Räumungsklage angekündigt  Kurz vor Obdachlosigkeit – Hager Mutter findet doch noch eine Wohnung

| | 16.11.2022 16:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nadine Riemer mit ihrem Sohn Fabian in der Küche der neuen Wohnung: Jeden Tag sind sie zurzeit dabei, die Wohnung zu renovieren. Die ersten Möbel stehen schon. Foto: Rebecca Kresse
Nadine Riemer mit ihrem Sohn Fabian in der Küche der neuen Wohnung: Jeden Tag sind sie zurzeit dabei, die Wohnung zu renovieren. Die ersten Möbel stehen schon. Foto: Rebecca Kresse
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Bis zum Ende des Jahres sollte sie ihre Wohnung verlassen. Der Vermieter drohte mit einer Räumungsklage. Wäre sie obdachlos geworden, hätte Nadine Riemer nicht nur ihre Wohnung verloren.

Berumbur - Für Nadine Riemer ist es fast wie ein vorgezogenes Weihnachtswunder: Kurz bevor sie zum Ende des Jahres mit ihren Kindern auf der Straße zu sitzen drohte, hat sie doch noch eine neue Wohnung gefunden. In Berumbur. Nur rund 4,5 Kilometer von ihrem bisherigen Zuhause entfernt. Die Freude ist groß. Trotzdem sickert die Erleichterung nur ganz langsam durch. Zu groß waren die Belastungen der vergangenen Monate für die Familie.

Rückblick: Nadine Riemer ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Ihr Ältester, Marvin, macht sein Abitur am Ulrichsgymnasium. Der Mittlere, Fabian, ist in den letzten Zügen seiner Erzieher-Ausbildung. Ihre jüngste Tochter, Lena, ist schwerst mehrfach behindert. Sie hat sowohl Organschäden als auch schwerwiegende Probleme mit dem Bein- und Fußapparat, ist deswegen auf einen Rollstuhl angewiesen. Weil Lena zu 100 Prozent behindert und dauerhaft auf Pflege angewiesen ist, kann Nadine Riemer nicht arbeiten gehen, ist auf Hartz IV angewiesen. Ihr Job ist es, ihre Tochter immer wieder zu notwendigen Operationen und anschließender Reha zu begleiten, sich rund um die Uhr um die Zwölfjährige zu kümmern.

Nicht nur der Verlust der Wohnung drohte

Im vergangenen Jahr kam dann die Kündigung ihrer Wohnung wegen Eigenbedarfs. Wie berichtet, hat Nadine Riemer seitdem alles Menschenmögliche getan, um eine neue Wohnung zu finden. Ihre größte Sorge: Findet sie keine passende Wohnung, steht sie Ende des Jahres auf der Straße. Die noch viel größere Sorge: In diesem Fall würde das Jugendamt ihre Tochter in Obhut nehmen. Unvorstellbar für Mutter und Tochter, die wegen der besonderen Situation eine ganz enge Bindung haben.

Doch es gab klare Anforderungen: Die Wohnung muss wegen des Rollstuhls und der Pflegebedürftigkeit der Tochter ebenerdig sein. Gleichzeitig muss sie groß genug sein für sie und ihre Kinder, darf aber maximal 645 Euro Kaltmiete inklusive Nebenkosten kosten. So will es das Jobcenter. Schon Menschen mit weniger Hürden haben es zurzeit schwer, in Norden und Umgebung eine Wohnung zu bekommen. Trotzdem drohte ihr Vermieter zum Ende des Jahres mit der Räumungsklage. „Das hätte er auch knallhart durchgezogen“, sagt Nadine Riemer. Das habe er auch so angekündigt.

Ende Oktober kam der rettende Anruf

Doch so weit kommt es nun nicht. Ende Oktober meldete sich ein potenzieller Vermieter über Facebook bei Nadine Riemer. Seine Frau hatte die Hilferufe von Nadine Riemer in den sozialen Netzwerken gelesen. Bevor er die Wohnung inseriert hat, hat er sie Nadine Riemer angeboten, gab ihr letztlich vor einem anderen interessierten Paar wegen der Kinder den Vorzug. Innerhalb von einem Tag musste sie sich entscheiden. Innerhalb von zwei Tagen brauchte sie vom Jobcenter die Zustimmung zur neuen Wohnung. „Ohne diese Zustimmung hätte das Jobcenter keine Kosten etwa für Kaution oder den Umzug übernommen“, sagte Nadine Riemer. Seit dem 1. November ist Nadine Riemer mit ihren Söhnen dabei, die neue Wohnung zu renovieren. Drei Zimmer, knapp 70 Quadratmeter müssen für die vierköpfige Familie reichen. Und das werden sie, sagte Nadine Riemer. Sie hat nach den vergangenen Monaten keine großen Ansprüche mehr. Ihre Söhne bekommen wegen der Ausbildung und den Abiturvorbereitungen jeweils ein eigenes Zimmer. Nadine Riemer wird sich ein Zimmer mit ihrer Tochter Lena teilen. Kein Problem für die Mutter. Sie werden es sich gemütlich machen und hoffentlich endlich zur Ruhe kommen.

Man sieht der Mutter an, wie sehr die Sorgen auf ihren Schultern und der Seele gelastet haben. Gerade die letzten Wochen vor dem Wohnungsangebot, nach den langen Monaten der Suche, den ständigen Auseinandersetzungen mit dem Vermieter, wenn auch mit Hilfe eines Anwalts, haben Nadine Riemer mürbe gemacht. Die Sorgen, wenn sie sie auch vor den Kindern verbergen wollte, haben die ganze Familie belastet. Das müsse jetzt erst mal sacken, sagte Riemer. Sie habe sich in den vergangenen Wochen und Monaten sehr zurückgezogen, konnte nicht mehr rausgehen. Dafür fehlt die Kraft. „Eine Existenzangst ist immer noch etwas, was die wenigsten erlebt haben. Zusätzlich kam die Verantwortung für die Kinder und die Angst, von Lena getrennt zu werden“, versucht Nadine Riemer es zu beschreiben.

Die Obdachlosenhilfe Norden, die für sie als Hagerin eigentlich erst dann tätig werden darf, wenn Nadine Riemer tatsächlich obdachlos geworden wäre, wollte der Mutter schon mit einem Psychologen zur Seite stehen, um die Situation auszuhalten. „Das hätte aber an der Angst nichts geändert“, sagt Riemer. Alles, was sie brauchte, war eine Wohnung. Umso größer war die Erleichterung, als die Zusage für die neue Wohnung kam. Auch, wenn klar ist, dass sie sich von vielen Dingen trennen muss, weil die Wohnung deutlich kleiner ist als ihr bisheriges Zuhause. „Wir kriegen das auch hier hin mit Lena in einem Zimmer“, ist Nadine Riemer überzeugt. Flüchtlinge müssten zurzeit überall im Landkreis in viel beengteren Verhältnissen unterkommen. „Da müssen wir uns hier nicht darüber streiten, ob eine Drei-Zimmer-Wohnung für uns groß genug ist“, sagte Nadine Riemer. Lena soll die Wohnung erst dann sehen, wenn die Wohnung fertig renoviert ist. Spätestens zum 1. Dezember soll es so weit sein. Dann will Nadine Riemer mit ihren Kindern im neuen Zuhause einziehen. Sie freut sich schon darauf, die Wohnung dann weihnachtlich zu schmücken und auf ein ruhiges und glückliches Weihnachtsfest. Das größte Geschenk hat sie in diesem Jahr schon bekommen.

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