Hamburg Ist es ok, die Fußball-WM in Katar nicht zu boykottieren?
Noch nie war eine Fußball-WM so umstritten, wie die in Katar. Tote Bauarbeiter und Menschenrechtsverletzungen werfen einen Schatten auf den WM-Start. Unser Autor Alexander Barklage wird die WM dennoch intensiv verfolgen. Das sind seine Gründe.
Seit 1986 in Mexiko verfolge ich intensiv alle vier Jahre die Fußball-Weltmeisterschaft voller Begeisterung. In diesen vier Wochen schaut die ganze (Sport)-Welt dann auf das Gastgeberland und wer am Ende den WM-Pokal in die Höhe recken wird. Bei der WM in Katar ist dabei vieles neu, anders und ungewöhnlich. Die Weltmeisterschaft findet erstmals nicht im europäischen Sommer statt, sondern im Winter. Noch nie war ein so kleines Land (etwas kleiner als Schleswig-Holstein) Gastgeber einer WM mit ihren 32 Teilnehmern und vermutlich noch nie gab es eine umstrittenere Fußball-WM. (Machen Sie mit bei unserer Umfrage: Werden Sie die WM 2022 boykottieren?)
Der Grund sind die eklatanten Menschenrechtsverletzungen, die es im Emirat immer noch gibt. Tausende ausländische Bauarbeiter sind beim Bau der gigantischen neuen Stadien gestorben. Homosexualität steht in Katar unter Strafe und Frauen haben in dem islamischen Staat viel weniger Rechte als Männer. Zu Recht rufen viele Menschen, Organisationen und Verbände zum Boykott auf. Erst am vergangenen Wochenende sah man in fast allen Bundesliga-Stadien Protest-Plakate gegen den Ausrichter Katar und dem Weltverband FIFA. Mein Kollege Burkhard Ewert findet gleich 16 einschlägige Gründe für einen WM-Boykott.
Laut Umfragen in Deutschland wollen viele Menschen die WM tatsächlich boykottieren und sich die Spiele auch nicht im Fernsehen anschauen. Viele Kneipen bieten auch gar keine WM-Übertragungen an. Ich kann die große Ablehnung gegenüber der WM in Katar und vor allem gegenüber der FIFA als Ausrichter total verstehen und auch habe es auch kritisiert, dass die WM dorthin vergeben wurde.
Dennoch kommen Boykott-Aufrufe mindestens zwölf Jahre zu spät. 2010 entschied sich die FIFA die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 nach Katar zu vergeben. Damals gab es zwar auch einen Aufschrei, aber nach einer Weile nahm man es dann irgendwie hin. Dass Fans die Fußball-Partien jetzt im TV boykottieren wollen, ist ihr gutes Recht, doch es wird nichts mehr bringen und ist doch eher symbolischer Natur. Die Milliarden an TV-Geldern sind längst geflossen.
Ich für meinen Teil freue mich als Sport-Journalist ab dem 20. November teilweise vier WM-Spiele am Tag verfolgen zu können. Ich werde diese WM ohne schlechtes Gewissen anschauen. Denn mir geht es um das Sportliche. Ja, alles andere kann ich ausklammern! Für die Spieler und auch für die Fans ist die WM das Größte. Für viele Spieler von kleineren Fußball-Nationen wie Wales oder Kanada ist es vielleicht die einzige Chance sich bei einer WM zu präsentieren. Aus deutscher Sicht ist nach der enttäuschenden WM vor vier Jahren in Russland (ja, Russland, das 2014 die Krim annektierte) – als das deutsche Team als Titelverteidiger in der Vorrunde ausschied – Wiedergutmachung angesagt. Es wird sehr spannend, welches Team mit den außergewöhnlichen (klimatischen) Voraussetzungen am besten zurechtkommt.
Nicht nur die politische Dimension wird einen Einfluss auf die Spieler haben, auch das Wetter spielt eine Rolle:
Zum Thema: Geheimsache Katar - sehenswerte Doku im ZDF
Nur wenige Tage nachdem die internationalen Ligen ihren Spielbetrieb unterbrochen haben, geht es in Katar schon los. Keine lange Vorbereitung, wenig Zeit zum Akklimatisieren. Dazu kommt noch die Gefahr einer Corona-Infektion – es gibt viele Fragezeichen. Zwar gibt es auch Favoriten auf den Titel, aber aufgrund der vielen Unwägbarkeiten ist es schwer zu vorhersehen, wer am Ende den Pokal holt. Brasilien, Argentinien oder doch wieder Frankreich? Kann die deutsche Mannschaft unter Bundestrainer Hansi Flick überraschen?
Ganz nebenbei: Es wird wahrscheinlich die letzte WM sein, wo die beiden Fußballlegenden Lionel Messi und Cristiano Ronaldo nochmal gegen den Ball treten werden. Kann einer von beiden seine Karriere krönen? Und neue Superstar werden geboren – vielleicht Deutschlands Jamal Musiala oder Englands Jude Bellingham? Selten war es vor einer WM so schwer zu prognostizieren wie gut die Teams wirklich sind. Spannung ist also tatsächlich bei dieser WM programmiert.
Nicht zuletzt bin ich auch sehr gespannt, wie die Stimmung vor Ort sein wird, wie groß die von den Gastgebern angekündigte Gastfreundschaft gegenüber den aus aller Welt anreisenden Fans wirklich sein wird.
An diesen Worten wird sich die FIFA und auch Katar als Gastgeber messen lassen müssen. 2006 war der Slogan der WM in Deutschland „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – nach unglaublich tollen vier Wochen sahen Menschen aus aller Welt die Deutschen mit anderen Augen und hatten einen positiveren Eindruck – vielleicht wird man das nach dem Endspiel am 4. Advent (18. Dezember) in Doha auch über das muslimisch geprägte Katar und seine Bürger sagen können.