Hamburg Mangas über Liebe zwischen Männern werden meist von Frauen gelesen - warum?
Homosexualität ist in Japan ein Tabuthema, gleichzeitig boomen Mangas über homoerotische Liebe. Doch die Geschichten über Beziehungen zwischen Männern lesen hauptsächlich Frauen. Dafür gibt es gute Gründe.
In diesem Artikel erfährst Du:
Regale voller Bücher über Liebe und Sex zwischen Männern – was in den meisten Buchhandlungen wohl kaum vorstellbar wäre, ist in Mangastores ganz selbstverständlich. Doch dabei geht es weniger um die Repräsentation queerer Jugendlicher und junger Erwachsener: Denn das Genre „Boys Love“ (BL) richtet sich vor allem an Frauen zwischen 20 und 50 Jahren.
„Boys Love ist auch auf dem deutschen Markt sehr beliebt innerhalb der Shōjo-Manga”, erklärt Katharina Hülsmann. Die Japanologin arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln und forscht zur japanischen Populärkultur. Shōjo-Manga richten sich an weibliche Jugendliche und fokussieren sich auf (romantische) Beziehungen. Dass die homoerotischen Geschichten vor allem das weibliche Publikum ansprechen, bestätigt Steffen Schwarz, Programmleiter bei Carlsen Manga. „Bei Boys Love gibt es einen Kern an Hardcoreleserinnen, 95 Prozent der Leser sind weiblich“, erklärt er. Carlsen gehört zu den wichtigsten Verlagen für deutschsprachige Manga und bietet „Boys Love“ in all seinen Facetten an: von schüchternen Liebesgeschichten bis hin zu expliziten Erotikzeichnungen ab 18 Jahren.
Das geht so weit, dass manche Mangas in einer zensierten und einer unzensierten Version erscheinen.
Männliche Körperlichkeit ist ein wichtiger Teil von „Boys Love“:
Dabei ging es ganz unschuldig los: Bereits in den 70ern wurde die Liebe zwischen männlichen Jugendlichen in Mangas aufgegriffen, schon aus rein pragmatischen Gründen. Damals waren Mangas, die in Internaten spielten, besonders beliebt. „Die reinen Jungeninternate sind eine homosoziale Welt, deswegen spielt sich das Romantische im Bereich der Homosozialität ab“, erklärt Hülsmann.
Warum die Geschichten heute vor allem bei Frauen beliebt sind, erklärt die Forschung unterschiedlich. „Ein Ansatz ist, dass man gleichgestellte Liebesbeziehungen ohne geschlechterbezogene Diskriminierung zeigen kann“, erklärt Hülsmann. Da es jedoch häufig einen dominanteren und einen sich unterordnenden Part in den Beziehungen gebe, überzeugt dieses Argument die Japanologin nicht. Es existieren gar eigene Bezeichnungen für den dominanten bzw. den unterwürfigen Part in der Beziehung: Seme und Uke.
Ihrer Einschätzung nach ist ein anderer Punkt viel entscheidender: das Fehlen weiblicher Körper.
Gerade in der Pubertät, in der viele junge Frauen mit ihren Körpern hadern, könnten sie in „BL“-Mangas Liebesgeschichten genießen, ohne sich zu vergleichen. Zudem sind die homosexuellen Liebesgeschichten frei von Sorgen, die in heterosexuellen Beziehungen für Frauen bestehen können, wie Schwangerschaften, Kindererziehung oder Zwangsehen.
Eine dritte mögliche Erklärung ist die freiere Wahl der Identifikationsfigur. „Wenn man Liebesgeschichten mit einer männlichen und einer weiblichen Figur liest, ist es schwieriger, sich mit beiden Figuren gleichermaßen zu identifizieren. Wenn es zwei männliche Figuren sind, ist es der Leserin überlassen, in wen sie sich reinversetzen möchte“, erklärt Hülsmann. Es werden mehr Perspektiven angeboten – wenn die Leserin das überhaupt möchte.
Denn gerade das „Nicht-Einfühlen“ sieht Kai-Steffen Schwarz als Vorteil für Leserinnen. „Bei Boys Love kann sich die Leserin Themen wie Liebe, Sex und Partnerschaft – von soft bis hart – nähern, ohne Gefahr zu laufen, sich zu sehr mit einer Figur zu identifizieren“, erklärt er.
Ein weiterer Grund ist seiner Einschätzung nach der „Boygroup-Effekt“. Gemeint ist, dass die Figuren möglichst unterschiedlich gestaltet werden (zum Beispiel einer blond und einer dunkelhaarig), damit einer von beiden garantiert gefällt.
Die weibliche Faszination für Liebesgeschichten zwischen zwei Männern ist nicht auf Mangas beschränkt, erklärt Hülsmann. Vielmehr sei es ein „transkulturelles Phänomen“, wie die Japanologin beschreibt. „Auch in Fanfictions im angloamerikanischen Raum sind ,Slashs‘ sehr beliebt“. In diesen liebt dann Harry Potter statt Ginny plötzlich Draco oder Marvel-Superheld Captain America gesteht seinem besten Kumpel Bucky romantische Gefühle.
Das ist in Fangeschichten um beliebte Figuren aus Mangas nicht anders. „In Fangeschichten wird männlichen Figuren eine Emotionalität zugeordnet, die man aus den sonst sehr männlichen Geschichten nicht kennt“, erklärt Hülsmann. Statt nur zu kämpfen, sprechen die Figuren dann über ihre Emotionen. Eine Männlichkeit, die Schwächen zulassen kann und eine sanfte Seite propagiert.
Dass in den „BL“-Comics Männerbilder jenseits des harten Typens gezeigt werden, führt Schwarz auch darauf zurück, dass jene „mit wenigen Ausnahmen von Frauen für Frauen gezeichnet werden“. Es waren Autorinnen wie Moto Hagio („The Heart of Thomas“) oder Riyoko Ikeadas („Die Rosen von Versailles“), die in „Boys Love“-Geschichten neue Modelle von Männlichkeit etablierten, die heute in all ihren Facetten in „Boys Love“-Manga selbstverständlich im Bücherregal stehen.