Osnabrück Nach Zeitfracht-Übernahme: Das hat sich bei Leysieffer in Osnabrück verändert
Nach der zweiten Insolvenz in drei Jahren hat im August das Unternehmen Zeitfracht den Osnabrücker Pralinenhersteller Leysieffer übernommen. Ein Gespräch mit Chef Wolfram Simon-Schröter über Schokolade, Filialen und Veränderungen.
Frage: Herr Simon-Schröter, sind Sie ein Schoko-Fan?
Antwort: Das sieht man doch ein bisschen, oder?
Frage: Was ist Ihr Favorit bei Leysieffer?
Antwort: So langweilig das klingt, es ist tatsächlich die Himmlische. Ich bin ganz klassisch ein Fan von Vollmilchschokolade. Da ich aus Hannover komme, bin ich aber auch etwas vorgeschädigt, denn die gab es bei meiner Großmutter. Das war bei uns immer was Besonderes, und es hieß: „Schön genießen, nicht schlingen.“ So handhabe ich es bei meinen Kindern auch.
Frage: Was hat Sie heute an dem Unternehmen gereizt?
Antwort: Leysieffer ist und bleibt eine starke Marke, für die die Kunden große Sympathien haben. Hinzu kommen tolle Mitarbeiter. Natürlich gehört zu einer Insolvenz immer eine Vorgeschichte, in diesem Fall sogar zwei. Aber wir sind überzeugt, dass die Mannschaft stimmt und die Marke gut ist. Und mit Blick auf unsere anderen Beteiligungen macht es Sinn, bestimmte Produkte von Leysieffer dort anbieten zu können – wie in den Adler-Cafés. Leysieffer ist ein kleines, aber feines Unternehmen. So etwas suchen wir, die Nische. Wenn man da einen guten Job macht, hat man als Unternehmen eine gute und stabile Zukunft. Allerdings muss man auch sagen: Kümmert man sich nicht, ist man schnell raus. Das hat man bei Leysieffer gesehen.
Frage: Sie haben den Unternehmenssitz nach Frankfurt gelegt, und Ihre Kollegin Maren Wolters ist jetzt alleinige Geschäftsführerin. Warum diese Schritte?
Antwort: Richtig, wir haben uns kurzfristig von Frau Winkler als Geschäftsführerin im allerbesten Einvernehmen getrennt. Auch andere Führungskräfte außerhalb der Produktion mussten gehen. Maren Wolters hat auch unsere Fluggesellschaft German Airways erfolgreich durch die Krise geführt, insofern ist diese Position genau der richtige Job für sie. Und es ist gut, wenn jemand branchenfremd reinkommt, und Dinge hinterfragt. Das fördert übrigens auch die Kreativität der Mannschaft, und man merkt vielleicht, dass manch ein Weg nicht der richtige war. Dass der juristische Sitz nach Frankfurt verlegt wurde, hängt damit zusammen, dass wir als neue Eigentümer eine gewisse Übersicht haben wollen, was für Post eingeht. Dann gibt es keine unangenehmen Überraschungen, und Probleme können nicht verdrängt werden.
Frage: Sehen Sie Leysieffer dennoch weiterhin als Osnabrücker Unternehmen?
Antwort: Ganz klar, Leysieffer wird immer mit Osnabrück verbunden sein. Wenn das Unternehmen wieder solide strukturiert ist, Maren Wolters sich zurückzieht und am besten jemand aus den eigenen Reihen mit lokaler Verbundenheit die Führung übernimmt, kann man den Sitz auch wieder nach Osnabrück zurückverlegen.
Frage: Sie haben im August das Ruder übernommen. Wo liegen die größten Herausforderungen?
Antwort: Leysieffer hat ganz klar ein Struktur- und Organisationsproblem. Da haben wir angesetzt – mit durchaus auch harten Einschnitten.
Frage: Zum Beispiel?
Antwort: Zum einen haben wir das Produktsortiment etwa um die Hälfte verkleinert. Ich bin mir sicher, der Kunde wird das gar nicht merken. Was es jetzt nicht mehr gibt, sind absolute Spezialprodukte mit ganz geringen Jahresumsätzen. Doch diese Dinge lenken am Ende von dem ab, was Leysieffer bekannt gemacht hat, nämlich die Himmlische und Schokolade. Darin sind wir gut, das können wir. Zum anderen haben wir Filialen geschlossen.
