Bremen Warum es Konstantin Wecker wütend macht, wenn Politiker Waffen fordern
Der Liedermacher, Sänger und Dichter Konstantin Wecker spricht im Interview über seinen Pazifismus, Spiritualität und warum ihm seine Lieder immer schon voraus waren.
Zum Interview bittet Konstantin Wecker in seine Künstlergarderobe im Bremer Konzerthaus „Die Glocke“, und zwar zwischen Soundcheck und Konzert. Das klingt nicht nur maximal entspannt – der Liedermacher, Sänger, Dichter ist auch so im Gespräch über Pazifismus, Drogensucht und die Macht der Musik und der Poesie.
Frage: Herr Wecker, vor nicht allzu langer Zeit hat in der Nähe von Wismar ein Flüchtlingswohnheim gebrannt. Was löst das in Ihnen aus?
Antwort: Ich bin nicht nur verwirrt, sondern erschüttert über unsere ganze gesellschaftliche Situation. Werte, die die Friedensbewegung in den letzten Jahrzehnten in die Welt getragen hat, sind innerhalb von ein paar Monaten fast wieder verschwunden: die Idee der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, von Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe. Vor allem aber ist unsere Utopie von Frieden, die wir in der Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg entwickelt haben, in den Medien nicht mal mehr im Gespräch. Das erschüttert mich.
Frage: Was können Sie da als Künstler tun?
Antwort: Auf die Bühne gehen. Kunst und Poesie können Mut machen, Mut, zu sich selbst zu stehen. Vor ein paar Jahren schrieb mir eine Frau, sie sei zuhause und von Freunden schon ausgelacht worden, weil sie sich so sehr für Flüchtlinge engagiert hat. Dann war sie in meinem Konzert, und danach wusste sie: Sie wird weitermachen.
Frage: Wie haben Kunst und Poesie Sie selbst geprägt?
Antwort: Mir hat ja auch die Poesie schon als Zwölfjähriger Mut gemacht; ohne Georg Trakl hätte ich meine Pubertät nicht heil überstanden! Die Poesie hat mir schon als junger Mensch gesagt: Ich bin mit meinen verrückten Ideen ja gar nicht allein auf der Welt, es gibt auch noch andere Verrückte. Manchmal hat man das Gefühl, man tickt nicht richtig in dieser Gesellschaft. Wenn man seine Gedanken dann aber sogar bei Goethe liest, denkt man sich, ach ja, doch ganz in Ordnung.
Frage: Eines Ihrer Ideale ist ein kategorischer Pazifismus: Sie haben gesagt, Sie würden sich lieber an die Wand stellen lassen, als ein Gewehr in die Hand nehmen…
Antwort: Ich muss da betonen, und das ist sehr wichtig: Ich habe das für mich entschieden. Ich würde das nie als Doktrin ausgeben; das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Frage: Ein anderer Pazifist hat gesagt, „wenn Westfalen angegriffen wird, greife ich zu den Waffen.“ Wissen Sie, wer das gesagt hat?
Antwort: Martin Luther? Aber nein, der war ja kein Westfale…
Frage: Erich Maria Remarque, kurz nachdem er „Im Westen nichts Neues“ veröffentlicht hatte. Er äußert da das Gegenteil zu Ihrem Verständnis von Pazifismus.
Antwort: Ich kann vieles verstehen. Ich kann verstehen, dass man sich nicht überfallen lassen möchte. Mein Verständnis von Pazifismus ist ja auch in einem langjährigen Prozess gewachsen; vielleicht hätte ich als Zwanzigjähriger etwas anderes gesagt. Ich bin allerdings im pazifistischen Sinn groß geworden, mit meinem Vater, der in der Nazizeit den Kriegsdienst verweigert hat. Was ich allerdings nicht verstehen kann, und da werde ich wirklich wütend: 99 Prozent derer, die jetzt so vehement für Waffen eintreten, und auch unsere Politiker ziehen doch nicht in den Krieg. Ich hätte ja noch Respekt vor jemandem, der sagt, ich mache es selbst. Ich würde das nicht tun, aber ich hätte Respekt. Aber diejenigen, die so schreien: Wir brauchen noch mehr Waffen! – die schicken andere zum Morden und ermordet werden. Das macht mich so wütend.
Frage: Wenn Ihr Verständnis von Pazifismus sich über die Zeit entwickelt hat – wie gewaltfrei waren Sie in Ihrer Jugend, in Ihren wilden Jahren? Waren Sie jemals in eine Schlägerei verwickelt?
Antwort: Nein. Gewaltfrei war ich wirklich immer. In der Schulzeit haben wir manchmal gerauft. Aber ich hätte es nie geschafft, jemandem ins Gesicht zu schlagen.
Frage: Auch nicht in der wildesten Koks-Zeit, wo die Lunte ja schon mal kürzer wird?
