Osnabrück Der Fall S.B.: Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode nahm offenbar weitere Opfer in Kauf und schützte Täter
In einem bislang unbekannten Missbrauchsfall hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode offenbar hochproblematische Entscheidungen getroffen. Gutachter der Uni Osnabrück arbeiten den Umgang mit der angeblichen Liebesbeziehung zwischen einem Priester und einer Teenagerin auf.
Im Missbrauchsgutachten zum Bistum Osnabrück werden mehrere Fälle aufgerollt. Einige sind lange verjährt, andere spielen im späteren Erzbistum Hamburg. Und manche Fälle haben Auswirkungen bis heute oder wurden erst kürzlich im Bistum entschieden. In einem Fall entschied Bischof Franz-Josef Bode offenbar einsam und problematisch. Dabei geht es um einen Priester, der einem zu Beginn jungen Mädchen über Jahre sexualisierte Gewalt antat. Eine Rekonstruktion auf Basis des Gutachtens der Uni Osnabrück:
Wie alt das Mädchen genau war, als der Priester sich ihr erstmals näherte, lässt sich heute offenbar nicht mehr nachvollziehen. Im Gutachten steht, sie sei zwischen 14 und 16 Jahre alt gewesen. Die Taten jedenfalls erstrecken sich ab den 80er Jahren über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren. Zunächst habe der Priester das Mädchen gestreichelt, es dann unter dem T-Shirt berührt und schließlich über Jahre hinweg verlangt, dass sie ihn manuell befriedige, später auch oral. Dazu habe der Täter Treffen in seiner Wohnung, Sommerlager, Feste, Wochenendfreizeiten genutzt. Während eines Urlaubs habe er die Betroffene gewaltsam mit der Hand penetriert.
Schließlich gelingt es der mittlerweile erwachsenen Frau, sich vom Priester zu distanzieren. In den 2000er Jahren begibt sie sich in Therapie, an deren Ende, 2002, ein Gespräch mit dem Bischof steht. Die Taten hätten “tiefe bleibende Schäden” hinterlassen, heißt es im Gutachten.
Der Bischof telefoniert nach dem Gespräch mit der Betroffenen mit dem beschuldigten Priester. Der gibt die sexuellen Übergriffe laut Gutachten zwar zu, spricht aber von einer “Liebesbeziehung” und verweist auf einvernehmliche Handlungen. Bode will den Priester daraufhin versetzen, der Mann soll zudem therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen und Exerzitien absolvieren.
Mindestens aus heutiger Sicht erscheint dieses Vorgehen unsinnig. Warum sollte ein Mann, der sich keiner Schuld bewusst ist, therapeutische Hilfe annehmen und inwieweit sollen Exerzitien, also Besinnungsübungen, dabei helfen, künftig sexualisierte Gewalt zu verhindern?
Auch die Betroffene scheint das Vorgehen des Bischofs nicht zu überzeugen. Die Frau schreibt dem Bischof von ihrer Sorge, dass in der Kinder- und Jugendarbeit Minderjährige zu Schaden kommen könnten, bliebe der Pastor weiter in Amt und Würden. Der Bischof meint sich später daran zu erinnern, dass er der Betroffenen versprochen habe, den Priester nicht mehr in der Kinder- und Jugendarbeit einzusetzen. Diese Zusage hält er aber offenbar nicht ein. Der Beschuldigte wird noch im selben Jahr mit einer nebenamtlichen Leitungsfunktion in der Jugendarbeit betraut und zweimal in dieser Funktion bestätigt.
Die Forscher der Uni Osnabrück urteilen: “Die getroffenen Maßnahmen waren keinesfalls angemessen”. So kritisieren die Juristen und Historiker, dass Bischof und Bistum nicht sorgfältig ermittelten. Versetzung und Therapie für den Priester erschienen als “milde Maßnahmen, die vor allem dazu dienen sollten, den Beschuldigten zu schützen und weiter als Pfarrer einsetzen zu können”. Das Schlimmste: Mit der Leitung der Jugendarbeit seien mögliche weitere Taten nicht verhindert, sondern “sogar eher befördert worden”.
Bode gibt sich im Interview mit den Gutachtern offenbar grundsätzlich selbstkritisch. Problematisch: Nach weiteren Betroffenen habe er nicht geforscht, aus Sorge, “dass der Fall hätte öffentlich werden können”, heißt es im Gutachten. Stattdessen vertraute der Bischof offenbar dem Priester, der beteuert, dass es keine weiteren Opfer gebe. In erster Linie, so formulieren die Forscher, habe wohl “der Beschuldigte, der über hohes Ansehen verfügte, geschützt werden sollen”. Die Maßnahmen, heißt es an anderer Stelle, sollten “vor allem den Beschuldigten schützen und seinen weiteren Einsatz in der Gemeinde gewährleisten”. Dann ruht der Fall. Der Priester geht offenbar unbeirrt seinem Dienst nach.
Im Jahr 2020 wendet sich die Betroffene an eine der Ansprechpersonen des Bistums. Durch die neuen Strukturen im Bistum wird der Fall mehreren Personen, die mit dem Thema Missbrauch befasst sind, bekannt. Im Gutachten heißt es: “Aus einem Besprechungsprotokoll geht hervor, dass der Vorgang große Brisanz besaß und Bischof Bode beim ersten Gespräch mit der Betroffenen die Lage falsch eingeschätzt hatte.”
Erst jetzt wird nach möglichen weiteren Opfern gefragt, eine kirchliche Voruntersuchung startet. Die Kirche dreht das große Rad, das eigentlich zwanzig Jahre zuvor hätte gedreht werden müssen. Die Beschuldigte drängt offenbar indes auf eine vertrauliche Behandlung des Falls. Das Bistum reagiert daraufhin mit einer Versetzung des Priesters in den Ruhestand - nicht als Strafe, sondern offenbar aus Sorge vor einem Imageschaden.
Die Gutachter kritisieren in diesem Zusammenhang, dass das Bistum gegen die Pflicht zu wahrheitsgemäßen Äußerungen verstoßen habe. Die Öffentlichkeit wird bewusst getäuscht: Die Versetzung in den Ruhestand wird mit dem gesundheitlichen Zustand des Beschuldigten begründet. Aus der Diskussion über die Vorgehensweise werde deutlich, “dass große Angst vor der Reaktion der Öffentlichkeit herrschte”, heißt es im Gutachten.
Gleichzeitig betonen die Gutachter jedoch, zwischen den beiden Entscheidungssituationen, die rund zwanzig Jahre auseinander liegen, werde eine deutliche Lernkurve sichtbar. Allerdings sind diesmal auch Externe beteiligt.
Der Priester, der nun erneut konfrontiert wird, betont dagegen offenbar weiterhin, es habe sich bei den Übergriffen um eine Liebesbeziehung gehandelt.