Osnabrück Katar – Augen auf und durch
Die WM in Katar ist und bleibt umstritten - darf man sich jetzt noch darauf freuen? Unser Kolumnist Udo Muras findet: Es ist höchste Aufmerksamkeit gefordert.
Vergangenen Sonntag noch Bundesliga, am kommenden schon WM. Ist aber auch verflixt wenig Zeit, diesmal Vorfreude aufzubauen. Oh Verzeihung, welch Faux-pas. Dieses Jahr ist es ja gewünscht, die WM nicht gut zu finden und alle geben sich Mühe. Die Ultras mit ihren Boykottaufrufen im ganzen Land, die Wirte mit Nichtaufstellen von Fernsehern, die Kommunen mit Nichtgenehmigungen von Public Viewing, die Ladeninhaber mit Nichtschmücken ihrer Auslage, die Schokoriegelfabrikanten mit dem Nichtbeilegen von Fußballbildchen, die Fernsehsender mit dem Nicht-mehr-wegschauen über die Zustände in Katar. Wenn Dokus mit Titeln wie „Katar – warum nur?“ laufen und in Talksendungen von der „WM der Schande“ die Rede ist, muss man sich als dennoch unverbesserlicher Fußballfan wohl einigen Mut antrinken, um im Freundeskreis zu gestehen: ich bin ein Streikbrecher!
Ich selbst habe wenigstens eine plausible Ausrede: Solche Großereignisse verschaffen Journalisten Aufträge, die es nur alle zwei bis vier Jahre gibt. Es sind, um von meinen Sorgen kurz berichten zu dürfen, weit weniger als sonst. Auch die hiesigen Medien haben keinen Bock auf Katar und verzichten auf jeglichen Firlefanz. Von Spenden ist abzusehen, man war ja vorgewarnt und hat entsprechend vorgesorgt. Habe ich doch selbst schon im Dezember 2010 in dieser Kolumne unmittelbar nach der Vergabe geschrieben, dass Katar eine „Augen-zu-und-durch-WM“ wird. Nun steht sie vor der Tür und ich ändere mein Motto ab: Augen auf und durch!
Wenn schon kein Boykott, dann vollste Aufmerksamkeit – und keine Angst vor unbequemen Wahrheiten und deutlichen Signalen. Die WM findet ja nicht in der Hölle statt, wie man meinen könnte, sondern in der Wüste – im wohl bekanntesten Zwergstaat der Welt. Der passt in mein Bundesland Hessen zweimal rein und ist für eine WM, wie der ehemalige Fifa-König Sepp Blatter nun zugab, eigentlich viel zu klein. Wenn er nur das wäre…
Was ich mir wünsche: Journalisten und Funktionäre dürfen den Scheichs ruhig den Spiegel vorhalten, die Spieler aber möge man bei allem Eifer im Dienste der guten Sache bitte verschonen und zu nichts drängen. Es gab schon viel zu viele verunglückte Interviews auf diesem Parkett, ich will hier keine Namen nennen außer vielleicht Franz Beckenbauer, Berti Vogts oder Mesut Özil. Im Bewusstsein moralischer Überlegenheit gestellter Fragen wie „Schönes Tor, Herr Füllkrug – aber war ihr Jubel angesichts der verstorbenen Bauarbeiter in diesem Stadion nicht unangemessen?“ werden im Scheichtum doch nichts ändern. Dem Spieler, je nach Antwort, indes nur eine Strafe der FIFA einbringen. Die bittet ja flehentlich darum, Politik Politik sein zu lassen und ihr schmerzfreier Präsident Infantino träumt immer noch von „der besten WM aller Zeiten“. Jedenfalls war sie am besten eingekauft, so viel Mühe hat sich noch keiner beim Stimmenfang geben.
Das Emirat handelte nicht nur im Zusammenhang mit der WM nach dem Motto: wer keine Freunde hat, der kauft sich eben welche, Jubel-Fans inklusive. Und wer keine Stadien für eine WM hat, weil er bisher nur eins für seinen Spielbetrieb brauchte, der baut sich eben noch acht – alle in einer Stadt. Mit Kühlfunktion, in Katar ist ja immer Sommer, weshalb nun im etwas milderen November gespielt wird. All das wussten wir, all das fürchteten wir, aber es kam so unvermeidlich wie der Klimawandel gekommen ist.
Dürfen wir uns also auf diese WM freuen? Das muss jeder selbst wissen. Aber immer dürfen wir hoffen! Auf eine bessere Welt, in der alle alle respektieren. Es gab sie nie und niemand sollte glauben, diese WM würde daran etwas ändern. Um mit Uli Hoeneß zu sprechen: es handelt sich nicht um einen Kongress von Amnesty International, sondern um ein Sportereignis. Ein Boykott vor dem Bildschirm könnte immerhin dazu führen, dass keine WM mehr in ein solches Land vergeben wird. Zwar würden dann wirtschaftliche Zwänge der Moral zum Sieg verhelfen, aber der zählt letztlich. Aber dann müsste sich die FIFA erstmal dazu durchringen, eine WM nur für Demokratien auszuspielen. Wie das mit ihrem Streben, das Turnier immer größer werden zu lassen, zusammenpasst? In vier Jahren sind es übrigens 48 Teams. Das wird dann auch mir zu viel, ich boykottiere 2026 zumindest die Vorrunde.