Antwort: Nein. In dieser Zeit habe ich viel Blödsinn gemacht, aber Gewalt war nicht in mir. Ich hatte eine Zeit als junger Mann, da habe ich Zuhälter leicht verherrlicht, weil die genau das hatten, was mir fehlte. Aber das ging Gott sei Dank vorbei. Ich habe mich immer, schon in frühen Gedichten, gegen Macht und Machtmissbrauch ausgesprochen, obwohl ich das intellektuell noch gar nicht so auf dem Schirm hatte. Aber „Herrschaft“ kommt schon in Gedichten des Zwanzigjährigen vor.
Frage: Zuhälter und Gedichte gegen Machtmissbrauch – da scheint es eine gewisse Diskrepanz zwischen Kunst und Leben zu geben.
Antwort: Dazu muss man wissen: Ich habe 99,9 Prozent meiner Gedichte und Liedtexte nicht geschrieben, sondern sie haben sich gewissermaßen von selbst geschrieben. Selbst mein erstes politisches Lied, „Der Willy“, passierte mir. Ich wollte gar kein politisches Lied schreiben; es ist halt rausgerutscht, wenn man so will. Eine Ausnahme gibt es allerdings, und das ist „Sage nein“. Da wollte ich aufgrund der ersten Anschläge auf Ausländerheime kurz nach der Wende bewusst ein politisches Lied schreiben und habe mir Wolfgang Borchert als Vorlage genommen.
Hören Sie hier Konstantin Weckers Lied „Der Willy“:
Frage: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, gewissermaßen „im Auftrag“ zu schreiben?
Antwort: Ich weiß noch, wie Sammy Drechsel (Gründer und bis zu seinem Tod Leiter des Münchner Kabaretts „Lach- und Schießgesellschaft“, d. Red.) immer zu mir gesagt hat, Konstantin, unser nächstes Thema ist so und so, und wir brauchen ein Lied dazu. Ich habe dann gesagt, Sammy, Du weißt es, Du musst dein Thema nach meinen Liedern machen; ich kann nicht Lieder nach Themen schreiben! Ich habe mich immer überraschen lassen von meinen Texten, und sie waren – das fällt mir jetzt beim aktuellen Programm auf – weitaus klüger als ich.
Frage: Die Texte und Gedichte kommen zu Ihnen: Ist das die Inspiration, der dann die harte Arbeit folgt, damit Reime und Versmaß passen?
Antwort: Fast nicht. Ich habe das bei vielen Lyrikerinnen und Lyrikern gelesen: Man hat das Gefühl, das Ganze ist schon fertig geschrieben. Ich habe ganz wenig daran gearbeitet – eigentlich platzt es heraus. Ich hatte immer zwei, drei Mal im Jahr – im Alter wird’s weniger, leider – eine Woche, da sprudelte es so richtig. Nach der Woche kam dann monatelang überhaupt nichts.
Frage: Noch einmal zurück zu den Fragen um Herrschaft: Sie lehnen jede Form von Herrschaft ab. Andererseits hat Ihnen Herrschaft das Leben gerettet, als die Polizei Sie aus dem Kokain-Keller herausgezogen hat.
Antwort: Ein paar Monate später wäre ich gestorben, ganz klar. Aber ich sage immer dazu: Ich bin total dagegen, Süchtige zu kriminalisieren. In meinem Fall war es ein richtiges Glück, dass der Staat zugegriffen hat. Aber ich hatte immer noch ein Publikum, ich hatte Eltern, ich hatte Freunde, die mich finanziell getragen haben. In einer anderen Situation kriegst du nie mehr im Leben einen Job, wenn du wegen Drogen im Knast warst.
Frage: Wenn man überhaupt wohlbehalten aus dem Gefängnis kommt.
Antwort: Auch da hatte ich Glück; ich hatte eine Einzelzelle. Aber ich war ja mit 19 schon mal im Knast – das hatte ich auch überlebt!
Frage: Dieter Hildebrandt hatte damals im „Scheibenwischer“ gesagt, „dadurch dass jemand im Gefängnis sitzt, verliert man keinen Freund“. Was hat Ihnen dieser Satz bedeutet?
Antwort: Das war unglaublich. Den Satz habe nicht ich im Knast gehört, sondern andere Insassen mit Fernseher auf der Zelle. Die haben mir das erzählt, und ich habe geweint.
Konstantin Wecker im „Scheibenwischer“ mit Dieter Hildebrand:
Frage: Wie haben Sie es geschafft, ein paar Tage nach Ihrer Entlassung wieder auf der Bühne zu stehen?
Antwort: Ich hatte ein Publikum, das gekommen ist. Ich hatte überhaupt kein Problem, auf die Bühne zu gehen. Dazu muss ich sagen, und das wird mir auch erst im Alter bewusst: Ich liebe mein Publikum. Als Sechsjähriger war ich im Krankenhaus, weil mir der Blinddarm rausgenommen wurde. Ein paar Tage nach der Operation bin ich durch die Zimmer gegangen und habe „La donna è mobile“ gesungen, um Süßigkeiten einzuheimsen – ich war immer auf der Bühne! Ich habe auch nie in meinem Leben Lampenfieber gehabt.
Frage: Trotzdem: Kokain nimmt einen Menschen doch in Besitz. Wie haben Sie die Leerstelle gefüllt, die die Droge gelassen hat?
