Osnabrück  E-Auto oder Diesel und Benziner – was ist in der Energiekrise günstiger?

Svana Kühn
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Von Svana Kühn
| 21.11.2022 15:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Nach Plänen der Bundesregierung sollen bis 2030 mindestens 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Foto: dpa/Julian Stratenschulte
Nach Plänen der Bundesregierung sollen bis 2030 mindestens 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Foto: dpa/Julian Stratenschulte
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Wegen der hohen Spritpreise überlegen viele Menschen, auf das E-Auto umzusteigen. Doch auch die Strompreise explodieren. Lohnt sich der Umstieg überhaupt noch? Hier die sechs wichtigsten Fragen und Antworten von ADAC-Elektroauto-Experte Matthias Vogt.

An den deutschen Tankstellen ist Sprit weiterhin deutlich teurer als im Vorjahr. Das E-Auto könnte eine Alternative sein, doch auch die Strompreise bewegen sich auf Rekordniveau. Was ist denn nun günstiger?

Lohnt sich ein Elektroauto bei den gestiegenen Kraftstoffpreisen?

Eine pauschale Antwort darauf, ob man mit einem Verbrenner oder einem Elektroauto günstiger unterwegs ist, gebe es nicht, sagt Matthias Vogt, Elektroauto-Experte beim Verkehrsclub ADAC gegenüber unserer Redaktion.

Ob sich eine Ersparnis bemerkbar macht, hänge von verschiedenen Faktoren ab: „Der größte Block ist immer die Anschaffung minus einem erwarteten Wiederverkaufswert nach einer gewissen Haltedauer. Also im Prinzip der Wertverlust.“ Hinzu komme der Strom- beziehungsweise Spritpreis, zu dem geladen oder getankt wird, und die zurückgelegte Fahrtstrecke. Gerade bei dem Strompreis sei die Preisspanne sehr groß. „Da muss man sich dann tatsächlich zwei oder drei Vergleichsfahrzeuge rausnehmen und den Vergleich ziehen“, sagt Vogt.

Statista-Grafik: Weiterhin keine Stabilität bei Kraftstoffpreisen

Der ADAC hat sich nahezu alle auf dem deutschen Markt erhältliche Elektroautos vorgenommen und nachgerechnet, ob es sich neben dem ökologischen Aspekt auch wirtschaftlich lohnt, auf ein Elektroauto oder einen Plug-In Hybrid umzusteigen. Nimmt man alle Kosten eines Autos zusammen, vom Kaufpreis über sämtliche Betriebs- und Wartungsaufwände bis zum Wertverlust, schneiden Elektroautos laut ADAC häufig, aber nicht immer besser ab als Benziner oder Diesel.

Verglichen wird beispielsweise der ID.3/Golf von Volkswagen (Elektrofahrzeug; Grundpreis: 38.060 Euro) mit dem 1.5 eTSI Golf mit DSG (Super; Grundpreis: 33.520 Euro). Zieht man die aktuelle Elektro-Umweltprämie – bis zu 9000 Euro Zuschuss – vom Kaufpreis des Stromers ab, dann ist der ID.3 günstiger in der Anschaffung als der 1.5 eTSI – mit Folgen für den Wertverlust, der dann entsprechend geringer ausfällt. Hinzu kommen die geringeren Wartungs- und Betriebskosten: Die e-Version kommt bei der Gesamtrechnung auf 52,5 Cent pro Kilometer, der vergleichbar ausgestattete Benziner auf 58,6 Cent.

Wo lädt man das E-Auto am günstigsten?

Es gebe noch immer kostenfreie Ladestationen, sagt Vogt. Bei manchen Einkaufszentren zum Beispiel. Aber die nähmen sukzessive ab. „Wenn ich zu Hause an meiner Photovoltaikanlage Strom für 10 bis 15 Cent lade, ist das natürlich super günstig und auch der sauberste Strom. Wenn ich aber an der Autobahn – an den Schnellladesäulen – laden muss, ist das relativ teuer. Da zahle ich etwa 80 Cent.“

Unter den Umständen sei der Verbrenner in der Gesamtrechnung günstiger. Der Tarif-Tipp des Experten: „Mit den Ladetarifen ist es so ähnlich wie beim Mobilfunk: Ich muss mich informieren, was für mich der passende Tarif ist.“

Der Ausbau der Ladestationen hat in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Laut Daten der Bundesnetzagentur haben wir rund 59.000 Normalladestationen und mehr als 11.000 Schnellladepunkte in Deutschland. Aber reicht das, um auch die wachsende Nachfrage zu decken?

