deren Kennzeichen ist gerade der Rückgriff auf formelhafte Elemente – zum Beispiel das der schwarzen Pyramiden. Eine kurze Google-Recherche dazu ergibt, dass sie bei weitem nicht nur bei Netflix und im Comic auftauchen. „Black Pyramid“ ist auch der Name mehrerer Songs, zwei stammen von den Bands AUN und Poetic Death. Eine Metal-Band hat sich selbst und ein komplettes Album „Black Pyramid“ genannt. Außerdem gibt es die Bekleidungsmarke „Black Pyramid“, das Gewürz „Schwarzes Pyramidensalz“ und sogar ein reales Pharaonengrab heißt so: Die Amenemhet-III.-Pyramide wird auch als Schwarze Pyramide bezeichnet.
Und dann: So „identisch“, wie Cagnin es schreibt, sind das Comic und die Netflix-Produktion auch wieder nicht. In der Serie geht‘s um Hirnforschung, im Comic um Exobiologie, hier um persönliche Traumata, dort um eine postapokalyptische Gesellschaft. Netflix schlägt feministische Töne an und inszeniert schwule Beziehungen, die im Comic nicht auftauchen. Dafür erzählt das Buch von einem Menschenklon und Rebellen. Dass in beiden Mystery-Geschichten schwarze Pyramiden auftauchen, ist also vor allem dies: ein nicht mal besonders unwahrscheinlicher Zufall.
Auch Baran bo Odar, einer der beiden Showrunner von „1899“, hat sich inzwischen zu den Plagiatsvorwürfen geäußert. „Leider kennen wir die Künstlerin nicht, weder ihr Werk noch ihr Comic“, schreibt er auf Instagram. „Wir würden nie von anderen Künstlern stehlen, weil wir uns selbst als Künstler sehen. Wir haben Kontakt zu ihr aufgenommen und hoffen, dass sie die Anschuldigungen zurücknimmt. Das Internet ist ein seltsamer Ort geworden. Bitte mehr Liebe als Hass.“
„1899“ auf Netflix: Die neue Serie der „Dark“-Macher Jantje Friese und Baran bo Odar war am 17. November online gegangen. In acht Episoden erzählt „1899“ von den mysteriösen Geschehnissen auf dem Überseedampfer „Kerberos“. Die Mystery-Serie ist auf drei Staffeln angelegt.