Hamburg Kontrollen in Schweineställen: Verstöße in jedem zweiten Stall
Wie hat das Schwein gelebt, bevor sein Fleisch auf unseren Tellern landet? Das ist in Deutschland sehr genau geregelt. Doch bei Schwerpunktkontrollen in Ställen haben Behörden viele Verstöße gegen genau diese Regeln entdeckt. Was haben die Amtstierärzte bemängelt?
Insgesamt sollen es Betriebe in einer mittleren dreistelligen Zahl gewesen sein, die allein in Niedersachsen überprüft worden sind. Zumindest heißt es das aus gut informierten Kreisen. Offiziell ist nur wenig zu erfahren zu den Schwerpunktkontrollen: Zwischen März 2021 und März 2022 rückten Amtstierärzte der Landkreise aus, um in Schweineställen nach dem Rechten zu sehen. Das Landwirtschaftsministerium hatte das per Erlass angewiesen.
Die Ergebnisse der landesweiten Überprüfung sind bislang unveröffentlicht. Auf Anfrage gibt sich die Behörde in Hannover bedeckt. Konkrete Zahlen und Details will man nicht herausgeben. Aber eine Sprecherin lässt durchschimmern, „dass insbesondere das Angebot von Beschäftigungsmaterial und der Umgang mit erkrankten und verletzten Schweinen in den Betrieben häufig ungenügend ist.”
Was das konkret heißt, zeigen Unterlagen, die unserer Redaktion vorliegen: In mehr als jedem zweiten überprüften Betrieb entdeckten die Amtstierärzte Verstöße gegen die sogenannte Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. In ihr wird bis auf den Zentimeter genau geregelt, wie Schweine gehalten werden müssen. Wer dagegen verstößt, riskiert ein Bußgeld oder mehr.
Jeder vierte festgestellte Verstoß bezog sich laut unveröffentlichter Unterlagen auf die Gesundheit und Fitness der Tiere. Aus informierten Kreisen heißt es, in einigen Ställen seien die Kontrolleure auf unzureichend versorgte kranke Schweine gestoßen.
Eigentlich müssen diese vom Rest der Tiere abgesondert und in sogenannten Krankenbuchten gehalten werden. Leiden die Tiere im Stall, droht den Bauern im Zweifelsfall nicht nur ein Bußgeld, sondern auch eine Anzeige. Seit Jahren ist bekannt, dass es in diesem Bereich Probleme in der Schweinehaltung gibt.
Häufigster Kritikpunkt der Amtstierärzte war indes unzureichendes Beschäftigungsmaterial im Stall. Es soll den Schweinen eigentlich ermöglichen, ihr natürliches Verhalten in der künstlichen Umgebung einigermaßen ausleben zu können.
Nicht nur das Ministerium in Hannover, auch die Landkreise reagieren auf Anfrage zurückhaltend. Die Schweinehaltung ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Mit gut acht Millionen Schweinen ist Niedersachsen bundesweit Spitzenreiter bei der Zahl gehaltener Tiere.
Aus der Grafschaft Bentheim im Westen Niedersachsens heißt es, man wolle der Zusammenstellung der Ergebnisse durch die Landesregierung nicht vorgreifen. Eine Sprecherin des Landkreises Emsland erklärt, eine Weitergabe der bisher ausgewerteten Daten sei nicht möglich, „da dies unter Umständen zu falschen Aussagen oder Bewertungen in der öffentlichen Diskussion führen kann.”
Der Landkreis Cloppenburg - etwa 1,8 Millionen Schweine - verwies auf Anfrage auf den Jahresbericht seiner Veterinärbehörde für das Jahr 2021. Demnach wurden im vergangenen Jahr 94 „Produktionsstätten” mit Schweinen kontrolliert und bei 52 davon Verstöße festgestellt. Details nennt der Bericht nicht. In einem Fall wurde allerdings ein Tierhaltungsverbot ausgesprochen.
Die Probleme indes beschränken sich offenkundig nicht nur auf Niedersachsen. Auch wenn die Quote der Verstöße gegen die Haltungsverordnung hier besonders hoch war. Aus Schleswig-Holstein heißt es, bei 55 kontrollierten Betrieben seien in elf Ställen Verstöße festgestellt worden. Sieben betrafen die Haltungsverordnung. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 26 von 96 Betrieben.
Von der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, kurz ISN, hieß es: Man nehme die Ergebnisse sehr ernst. Zumindest für die Probleme beim Beschäftigungsmaterial für die Schweine hat der Verband eine mögliche Erklärung: Es seien in der Zeit der Schwerpunktkontrollen neue verschärfte Vorgaben in Kraft getreten.
Was den Umgang mit kranken Schweinen angeht, hieß es von der ISN: Man müsse wohl konstatieren, dass es hier von Seiten der Tierhalter „offensichtlich weiterhin nachgearbeitet werden muss“. Dass es hier Probleme in Ställen gibt, ist schon länger bekannt. Die ISN verwies darauf: „Für jedes einzelne Tier müssen zum richtigen Zeitpunkt teils schwierige Einzelfallentscheidungen bis hin zur Nottötung getroffen werden. Das ist oftmals eine regelrechte Gratwanderung.“
Die behördlichen Feststellungen waren dabei sozusagen Beifang. Eigentlich sollten die Veterinärämter in Sachen Ringelschwanz nach dem Rechten schauen: Das markante Körperteil wird den meisten Schweinen nach der Geburt stark gekürzt. So soll verhindert werden, dass sich die Tiere später im Stall daran gegenseitig anfressen.
Die EU macht Druck auf Deutschland und andere Mitgliedsstaaten, weil die Praxis des Schwänzekürzens nicht erlaubt ist. Nur ausnahmsweise dürfen die Tiere derart manipuliert werden. Doch der Eingriff ist in der Praxis Routine.
Vor einigen Jahren wurde daher hierzulande der „Aktionsplan Kupierverzicht” aufgelegt. Er soll den Weg raus aus dem Schwänzekürzen aufzeigen. Bauern, die weiter Schweine ohne Ringelschwanz halten, müssen erklären, warum es nicht anders geht.
Genau diese Erklärungen hatten die Veterinäre im Zuge der Schwerpunktkontrollen vor Ort auf Stichhaltigkeit hin überprüft - und die viel grundlegenderen Probleme festgestellt.
Das Ministerium in Niedersachsen hat darauf mit einem neuerlichen Erlass reagiert: Die Landesregierung hat die Kreisbehörden angewiesen, im kommenden Jahr erneut schwerpunktmäßig Schweineställe zu kontrollieren.