Flüchtlingshilfe in Wittmund Pensionierte Lehrer unterrichten Ukrainer
Vor zehn Jahren schieden Catharina Hinrichs-Blessmann und ihr Mann Bernd aus dem Schuldienst aus. Doch reisen, lesen und Gartenarbeit waren ihnen nicht genug. Sie engagieren sich für Kriegsflüchtlinge.
Wittmund - An kleinen Gruppentischen erarbeiten drei, vier Schüler die Lösung für eine Aufgabe in ihrem Schulbuch. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen stehen Grundlagen der deutschen Sprache. Die Schüler von Catharina Hinrichs-Blessmann und Bernd Blessmann sind keine Kinder, es sind gestandene Männer und Frauen im Alter von Mitte 20 bis Ende 40, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. Sie hatten den Mut, ihre Heimat zu verlassen und ins Ungewisse zu fliehen. „Was die Menschen erlebt haben, ist schrecklich. Das möchte keiner von uns erleben“, sagt Blessmann.
Der 74-Jährige unterrichtete früher Kinder und Jugendliche an der IGS Wilhelmshaven. Seine 73 Jahre alte Frau war Lehrerin an der Förderschule Wittmund. Vor zehn Jahren schieden sie aus dem Schuldienst aus. Die Hände in den Schoß zu legen aber ist nicht die Art des rührigen Paares: „Ich finde, das ist gar nicht so einfach, pensioniert zu werden“, erklärt die Wittmunderin. Nur reisen, lesen und im Garten arbeiten sei ihr auf Dauer nicht genug. „Man muss sich nützlich machen.“
„Nichts machen istkeine Alternative“
Hinrichs-Blessmann sieht das ganz pragmatisch: nicht meckern, sondern vor der eigenen Tür kehren. Mit der ersten Flüchtlingswelle begann das Paar, sich zu engagieren. „Nichts machen ist keine Alternative.“ Es betreute drei Jahre lang eine afghanische Familie.
Mittlerweile sind die pensionierten Lehrer wieder in ihrer Kernkompetenz, dem Unterrichten, gefordert. „Erwachsene zu unterrichten ist etwas ganz anderes. Aber wir bemühen uns, ihnen zu helfen, dass sie die Sprache verstehen und sich hier besser zurechtfinden“, fasst Bernd Blessmann zusammen. Eine glückliche Fügung aus Sicht von Gerda Freese. Ihr Ortsverband Wittmund der Johanniter-Unfall-Hilfe bietet in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Wittmund das Projekt „Deutsch lernen in Wittmund“ an. Seit sechs Jahren kooperieren Kreis und Hilfsorganisation schon in Flüchtlingsfragen, unter anderem bei diesem niedrigschwelligen Sprachkurs, der von den Johannitern finanziert wird. Zwischen zehn und 16 Teilnehmer lernen hier zweimal in der Woche zusammen. Mit jeder Unterrichtsstunde verändert die Klasse sich.
„Hier ist die Fluktuation relativ groß“
„Hier ist die Fluktuation relativ groß“, erläutert Blessmann. Menschen kommen und gehen, sie wechseln in andere Sprachkurse, ziehen aus Sammelunterkünften in Wohnungen im Kreisgebiet. Manche gingen auch zurück in ihr Heimatland. Der Kursus überbrückt eine Zeit zwischen dem Ankommen der Menschen in Wittmund und dem Beginn eines sogenannten Integrationskurses. „Sprache lernen ist der Schlüssel zur Integration“, erklärt Nadja Pfister aus der Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe der Kreisverwaltung. „Die meisten beherrschen die Sprache nicht.“ Fast jeder Neu-Wittmunder muss also einen Integrationskursus belegen. Die Anzahl der Plätze aber ist begrenzt. Aktuell kann es Monate dauern, bis Interessenten starten können.
Diese Zeit soll dennoch sinnvoll überbrückt werden. Derzeit sind es vor allem Ukrainer, die unter dem Dach der Johanniter die Schulbank drücken. Aber auch Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien oder anderen Nationen. Eines haben sie alle gemeinsam: Niemand kennt sich mit deutscher Bürokratie aus. Das Lehrerehepaar gehört zu den ersten Deutschen, mit denen viele ihrer Schüler in Kontakt kommen. Das macht sie nicht nur zu Dozenten, sondern auch zu Sozialarbeitern. „Es erfordert viel Spontanität“, beschreibt Bernd Blessmann, wie das Unterrichten von Flüchtlingen und seinen früheren Schülern sich unterscheidet.
Hilfe bei Jobcenter und Arzt
Er und seine Frau seien oft beim Ausfüllen von Anträgen des Jobcenters gefragt oder würden Arzttermine vereinbaren. Für sie gehört es irgendwie dazu. Ohne Deutschkenntnisse ist vieles schwer oder gar unmöglich. Und wen sollen die Leute denn fragen? Kontakte zu anderen Deutschen seien rar. „Es ist sehr schwierig, die Sprachbarriere auszuhalten“, weiß Catharina Hinrichs-Blessmann. Es isoliere Menschen.
Und auch für die Dozenten sei es nicht immer einfach, mit Geschichten von Krieg und Flucht, Verzweiflung und Sorge um Angehörige konfrontiert zu sein. „Man muss lernen, sich abzugrenzen“, weiß Gerda Freese. Ohne Ehrenamtliche wie Catharina Hinrichs-Blessmann und Bernd Blessmann liefe vieles in der Flüchtlingsarbeit nicht, weiß auch Pfister: „Man ist für die Menschen da. Das ist schon viel wert.“