Cherson  Russlands Rückzug aus Cherson – warum die Ukraine eine Falle befürchtet

Flora Hallmann
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Von Flora Hallmann
| 10.11.2022 12:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nach dem Rückzug der russischen Truppen aus Cherson wagen sich ukrainische Truppen weiter in das Gebiet vor. Foto: ZUMA Press Wire
Nach dem Rückzug der russischen Truppen aus Cherson wagen sich ukrainische Truppen weiter in das Gebiet vor. Foto: ZUMA Press Wire
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Anfang September startete die Ukraine eine Offensive auf das besetzte Cherson, nun hat der russische Verteidigungsminister den Rückzug angeordnet. Die Ukrainer sind allerdings vorsichtig – sie vermuten eine Falle.

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine war die südukrainische Stadt Cherson einer der Hauptschauplätze des Krieges. Schon am 27. Februar, drei Tage nach Kriegsbeginn, verlor die Ukraine Teile von Cherson an Russland, wenig später war die Stadt vollständig unter russischer Kontrolle. Seit September ist Cherson nun wieder umkämpft, nach zweimonatigen Kämpfen gab Russland am 9. November den Rückzug aus der Stadt bekannt. Doch die ukrainischen Militärs geben sich noch nicht sonderlich optimistisch.

Bevor die ukrainische Flagge nicht über Cherson wehe, ergebe es keinen Sinn, von einem Rückzug der russischen Truppen zu sprechen, sagte Mykhailo Podolyak, ein Berater von Zelenskyj, am Mittwoch. Noch sei die Stadt nicht wieder vollständig unter ukrainischer Kontrolle. Es gebe auch noch keine Anzeichen, dass Russland tatsächlich vorhabe, die Stadt ganz zu verlassen, so Podolyak. Man müsse davon ausgehen, dass es sich um Fehlinformationen handeln könne.

Was könnte Russland also planen? Militäranalyst Oleg Zhdanov sagte der „Associated Press“, Russlands Rückzug könne ein Hinterhalt sein, der die ukrainischen Kräfte dazu zwänge, die russischen Verteidigungslinien zu durchbrechen – was sie in eine verletzliche Position für einen russischen Gegenangriff brächte.

Auch Präsident Selenskyj warnte vor verfrühter Freude über die Ankündigung. Man müsse zurückhaltend sein, gerade im Krieg. Ins Detail gehen über den ukrainischen Umgang mit der Situation wollte er nicht: „Ich werde dem Gegner definitiv nicht alle Details unserer Operationen füttern“, sagte er in seiner abendlichen Videobotschaft. „Wenn unser Ergebnis feststeht, werden alle es sehen können.“

Andere Experten gehen davon aus, dass der Rückzug durchaus echt ist. Militärexperte Mick Ryan vom Modern War Institute teilte seine Einschätzung am Donnerstag bei Twitter. Die russische Position am Fluss Dnipro sei dank der ukrainischen Anstrengungen schlicht nicht mehr zu halten. Die Ukrainer würden auch dafür sorgen, dass der Rückzug der Russen nicht friedlich ablaufe und sie angreifen, wo immer es möglich sei.

Die Region Cherson liegt am Schwarzen Meer. Mit der Rückeroberung würde sich die Ukraine also den Zugang zu der wichtigen Handelsregion freischlagen.

Auch Putins Pläne, Odessa einzunehmen, wären so erschwert: Die Hafenstadt Odessa liegt westlich von Cherson und nun weiter als zuvor vom russischen Einflussgebiet entfernt. Cherson ist auch die Region, die die annektierte Krim mit der restlichen Ukraine verbindet. Sollten die ukrainischen Kräfte das gesamte Gebiet zurückerobern, wäre der Zugang über die Krim-Brücke von der Halbinsel zum Festland abgeschnitten.

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