„Man kann theoretisch nie genug Ladestationen haben“, sagt Vogt. Die Ladeinfrastruktur sei in den vergangenen Jahren in Vorleistung gegangen. „Wir haben in vielen Regionen Deutschlands eine gute Abdeckung.“

Aktuell nehme die Anzahl der Autos aber kräftig zu. „Und jetzt ist es wieder an der Ladeinfrastruktur, da Schritt zu halten.“ Eine Schwierigkeit sieht der Experte in den langen Lieferzeiten. „Das ist natürlich eine Herausforderung, die gemeistert werden muss.“

Wie klimafreundlich ist das Elektroauto im Vergleich zum Verbrenner?

Die Elektromobilität ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Ob die Klimabilanz eines E-Autos weniger schlecht ausfällt als die eines Verbrenners, ist allerdings umstritten. Voraussetzung für klimafreundliche E-Autos sei vor allem sauberer Strom – für das Laden des Fahrzeuges genauso wie für die Produktion von Fahrzeug und Batterie. „De facto ist es so: Wenn ein E-Auto gebaut wird, dann hat es erst einmal mehr CO2 verbraucht, weil die Produktion energieaufwendiger ist. Insbesondere die Produktion der Batterie“, sagt Vogt. Erst über die Laufleistung wende sich das Blatt.

Ob das E-Auto den Verbrenner bei 50.000 oder erst bei 100.000 Kilometern überhole, sei von Fahrzeug zu Fahrzeug unterschiedlich. Doch „wenn wir da weitermachen mit dem regenerativen Strom, dann wird es immer besser. Der Stellhebel ist also die Stromproduktion in Deutschland, die sukzessive sauber werden muss. Kombiniert natürlich mit privaten PV-Anlagen.“

Gibt es eine Methode, um die Batterien der Elektrofahrzeuge zu recyceln?

Irgendwann hat auch der beste Akku ausgedient. Doch was wird dann aus der E-Auto-Batterie? Innerhalb der EU ist das klar geregelt: Die Hersteller sind dazu verpflichtet, die Batterien zurückzunehmen – und für die Kosten des Recyclingprozesses aufzukommen. Aber funktioniert das überhaupt?

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Technisch sei das Recycling der E-Auto-Batterien möglich: „Man kann die Akkus zu einem sehr hohen Prozentsatz recyceln“, erklärt Vogt. „Was in der Batterie-Chemie drin ist – ob das Lithium ist, ob das Kobalt ist oder Nickel – das sind wertvolle Rohstoffe, die wir zurückgewinnen sollten.“ Schlussendlich sei es aber auch eine wirtschaftliche Herausforderung. „Natürlich müssen die Kosten eines recycelten Rohstoffes wettbewerbsfähig sein zu einem neu gewonnenen Rohstoff“, sagt Vogt. Es müsse außerdem sichergestellt werden, dass die Batterien verlässlich zurückgegeben werden: „Die dürfen nicht irgendwo auf Halde verrotten oder in andere Länder exportiert werden.“

Aktuell kämen jedoch kaum Batterien zurück. „Zum Großteil sind die ja noch in den Fahrzeugen drin. Aber es wird kommen. Das ist eine Frage der Zeit und dann müssen wir eine Lösung haben.“

Wenn immer mehr Elektroautos auf die Straße kommen, werden wir in Zeiten der Energiekrise überhaupt genug Strom erzeugen können, damit alle fahren können?

Die Neuzulassungen von Elektroautos steigen rasant an. Ob auch künftig genug Strom zur Verfügung steht, um alle E-Fahrzeuge laden zu können, hänge davon ab, wie schnell der Ausbau der erneuerbaren Energien vorankomme. „Wir wollen aus dem Atomstrom aussteigen, wir wollen aus der Kohle aussteigen. Das muss kompensiert werden“, sagt Vogt. Wenn das gelingt, dann sei es durchaus denkbar, dass alle Fahrzeuge elektrisch fahren.

Es gebe da bereits eine hypothetische Rechnung: „Wenn alle Autos – also etwa 48 Millionen Pkw – von heute auf morgen auf Elektro umgestellt werden, dann haben wir einen um 15 Prozent höheren Stromverbrauch. Das ist vielleicht gar nicht so viel, wie man gedacht hätte, aber es ist eben auch nicht zu vernachlässigen.“

Statista-Grafik: Markt für Elektroautos wächst rasant in Europa

Im Zuge unseres Energiekrise Spezials haben unsere Moderatoren Michael Clasen und Svana Kühn auch mit Melanie Speck, Professorin für Sozioökonomie in Haushalt und Betrieb an der Hochschule Osnabrück, über gesunde und dennoch günstige Ernährung gesprochen. Sie haben die Sendung verpasst? Hier können Sie sich die Aufzeichnung ansehen:

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