Ein Jahr warten auf Entscheidung  Hickhack um Norder „Café am Markt“ geht weiter

| | 18.11.2022 09:02 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Silvia Gültzow im Café am Markt: Sie möchte endlich wissen, wie es für sie weitergeht. Foto: Rebecca Kresse
Silvia Gültzow im Café am Markt: Sie möchte endlich wissen, wie es für sie weitergeht. Foto: Rebecca Kresse
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Die Betreiberin will endlich wissen, wie es mit dem Lokal weitergeht. Stadt und Kurverwaltung vertrösten sie seit mehr als einem Jahr. Zusagen von Bürgermeister Florian Eiben scheinen zu versanden.

Norden - Darf die Betreiberin des Cafés am Markt, Silvia Gültzow, weitermachen oder nicht? Seit Monaten wartet Gültzow auf eine Antwort auf diese Frage – wahlweise von der Stadt Norden oder der Kurverwaltung in Norddeich. Jetzt nutzte sie die Bürgersprechstunde im Norder Rat, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Ein Anruf unserer Zeitung bei Kurdirektor Stefan Krieger zeigt allerdings: Das Hickhack um das Café geht weiter. Seine Antwort wirft mehr Fragen auf, als dass sie Dinge klärt.

Darum geht es: Kaum ein Café in Norden hat eine so exponierte Lage, wie das Café am Markt. Der Pavillon, in dem das Café untergebracht ist, steht mitten auf dem historischen Marktplatz, zwischen Ludgerikirche und Rathaus. Das Gebäude des Cafés gehört den Wirtschaftsbetrieben Norden. Im Mai 2021 sprach Gültzow nach eigenen Angaben mit dem damaligen Bürgermeister Heiko Schmelzle und und dem ehemaligen Kurdirektor Armin Korok in ihrem Café über die Vertragsverlängerung. „Ich habe gesagt, wenn ich weitermache, hätte ich gern ein paar Punkte geklärt und im neuen Vertrag festgehalten“, sagte Silvia Gültzow. Neben anderen Kleinigkeiten ging es dabei um eine längere Vertragsdauer von zehn statt bisher sechs Jahren, die Zusage, dass sie im Fall einer Erkrankung aus dem Vertrag aussteigen kann. Sie möchte ohne Vorgaben entscheiden können, wann sie das Lokal öffnet und die Möglichkeit, das Cafés für andere Nutzungen an Vereine unterzuvermieten – etwa an eine Bridgegruppe, die dort einmal pro Woche abends spielen wollte. Sie will mit Norder Künstlern zusammenarbeiten, und deren Bilder auf ihrer Fläche ausstellen. „Selbst Armin Korok hat mir gesagt, die Forderungen seien nicht unmöglich. Es nützt mir aber nichts, wenn er es sagt und nichts passiert“, so Gültzow.

Plötzlich wurde über Räumung gesprochen

Statt über den neuen Vertrag habe man plötzlich aber über das Ausräumen des Lokals mit Gültzow gesprochen. „Im Dezember 2021 haben wir uns dann darauf geeinigt, dass ich nicht ausräumen muss, sondern zunächst eine Vertragsverlängerung für drei Monate bekomme“, sagte Gültzow. Im März 2022 habe man ihr gesagt, die Vergabe des Cafés müsse nun ausgeschrieben werden. Sie selbst solle das Café räumen, sie könne sich ja aber im Ausschreibungsverfahren wieder bewerben. Dinge, wie etwa die Theke sind aber fest verbaut. Es macht nach Ansicht von Gültzow überhaupt keinen Sinn, diese auszubauen, um sie später eventuell wieder einzubauen. Dann bekam Gültzow eine Vertragsverlängerung für weitere drei Monate bis Juli 2022. Da war das Ausschreibungsverfahren beendet. Seitdem hängt Silvia Gültzow auch rechtlich in der Luft. Sie hat weder einen Vertrag noch eine Entscheidung darüber, wie es mit dem Café am Markt weitergeht. Es habe außer ihr weitere Bewerber gegeben. Die seien zwar jeweils einmal im Café gewesen, dann aber nich wieder aufgetaucht.

Am Dienstag machte Silvia Gültzow ihrem Ärger in der Norder Ratssitzung Luft. In der Bürgersprechstunde wandte sie sich an Bürgermeister Florian Eiben und die Ratsleute. Nach fast 17 Jahren im Café und einem Jahr des Wartens wolle anfragen, wie mit dem Café verfahren wird. „Die Kompetenzen werden hin- und hergeschoben“, sagte Gültzow. Die Stadt sage ihr die Kurverwaltung sei zuständig. die Kurverwaltung veweise sie an die Stadt. Der neue Kurdirektor Stefan Krieger habe ihr von seiner Assistentin lediglich ausrichten lassen, man habe sie nicht vergessen.

