Hamburg Weihnachtsmärkte sind voll, teuer, ungemütlich – und absolut wunderbar
Frierend im Gedrängel überteuerten Punsch trinken: Weihnachtsmärkte machen keinen Sinn. Deswegen brauchen wir sie genau jetzt so dringend.
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Glühwein zu Hause statt auf dem Weihnachtsmarkt: Als mir eine Freundin von ihren Abendplänen erzählte, war ich unsicher, ob ich zustimmend nicken oder sie entgeistert ansehen sollte. Der Freundeskreis wolle etwas Geld sparen und es sich lieber zu Hause mit Glühwein aus dem Supermarkt (5 Euro pro Flasche) gemütlich machen, statt auf dem Weihnachtsmarkt (5 Euro pro Becher) auf den Beginn der Vorweihnachtszeit anzustoßen.
Ein unschlagbares Argument, denn sind wir ehrlich: Fasst man die nüchternen Fakten zusammen, spricht nur sehr wenig für einen Weihnachtsmarkt. Neben den horrenden Preisen für klebrige Heißgetränke und verbrannte Würstchen, für die man auch noch 15 Minuten anstehen muss, ist es auf Weihnachtsmärkten so laut und voll, dass man seine Begleitung schneller verliert, als Wham einen mit „Last Christmas“ beglücken kann. Zumal der „Markt“ oft ein Euphemismus ist für die drei Buden mit überteuertem Kokolores, den niemand braucht und über den sich niemand unter dem Baum freut.
Lust auf einen Ohrwurm?
Und wer über das alles hinwegsehen kann und trotz Inflation einen Fünfziger übrig hat (günstiger ist es als Familie mit Essen, Punsch und Kinderkarussell kaum machbar), den begleiten die Gewissensbisse wegen der Beleuchtung (Stromverschwendung), der Infektionsangst (Corona) und der Frage, ob es überhaupt möglich ist, feierlich und besinnlich zu sein, wenn Krieg in der Ukraine herrscht.
Ja, es ist möglich, den Weihnachtsmarktbesuch trotz allem zu genießen – und es ist in diesen Zeiten bitter nötig. Ich vergesse all die Gegenargumente, wenn ich mit meinen Liebsten Feuerzangenbowle trinke, eine Portion Schmalzgebäck esse und im Lichterglanz der Buden einem Rentier beim Singen zuhöre.
Wenn ich an die glücklichsten Erinnerungen des vergangenen Winters denke, sind es die Weihnachtsmarktbesuche. Etwa, als meine Freundin und ich beim Versuch scheiterten, auf allen Hamburger Weihnachtsmärkten einen Glühwein zu trinken. Oder als mein Mann und ich den wunderschönen Weihnachtsmarkt in Lübeck mit seinen in der ganzen Stadt verteilten Buden entdeckten. Oder als ich einen Tag vor Heiligabend mit meiner Familie in meiner kleinen süddeutschen Heimatstadt mit Punsch anstieß.
Was haben all diese Momente gemeinsam? Sie waren in meinem Fall vor allem Auszeiten vom selbst verursachten Stress der Vorweihnachtszeit. Die Last des Krisenjahrzehnts schien vom Dröhnen der Lautsprecher, aus denen „Driving Home for Christmas“ schallte, auf einmal ganz leicht. Und die kindliche Freude, dass bald Weihnachten ist, war allgegenwärtig.