Hannover  Julia Willie Hamburg: So tickt die Grüne im VW-Aufsichtsrat

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 11.11.2022 15:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Kaum als stellvertretende Ministerpräsidentin und Kultusministerin von Niedersachsen im Amt, gibt es Streit darüber, dass Julia Willie Hamburg von den Grünen das Land im VW-Aufsichtsrat vertritt. Sind die Sorgen berechtigt? Ein Porträt.

Sie ist mit ihren 36 Jahren die Jüngste im Aufsichtsrat des weltweit agierenden Autokonzerns VW: Julia Willie Hamburg.

Grüne, Frau, ohne Abschluss und ohne Auto, dafür aber mit politischem Scharfsinn und vor allem einem ausgeprägten Machtbewusstsein ausgestattet: Niedersachsens neue Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin hatte schon früh im Wahlkampf für ihre Partei den Anspruch erhoben, einen der beiden Sitze des Landes Niedersachsen in dem Kontrollgremium des Wolfsburger Autoherstellers übernehmen zu wollen.

„Natürlich ist der Aufsichtsrat von VW ein zentraler Hebel, um zu gestalten. Insofern ist das eine Schlüsselfunktion, die durchaus attraktiv und für uns wichtig ist“, sagte Hamburg Anfang Juni im Interview mit unserer Redaktion. Angesprochen darauf, dass sie als Bildungsexpertin ihrer Landtagsfraktion nach der Wahl vermutlich ins Kultusministerium strebe, machte Hamburg in dem Interview deutlich, dass sie eigentlich nach Höherem strebe: „Ich kann mich durchaus auch für andere Politikbereiche begeistern. Ich denke da beispielsweise an das Verkehrs- und Wirtschaftsministerium.“

Daraus wurde bekanntlich nichts. In diesem wichtigen Ressort platzierte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) seinen Parteifreund Olaf Lies (55), der spätestens nach dieser Legislatur in fünf Jahren die Nachfolge des dann fast 70-jährigen Weil antreten soll. Hamburg bekam das Kultusministerium und offenbar als kleine Entschädigung den Aufsichtsratsposten, der neben Weil in den vergangenen Jahren stets vom Wirtschaftsminister bekleidet wurde.

Eine „Auto-Hasserin“ im VW-Aufsichtsrat? Dieser Stempel passt jedenfalls nicht. Julia Willie Hamburg war schon als Kind streitbar und hat ihre Stimme erhoben, wenn ihr etwas ungerecht vorkam. Sie mag also unbequem sein und ja, sie hat kein Auto. Die Hannoveranerin, die mit ihrem Lebensgefährten und ihren beiden Kindern in der Nordstadt lebt, weiß aber auch: „Das ist ein Privileg der Stadtmenschen.“

Sie will hin zu einer Verkehrswende, die es durch Car-Sharing-Modelle und den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs auch Menschen auf dem Land ermöglicht, auf einen eigenen Wagen zu verzichten. Aber Aussagen, wonach sie Autos hasse und den Neubau von Fahrzeugen ablehne oder gar verbieten wolle, finden sich von Julia Willie Hamburg nicht. Insofern dürfte die angedrohte Klage der Aktionärsschützer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) gegen die Ernennung der Grünen-Politikerin kaum Aussicht auf Erfolg haben.

Dennoch steht außer Frage, dass die Personalie Irritationen ausgelöst hat. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des wichtigen Wirtschaftsverbandes Niedersachsenmetall, will sich auf Nachfrage zwar nicht öffentlich zu der Besetzung äußern, hinter vorgehaltener Hand heißt es aber, dass vor allem Zulieferer aus der Metall- und Elektroindustrie in Sorge seien.

Sorgen, die Ferdinand Dudenhöffer teilt. Der Autoexperte gibt sich auf Nachfrage unserer Redaktion stirnrunzelnd, nennt die Entscheidung nicht nur „überraschend“, sondern „eher willkürlich, dem politischen Proporz der niedersächsischen Regierung geschuldet“.

Der VW-Konzern sei ein Weltkonzern, der sich im wettbewerbsintensiven Automobilmarkt behaupten müsse. „Dazu braucht es im zentralen Strategiegremium, und das ist der Aufsichtsrat, nicht landespolitische Opportunitäten, sondern eben das tiefe Verständnis der weltweiten Automobil- und Zulieferindustrie“, meint Dudenhöffer.

Die Entscheidung zeige erneut, dass der VW-Konzern kein normales Unternehmen wie Mercedes oder BMW sei, sondern „deutlich zu stark“ von Landespolitik und Gewerkschaft geprägt werde. „Wirklich keine gute Entscheidung für VW“, fasst Dudenhöffer zusammen.

Die Landesregierung indes lässt das kalt. „Weder Julia Hamburg noch Stephan Weil werden sich dazu äußern“, heißt es kurz und knapp aus der Staatskanzlei.

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