Gespräche fanden nicht statt

Bürgermeister Florian Eiben zeigte ich „überrascht“ von den Ausführungen. Nach seinem Kenntnisstand sei bereits vom neuen Kurdirektor ein Gespräch mit Silvia Gültzow geführt worden, sagte Eiben. Tatsächlich liege die Federführung bei der Kurverwaltung.

Sie habe sich immer wieder für Gespräche angeboten, nur haben diese nie stattgefunden, konterte Gültzow. Es gehe ihr auch nicht in erster Linie um ihre persönliche Zukunft, sondern um die Zukunft des Cafés und der Stammgäste, betonte sie. Denen könne sie noch immer nicht sagen, wie es künftig weitergeht. Seit Juli habe sie keinen Vertrag für den Betrieb des Cafés. „Ich bin eigentlich ein illegaler Cafébetreiber“, so Gültzow. Aus ihrer Sicht dürfe das Café nicht kaputtgehen. „Hier darf einfach jeder herkommen, jeder ist willkommen, ich bin eine Anlaufstelle von vielen Menschen, die hier überhaupt noch soziale Kontakte haben“, sagte sie. Gültzow glaubt mittlerweile, dass es darum geht, andere Norder, mit besseren Beziehungen in das Café zu heben. „Ich habe kein Standing, keine politische Macht, keine finanziellen Mittel, ich verkaufe nur Kaffee“, so Gültzow. Im Grunde genommen sei sie aber entspannt. „Für mich wird sich immer irgendwas ergeben“, sagte sie. Für sie sei es aber wichtig, dass die Stadt verstehe, dass es um die Menschen, ihre Gäste gehe. „Ich bin nicht die wichtigste Person. Ich schleppe nur den Kaffee dahin. Die wichtigsten Personen sind die Gäste und dieser soziale Treffpunkt hier“, betonte sie.

Bürgermeister sagte öffentlich Hilfe zu

Eiben sagte zu, noch am Mittwoch mit Stefan Krieger zu telefonieren und noch in dieser Woche einen Gesprächstermin mit Gültzow und Stefan Krieger zu organisieren. Eine Rückfrage unserer Zeitung an Eiben vom Mittwoch blieb unbeantwortet. Nach einem Anruf bei Stefan Krieger am Mittwoch ließ der nur ausrichten, es seien Gespräche für Ende November/ Anfang Dezember anberaumt. Auf die Nachfrage, ob das Gespräche mit Silvia Gültzow seien, ruderte die Assistentin Silke Adena zurück und sagte: „Das habe ich nicht gesagt.“ Was für Gespräche das sein werden, mit wem sie geführt werden, ob vorher mit Silvia Gültzow gesprochen wird, wie Bürgermeister Florian Eiben in der Ratssitzung zugesagt hatte, ließ Stefan Krieger unbeantwortet.

Die Cafébetreiberin nimmt es nach eigenen Aussagen langsam mit Humor. „Außer der Zusage des ehemaligen Kurdirektors, dass ich bis zum 31. Dezember 2022 eventuell im Café bleiben könnte, habe ich nichts in der Hand“, sagte sie dem Rat.

Betreiberin stellt Ausschreibung infrage

Neben der Tatsache der fehlenden Gespräche stellt Gültzow auch die Rechtmäßigkeit der Ausschreibung infrage. Die Quadratmeterzahlen zum Gastraum und der Küche stimmten in der Ausschreibung nicht, so Gültzow. Beides sei viel zu groß angegeben worden. Gerade im Bereich der Küche mache das aber einen entscheidenden Unterschied. Die Küche sei mit zehn Quadratmetern angegeben worden, sei tatsächlich aber nur 5,5 Quadratmeter groß. Um in der Küche kochen zu dürfen brauche diese aber eine Mindestgröße von sieben Quadratmetern, so Gültzow. Andere Interessenten würden so davon ausgehen, dass in der Küche gekocht werden darf. Das sei aber nicht der Fall. Nicht mal ein Ei dürfe sie dort mehr braten, könne anders als früher keinen „strammen Max“ mehr anbieten.

Zurzeit öffnet Gültzow das Café an den Markttagen vormittags an Sonnabenden und Montagen, außerdem bei Veranstaltungen. Zusätzlich gebe es mittwochs einen Spieleabend. Leben kann sie davon nicht. Ohne familiäre Unterstützung wäre es für Gültzow schwer. Eigentlich für Investitionen im Café zurückgelegtes Geld ist wegen der langen Verzögerungen mittlerweile aufgebraucht. Eine Altersvorsorge hat sie nicht. Und nach einem Jahr auch noch immer keine Aussicht, wie es mit ihr und ihrem geliebten Café weitergeht.

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