Berlin Lieber Tom Buhrow, Sie wollen ARD und ZDF zerschlagen? Nur zu
Respekt. Tom Buhrow fordert nichts Geringeres als eine Revolution beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Jetzt muss der ARD-Vorsitzende nur den Mut aufbringen, sie auch zu starten.
Bei ARD und ZDF wird die Liste der Missstände seit vielen Jahren länger. Der Filz-Skandal um die als RBB-Chefin gefeuerte Patricia Schlesinger und der Verdacht der politischen Einflussnahme beim NDR sind nur die Spitze des Eisberges.
Alle Reformforderungen wurden bislang jedoch abgebügelt; Kritiker gerne in eine rechte Ecke gestellt. Dazu gab die ARD vor wenigen Jahren sogar ein Framing-Handbuch für viel Geld in Auftrag. Darin werden Gegner der Rundfunkgebühr als „demokratiefern“ und Privatfernsehsender als „medienkapitalistische Heuschrecken“ diskreditiert. Und wer die ARD „verkleinern“ möchte, wollte in Wirklichkeit „weniger Demokratie“. Dass nun ausgerechnet Buhrow laut über die Zerschlagung des bisherigen Systems nachdenkt, ist daher nicht frei von einer gewissen Ironie.
Der Top-Journalist betont zwar, dass er als Privatmann und nicht als ARD-Funktionär grundlegende Reformen des mit am teuersten öffentlich rechtlichen Rundfunks der Welt fordert, aber deshalb hat der WDR-Chef nicht weniger recht.
Es geht ja nicht nur um die Höhe der Pflichtabgabe, den Verdacht der Selbstbedienungsmentalität und um eine zu große Nähe zu Staatskanzleien. Der Verzicht der ARD auf Winnetou-Filmklassiker und das Pushen einer Gendersprache gegen den Widerstand einer großen Mehrheit der Bevölkerung sind Ausdruck einer wachsenden Entfremdung zwischen Sendeanstalten und Publikum. Es geht auch um Vertrauen, Meinungsvielfalt, Ausgewogenheit und Objektivität.
Zweifelsohne gibt es weiterhin eine große Anhängerschaft für Traumschiff, Tatort und Tagesschau. Das will auch Buhrow nicht abschaffen. Doch er fragt richtigerweise, ob es künftig nicht besser wäre, es gäbe eine große digitale Plattform anstelle der vielen Sendeanstalten mit ihren aufgeblähten Funktionärsapparaten und unzähligen Spartensendern. Nein, diese ARD mit ihren Landesfürsten zusätzlich zum ZDF braucht das Land nicht mehr.
Apple TV, Youtube, Netflix und andere Streaming-Anbieter sind dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Jahre voraus. Die Jugend sitzt längst nicht mehr bei ARD und ZDF. Statt sich dieser digitalen Herausforderung zu stellen, fluten die gebührenfinanzierten Sender das Internet mit presseähnlichen Inhalten. Dieses Angebot steht auch in Konkurrenz zu privaten und unabhängigen Qualitätsmedien, die sich refinanzieren müssen. Durch diesen unfairen Wettbewerb gerät der Meinungspluralismus zusätzlich unter Druck.
Über die Medienwelt der Zukunft muss daher geredet werden. Buhrows Vorschlag, dazu einen Runden Tisch einzurichten, der einen neuen Gesellschaftsvertrag ausarbeitet, sollten der Kanzler und die Länderchefs aufnehmen, schnell und ohne Tabus.