Gedenken am KZ Engerhafe  Erinnerung an Zwangsarbeiterinnen und Opfer der Nazis

Neelke Harms
|
Von Neelke Harms
| 23.10.2022 16:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
30 Kerzen wurden an den Gräbern abgestellt, und den Opfern mit eine Schweigeminute gedacht. Foto: Neelke Harms
30 Kerzen wurden an den Gräbern abgestellt, und den Opfern mit eine Schweigeminute gedacht. Foto: Neelke Harms
Artikel teilen:

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung ist am Sonnabend den Opfern des Nationalsozialismus in Engerhafe gedacht worden. Im Zentrum stand die Geschichte einer 19-jährigen Ukrainerin, die in Aurich umkam.

Südbrookmerland - Maria Slipschuk war 19 Jahre alt als sie als 1943 Zwangsarbeiterin in Westerende-Holzloog ums Leben kam. Von der Lebensgeschichte der jungen ukrainischen Frau berichtete Professorin Dr. Elizabeth Harvey aus Berlin am Sonnabend im Gulfhof Ihnen in Engerhafe. Dort fand die alljährliche Gedenkveranstaltung anlässlich der Errichtung des Konzentrationslagers Engerhafe statt. Am 22. Oktober 2022 jährte sich die Gründung zum 78. Mal. Im Zentrum der Veranstaltung stand in diesem Jahr die Geschichte von Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland.

Prof. Dr. Elizabeth Harvey aus Berlin am Sonnabend im Gulfhof Ihnen in Engerhafe. Foto: Neelke Harms
Prof. Dr. Elizabeth Harvey aus Berlin am Sonnabend im Gulfhof Ihnen in Engerhafe. Foto: Neelke Harms

Maria Slipschuk war eine dieser Frauen. Gemeinsam mit einem osteuropäischen Arbeiter fand man sie im August 1943 erbrechend in einem Heuhaufen. Doch für die 19-Jährige kam jede Hilfe zu spät. Am 24. Juli 1943 starb sie an einer Vergiftung. Gemeinsam mit dem Mann hatte sie Essigessenz getrunken. Ihr vermeintlicher Lebensgefährte, der eine Frau und Kinder hatte, überlebte. Ihm wurde nachgesagt, sie wegen einer ungewollten Schwangerschaft umbringen zu wollen. Der Mann wurde inhaftiert.

Osteuropäerinnen hatten für Nazis niedrigsten Wert

Schon einen Monat nach dem Tod der jungen Ukrainerin sind die Ermittlungen gegen ihn eingestellt worden. Er hatte ausgesagt, sie nur einige Tage gekannt zu haben und ein Verhältnis zu ihr verneint. Ob Maria Slipschuk selbst oder ihr vermeintlicher Partner die Essigessenz mitbrachte, konnte nicht endgültig geklärt werden.

Die 19-Jährige war nur eine von vielen Frauen, die zur Zeit der Nationalsozialismus als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland kamen. Vorrangig wurden die osteuropäischen Frauen in der Landwirtschaft eingesetzt. „Aus nationalsozialistischer Sicht mussten polnische und ukrainische Frauen nicht geschont werden“, so die Referentin. Denn in der „Rassenhierarchie“ der Nazis standen diese Länder ganz unten. Laut Harvey galten die Frauen als „gefügige Ausländerinnen“.

Schwangerschaftsabbrüche im fünften und sechsten Monat

Erwarteten die Zwangsarbeiterinnen ein Kind, wurden sie in ihr Heimatland zurückgeschickt – jedoch nur bis Januar 1943. Routinemäßig seien die Frauen zu Schwangerschaftsabbrüchen im fünften oder sechsten Monat gezwungen worden, berichtet die Referentin. Und wenn die Kinder tatsächlich auf die Welt kamen, wurde ein Großteil von ihnen in Kinderpflegestätten untergebracht, während die Mütter weiter arbeiteten. Dort sind die Säuglinge laut Harvey absichtlich unterernährt worden – es kam zum Massensterben der Kinder.

Auch wenn die Vernehmungen der Zeugen zum Todesfall Maria Slipschuk Aufschlüsse über die Beziehungen der osteuropäischen Frauen zu Deutschen und auch untereinander geben, ist Harvey sich sicher: „Dieses Thema verdient weitere Forschung.“

Kerzen für die Erinnerung

Im Anschluss an den Vortrag der Professorin verlagerte die Gedenkfeier sich in die Engerhafener Kirche. Konfirmanden verlasen die Namen der 188 im KZ Engerhafe ums Leben gekommenen Männer. Die Jugendlichen zündeten 29 Kerzen an - symbolisch für die 29 Tage, an denen in Engerhafe Menschen beerdigt werden mussten. Insgesamt hat das Außenlager 63 Tage existiert. Rund 2000 Gefangene sind in dieser von dort zur Zwangsarbeit an Panzergraben rings um Aurich getrieben worden.

Im Anschluss an den Vortrag der Professorin verlagerte die Gedenkfeier sich in die Engerhafener Kirche. Foto: Neelke Harms
Im Anschluss an den Vortrag der Professorin verlagerte die Gedenkfeier sich in die Engerhafener Kirche. Foto: Neelke Harms

„Gedenken fordert Gedanken und Gedanken fordern Handlungen“, sagte Pastorin Katharina Herresthal in ihrer Ansprache in der Kirche am Sonnabend und wies auf die Pflicht der heutigen Generation hin. Das Leid sei noch nicht zu Ende, betonte sie. „Unter Nazis haben Werte keinen Wert - früher nicht und heute auch nicht.“ Die Pastorin entzündete eine Kerze in Erinnerung an all die, die ungenannt blieben, die ihre Angst nie verloren und die, die sich noch fürchten müssen. Daraufhin wurden die 30 Kerzen an den Gräbern abgestellt und den Opfern mit eine Schweigeminute gedacht.

Auch in Aurich ist am Wochenende den Opfern des Konzentrationslagers gedacht worden. Am Sonntagvormittag ist dazu eingeladen worden, den Weg der Häftlinge vom Güterschuppen auf dem heutigen Gelände des Gymnasiums Ulricianum zum Panzergrabenmahnmal im Sandhorster Forst zu gehen.

Ähnliche Artikel