Antwort: Die Bühne gibt mir die Kraft. Und ich habe mir im Knast gesagt, das ist die Chance, mit allem aufzuhören. Dabei darf man nicht vergessen: Kokain-Entzug ist nicht, wie beim Heroin, ein körperlicher Entzug. Aber du bist die nächsten ein, zwei Jahre nicht mehr glücklich. Es gibt kein Glücksgefühl mehr. Nichts. Aber es ist leichter, von illegalen Drogen wegzukommen als von Alkohol. Für Kokain hätte ich irgendwo hingehen oder anrufen müssen, während man Alkohol an der nächsten Tankstelle bekommt. Ich hatte damals auch keinen Alkohol getrunken, und das fiel dann in die Zeit, in der meine Kinder klein waren. Das war die schönste Zeit in meinem Leben. Ich war klar und da.
Frage: In Konstantin Wecker trifft die poetische Kraft eines Bob Dylan auf die Melodik eines Franz Schubert – finden Sie sich da gut getroffen?
Antwort: Oh, schön! Schubert war mein Liedermacher-Ziehvater. Hannes Wader hatte sich am amerikanischen Folk orientiert, Reinhard Mey am französischen Chausson, bei mir war’s immer meine Liebe zur Klassik. Und es war nicht leicht, die zu verteidigen. In den 1980er Jahren bin ich mit einem Kammerorchester auf die Bühne, und da war gerade Punk angesagt. Also, leicht habe ich es meinem Publikum nicht gemacht.
Frage: Wie viel Konstantin Wecker steckt in Ihren Liedern, wo verläuft die Grenze zwischen dem poetischen und dem realen Ich?
Antwort: Die gab es nie. Ein einziges Lied war anders, übrigens noch ein Lied, das mir nicht passiert ist, mein einziger Hit, wenn man so will, zumindest in Bayern: „So a saudummer Tag“. Den habe ich bewusst geschrieben, um im Rundfunk gespielt zu werden, und das hat auch geklappt. Aber das bin nicht ich. Ansonsten stelle ich jetzt im Alter mit Erschütterung fest, wie ich schon als 18-Jähriger in eine Tiefe greifen konnte, die ich noch nicht annähernd verstanden habe. Aber sie war da. Sie ist übrigens für jeden Menschen da! Der Beuys hat schon recht: Jeder ist Künstler! Die Frage ist lediglich: Wie kommt er an diesen Urgrund heran? Ich liebe ja Rilke über alles, und kürzlich habe ich ein paar Gedichte des ganz jungen Rilke gelesen – das ist so unfassbar, das ist von einer Weisheit, das macht einen geradezu fertig! Das hätte er genauso gut kurz vor seinem Tod mit 51 Jahren schreiben können – er aber hat sie als 18-Jähriger geschrieben!
Frage: Auf Ihrem „Utopia“-Livealbum hört man viele Marschtrommeln. Ist das unseren kriegerischen Zeiten geschuldet?
Antwort: Vielleicht auch. Aber generell habe ich die Marschtrommel immer schon als Warnung eingesetzt, denn wir dürfen nicht vergessen: Musik ist zwar etwas Heiliges, aber sie kann extrem missbraucht werden, wie wir alle wissen. Und sie ist in der Geschichte der Menschheit oft missbraucht worden.
Frage: Sie zitieren auf dem Live-Album Oscar Wilde, der gesagt hat, eine Landkarte ohne das Land Utopia sei nicht vollständig. Gleichzeitig sucht doch jeder sein eigenes, persönliches Utopia. Wie nah sind Sie dem Ihren schon gekommen?
Antwort: Immer näher. Vor 40 Jahren habe ich geschrieben, „Liebes Leben, fang mich ein / kann doch was ich bin nur sein, wenn ich es werde.“ Heute kommt es mir vor, als hätte ich den Text damals für mich heute geschrieben. Ich will endlich werden, was ich immer geschrieben habe, was ich im Schreiben schon gewusst habe. Das ist ein spiritueller Vorgang, keine Frage.
Frage: Sind Sie ein spiritueller Mensch?
Antwort: Ich hatte es nie so mit der Kirche, aber sehr wohl mit Kirchenleuten, wenn sie spirituell waren. In der linken Szene hat mir das ungeheuren Ärger eingebracht; linke Positionen und Spiritualität, das ging damals überhaupt nicht. Mein wunderbarer Freund, der Physiker Hans-Peter Dürr, hat aber genauso wie ich zwischen Realität und Wirklichkeit unterschieden.
Frage: Da gibt es einen Unterschied?
Antwort: Wir wachsen in eine Realität hinein, von der andere behaupten, sie sei real. Was ich in der Poesie immer entdeckt habe, bei Rilke oder Mozart: Das ist die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat mit Liebe zu tun – und da muss ich den Buddhisten immer recht geben: Es geht darum, dass wir liebende Wesen sind. Das ist erstaunlicherweise in ganz frühen Texten von mir schon angeklungen, und jetzt versuche ich es noch mehr zu leben und zu werden.