Melle ARD-Kommentator Tom Bartels in Melle: WM in Katar ist „kompletter Schwachsinn“
Will er eigentlich aus einem Land wie Katar über die Fußball-Weltmeisterschaft berichten? Das hat ARD-Moderator Tom Bartels sich ernsthaft gefragt. Über seine Zweifel an einer WM im Wüstenstaat hat er in Melle offen berichtet.
Die Einleitung des Auftritts hatte Volksbank-Vorstand Thomas Ruff übernommen. Die Bank hatte den gebürtigen Meller Bartels zum dritten Mal für einen Vortrag in den Grönegau geholt. 2014 und 2018 jeweils zu den Weltmeisterschaften. Immer in der ersten Reihe dabei: Bartels Eltern. „Die sehe ich alle vier Jahre“, freute sich Ruff. Zwischenruf des Vaters: „Wir sehen den Thomas auch nur alle vier Jahre.“
„Zwischen Boykott und WM-Lust“ war Bartels‘ einstündige Rede überschrieben. Er habe sich durchaus gefragt, ob er dort eigentlich hinfahren wolle, gestand der ARD-Reporter, der in diesem Jahr sein drittes WM-Finale kommentieren wird. „Weiß ich genug über Katar, um das zu entscheiden?“, sei eine weitere wichtige Frage gewesen. Aber er berichte ja auch aus Ungarn, Polen oder der Türkei, „eigentlich müsste man sich jedes Land anschauen“, verdeutlichte er das grundlegende Dilemma: „Es gibt bald zwei Milliarden Muslime auf der Welt. Soll da nie eine WM stattfinden, weil die unseren Ansprüchen an Menschrechte nicht genügen?“
Dass tatsächlich im Wüstenstaat von der halben Größe Hessens eine Fußball-WM ausgetragen werden soll, habe er zunächst für einen Gag gehalten: „Das ist kompletter Schwachsinn. Keine Fußballkultur, keine Mannschaft, hohe Temperaturen, die Lage der Menschenrechte“ – all das mache die Entscheidung der Fifa für ihn „schwer nachvollziehbar“. Wie so etwas zustande kommt, da macht der einstige Spieler von Tura Melle sich aber keine Illusionen: „Ausschließlich Geld war der Faktor.“
Allerdings müsse man auch klar sehen, dass Katar massiv in Deutschland zum Beispiel in DAX-Unternehmen investiere: „Habeck will Gas von Katar. Und aus dem Iran, wo deutsche Firmen 30 Prozent aller Projekte verantworten. Das nehmen wir alles mit. Auch China. Aber das ist nicht ehrlich, das ist Doppelmoral.“
Und was die Toten auf Baustellen anbelange, so gebe es sehr stark abweichende Angaben. 6500 seien es gewesen, hat die britische Zeitung „The Guardian“ geschrieben. „[Fifa-Präsident] Infantino sagt drei, Katar sagt: knapp 40. Aber bei der WM 1990 in Italien sind auch mehr als 20 Menschen gestorben und in Südafrika [2010] war es ähnlich.“ Fakt sei jedenfalls: „Amnesty International kann nicht valide sage, ob Tausende gestorben sind.“
Und der „nächste Teil der Wahrheit“ sei, dass niemand von den (ausländischen) Arbeitern gezwungen werde, nach Katar zu gehen: „Außer von den Lebensumständen. Die stehen da Schlange. Auch das macht es nicht einfacher, ein WM-Endspiel zu kommentieren. Du kannst doch nicht in jedem Spiel darauf hinweisen: ,Da ist jemand gestorben.‘ Wir diskutieren das sehr intensiv in der Redaktion.“
Wichtig sei vor allem, dass „der Blick auf die Missstände“ auch nach dem WM-Finale am 18. Dezember 2022 auf das Land gerichtet werde, „und da bin ich mir nicht so sicher, ob das geschehen wird“. Und eins müsse man eben auch sagen. Nämlich, dass das Thema zwar hierzulande „wahnsinnig präsent“ sei, „aber nicht viele Länder schauen so genau hin“.
Bartels Fazit: „Sport und Politik sind nie getrennt, sind immer eins. Der Sport wird nicht alles verändern, aber er bewegt etwas.“ Als Beleg verwies er darauf, dass auf Baustellen zwischen 10 und 15.30 Uhr nicht mehr gearbeitet werde: „Und zwar auf sämtlichen Baustellen, nicht nur denen der WM.“ Aber klar sei eben auch: „Da sind Menschen gestorben und natürlich hätte die Fifa noch viel mehr verhindern können, wenn sie ihren Job ernst genommen hätte. Ich kann die Fifa schon lange nicht mehr ernst nehmen.“
Im Anschluss an den Vortrag entspann sich eine Fragerunde mit dem Publikum im Solarlux-Forum, geschätzt 100 Zuhörer, die teils zur (kritischen) Diskussion wurde. Als Bartels aber schließlich fragte, wer sich die WM wegen der Umstände nicht anschauen werde, ging nur eine Hand hoch. Die seines Vaters.