Frage: Welche sind das?
Antwort: Beispielsweise in Berlin am Ku’damm. Wenn die Miete höher ist als der Umsatz, kann das nicht funktionieren. Auch in Bremen und Hamburg ziehen wir uns Ende des Jahres aus den Centern zurück. Dort suchen wir aber alternative Standorte. Hannover, Sylt – dort wird im Winter umgebaut und modernisiert – und auch Osnabrück und Münster werden bleiben. Auf Sylt und in Osnabrück wird es auch in Kürze einen Werksverkauf geben. Ich rechne damit, dass am Ende sieben bis acht Filialen bleiben.
Frage: Wenn nicht über die Filialen, wie soll dann künftig die Praline an den Mann bzw. die Frau kommen?
Antwort: Der Online-Shop bleibt bestehen, und das läuft auch ganz gut. Hinzu kommt das Thema Fachhandel. Dort präsent zu sein, dahin geht der Trend. Das wird aber eher in der zweiten Jahreshälfte 2023 ein Thema werden.
Frage: Es war die zweite Insolvenz von Leysieffer innerhalb von drei Jahren...
Antwort: ... Wir hatten uns auch in der ersten Insolvenz um Leysieffer bemüht. Allerdings haben wir uns damals relativ schnell zurückgezogen, das Verfahren hat für uns so nicht gepasst. Man hätte viele Zöpfe abschneiden können und müssen. Das Strukturproblem hat der damals neue Eigentümer dann aber nicht angepackt. Und wenn man mitten in der Krise auch noch die Markenidentität umstellt, nur, weil sie nicht jung und hip ist, ist das schwierig. Man muss seine Zielgruppe kennen. Und das sind im Fall von Leysieffer vielleicht doch im Kern Kunden gesetzteren Alters.
Frage: Was heißt das für Sie und die Marke jetzt?
Antwort: Es geht in Teilen „back to the roots“. Wir versuchen das, was Leysieffer früher erfolgreich gemacht hat – die Schokolade und die Praline –, wieder mehr in den Fokus zu stellen. Den Schnickschnack drum herum – wie ein bundesweites Catering – lassen wir sein. Auch die Blechdosen wird es wieder geben. Es konnte mir keiner erklären, warum sie abgeschafft wurden. Das heißt nicht, dass sich nichts ändert. Die Filialen sollen etwas moderner werden. Aber das sind Kleinigkeiten. Es wird keinen großen Cut geben, das braucht die Marke nicht.
Frage: Dennoch braucht auch Leysieffer neue Kunden, um bestehen zu können...
Antwort: Ohne Frage. Wir wollen unter anderem das B2B-Geschäft forcieren und verstärkt Unternehmen individualisierte Pralinen und Schokolade anbieten. Jüngere Kunden versuchen wir über Social Media zu erreichen, dort sind wir mehr unterwegs als früher. Außerdem sponsern wir Laura Nolte, die jüngste Bob-Olympiasiegerin und Weltmeisterin, und im November hebt ein „Leysieffer-Flieger“ von German Airways ab. So soll die Marke noch bekannter werden.
Frage: Wann gehen Sie davon aus, dass Leysieffer wieder schwarze Zahlen schreibt?
Antwort: Damit rechnen wir schon Ende des Jahres. Durch die Insolvenz war es möglich, viele Altlasten hinter sich zu lassen. Nächstes Jahr sollte sich das dann nachhaltig über das gesamte Geschäftsjahr fortsetzen. Es ist aber auch eine Frage, wie gut man Kosten in den Griff bekommt. Ich bin sehr optimistisch, dass es für Leysieffer eine erfolgreiche Zukunft gibt.
Frage: Kosten, ob für Rohstoffe oder Energie, werden im aktuellen Umfeld jedoch nicht weniger. Wird es eine Preisanpassung geben?
Antwort: Die Anpassung hat es schon im Laufe des Jahres gegeben, kurz bevor Zeitfracht übernommen hat. Aktuell sehen wir die Produktpreise eher auf einem stabilen Niveau. Man muss immer bedenken: Schokolade ist ein Genussmittel. Niemand braucht sie. Von Schokolade wird man weder satt, noch wird einem warm – aber sie ist nett, macht glücklich und kann Frust verschieben, und das können wir alle in diesen Zeiten gut gebrauchen…