Uschhorod  Ausgebombt: Drei ukrainische Mütter über Krieg, Kinder und letzte Träume

Michael Clasen
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Von Michael Clasen
| 27.10.2022 08:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Olga (40) mit ihrer Tochter Arina (6). Foto: Michael Clasen
Olga (40) mit ihrer Tochter Arina (6). Foto: Michael Clasen
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Sie sind ausgebombt, mittelos, alleinerziehend: In einer Flüchtlingsbaracke in Uschhorod versuchen ukrainische Mütter, ihre Kinder durch Putins Krieg zu bringen. Drei erzählen, wie hart der Kampf ums Überleben ist.

Vor dem Angriff Russlands am 24. Februar 2022 lebten rund 44 Millionen Menschen in der Ukraine. Bis Mitte Oktober 2022 waren laut Schätzungen des UN-Flüchtlingskommissariats rund 14,3 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Mehr als eine Million haben in Deutschland Unterschlupf gefunden. Es gibt aber auch Millionen von Ukrainern, die im Land Schutz suchen. In einem verfallenen Industriegebäude aus Sowjetzeiten in der Grenzstadt Uschhorod haben 14 Frauen und 17 Kinder aus dem Osten der Ukraine eine Zuflucht gefunden. Eine von ihnen ist Viktoria.

Die 39-jährige ist mit ihren zwei Töchtern Arina (9) und Darina (7) aus Sjewjerodonezk geflohen , nachdem ihre Wohnung im Osten in der umkämpften Region Luhansk zerbombt worden war. Eine ihrer Töchter leidet an Kinderlähmung und muss operiert werden. Die Mutter selbst hat mit Blutkrebs zu kämpfen. Früher hätte sie alles gehabt und sich keine finanziellen Sorgen machen müssen., sagt die Mutter. „Jetzt habe ich eigentlich keine großen Träume mehr. Ich wünsche mir nur, dass wir wieder eines Tages ein Zuhause haben werden.“

Nach Ausbruch des Krieges haben Privatleute aus Uschhorod das Flüchtlingsheim für Frauen mit Kindern aufgebaut. Freiwillige halfen beim Sanieren des ersten und dritten Stockes des Gebäudes. Der zweite befindet sich noch im Rohbau. Finanziert wird das Projekt allein von ukrainischen Spendern und ausländischen Hilfsorganisationen. Auch das Osnabrücker Kinderhilfswerk Terre des Hommes beteiligt sich. Marina Derevlyanka leitet das Projekt mit.

„Wir kriegen von der Stadt so gut wie nichts. Dennoch kommt der Bürgermeister gerne vorbei, um dann in der Öffentlichkeit damit zu prahlen, was der Staat alles für geflüchtete Frauen leistet“, erzählt eine Mitstreiterin von Derevlyanka. Ohne ausländische Spenden würden die Frauen wieder ein Dach über dem Kopf verlieren.

Ihr Zuhause hat Ljuba schon oft verloren. Als der Konflikt mit Russland 2014 erstmals militärisch eskalierte, verlor sie ihre Wohnung in der Kleinstadt Hirsken (vor dem Krieg rund 10 000 Einwohner) in der Oblast Luhansk. Bei dem Treffer wurde ihr Sohn Bohdan unter Schutt begraben. Erst nach zwei Stunden konnte er gerettet werden, erzählt die 44-Jährige.

Sie flohen nach Severiodonezk, bis der Krieg sie dieses Jahr wieder einholte und erneut vertrieb. Bohdan leidet seit der Rettung aus den Trümmern nach Angaben der Mutter unter einer Entwicklungsstörung. Hier bekommt er ärztliche Behandlung. Ljuba hat noch einen Sohn, Eugen. Der 25-Jährige kämpft als Soldat an der Front. Sie telefonieren regelmäßig. Wo er genau steckt, darf er aus Sicherheitsgründen nicht sagen.

Das gilt für alle Einheiten in der ukrainischen Armee. Sie mache sich große Sorgen und könne schlecht schlafen, erzählt Ljuba. Sie versucht sich abzulenken, beschäftigt sich mit ihrem Sohn Bohdan und freut sich über jede Ablenkung - so wie das gemeinsame Kochen der Frauen aus dem Flüchtlingsheim einmal die Woche, wenn sie Speisen für die verletzten Soldaten in den Krankenhäusern in der Umgebung machen.

Olga ist 40 Jahre, aus Charkiw und weitgehend mittelos. Ihre Eigentumswohnung wurde am 4. März zum größten Teil zerstört. Ihr Mann lebt mit dem gemeinsamen Sohn in der ostukrainischen Metropole nun in einer Mietwohnung.

Gemeinsam mit ihrer Tochter Arina (6) kam sie im Juni in die Flüchtlingsunterkunft in Uschhorod, weil sie sich in der Grenzstadt eine bessere Behandlung ihrer bösartigen Bluterkrankung erhoffte. Mittlerweile hat der Krebs auch die Leber befallen. „Ich weiß, dass ich nie wieder gesund werde“, sagt die 40-Jährige. „Mein größter Wunsch ist, ich möchte einfach sehen, wie mein Tochter groß wird.“

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