Lärmbelastung  Verzweifelte Anwohner am Norder Burggraben kämpfen für Ruhe

Rebecca Kresse
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Von Rebecca Kresse
| 23.10.2022 08:56 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Immer wieder führt die Polizei Geschwindigkeitsmessungen im Burggraben durch. Auch in dieser Woche wurde dort wieder geblitzt. Foto: Rebecca Kresse
Immer wieder führt die Polizei Geschwindigkeitsmessungen im Burggraben durch. Auch in dieser Woche wurde dort wieder geblitzt. Foto: Rebecca Kresse
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Seit Jahren setzen sich die Anwohner am Burggraben für eine generelle Temporeduzierung vor ihren Haustüren ein. Der zunehmende Lärm durch Autos und Lastwagen lässt sie schier verzweifeln.

Norden - Die Anwohner im Norder Burggraben sind verzweifelt – im Kampf gegen Lärmbelästigung durch Autos und Lastwagen gibt es kaum einen Weg, den sie bisher nicht gegangen sind. Sie haben sich an die Politik, die Verwaltung, an den Kreis, an die Polizei gewandt. Doch trotz ihrer Initiativen laufen sie gefühlt immer wieder vor eine Wand. Eine Besserung ihrer Situation ist nicht in Sicht. Einige Nachbarn haben mittlerweile aufgegeben und sind weggezogen. Wer nicht aufgibt, ist Guido Castor. Mit vielen Nachbarn ist er in einer Interessengemeinschaft organisiert. Was sich Castor und seine Mitstreiter wünschen, ist eine dauerhafte Tempo-30-Zone im Burggraben und ein Durchfahrverbot für Lastwagen – damit alle wieder in Ruhe schlafen können.

Das Problem bisher: Wenn Autos sich im Burggraben nachts Rennen liefern, wenn hochmotorisierte Fahrzeuge zu schnell und zu laut nur wenige Meter von der Hauswand vorbeidonnern, wenn besonders witzige Verkehrsteilnehmer bewusst vor den Häusern im Burggraben hupen, weil die Anwohner sich öffentlich gegen die Lärmbelästigung ausgesprochen haben, bringt das viele Anwohner regelmäßig um den Schlaf. Was zunächst nach einer Kleinigkeit klingt, hat sogar schon zum Jobverlust bei Anwohnern geführt, weil der Job bei dauerhaftem Schlafdefizit nicht mehr möglich war. Obwohl bei einigen Anwohnern die Angst groß ist, durch noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem, die Gegenwehr von aberwitzigen Autofahrern noch weiter herauszufordern, kämpfen sie weiter. Immer wieder sind Anwohner des Burggrabens im zuständigen städtischen Verkehrsausschuss, machen auf ihre Situation aufmerksam und fordern Antworten auf Anfragen, die sie der Politik und der Verwaltung zugesendet haben.

Lärmbelastung fängt um 4 Uhr morgens an

„Die Lärmbelastung durch die LKW fängt schon morgens um 4 Uhr an“, sagt Guido Castor. Dabei führen viele der Lastwagen nach Norddeich, könnten also die Umgehungsstraße nutzen. Weil sie dort aber Maut bezahlen müssten, nutzen sie stattdessen den Burggraben, so Castors Vermutung. Er ist davon überzeugt: „Nur ein generelles Durchfahrverbot für LKW mit Sondergenehmigungen für Lieferanten würde dieses Problem letztlich lösen.“ Aber auch die nächtlichen Raser müssten nach Ansicht der Anwohner stärker überprüft werden. Unserer Zeitung liegt ein Video mit einem nächtlichen Autorennen im Burggraben vor, inklusive Hupen auf Höhe der Wohnhäuser, riskantem Überholmanöver und einer deutlich sichtbar überhöhten Geschwindigkeit. Das sei kein Einzelfall, sagte Guido Castor.

Die Polizei schätzt die Gefahrenlage anders ein. Auf den Burggraben angesprochen sagte Polizeisprecherin Wiebke Baden Anfang des Jahres, es gebe am Burggraben keine besondere Unfalllage und auch keine Hinweise, dass es dort mit Blick auf Raser oder zum Teil sehr engen Gehwegen gefährlicher sei als früher. Was für Stadt und Polizei gegen eine generelle Temporeduzierung und ein Durchfahrverbot für LKW spricht, ist, dass der Burggraben eine städtische Hauptverkehrsachse mit bis zu 11 .000 Fahrzeugen pro Stunde ist. Auch überschreiten die vor Ort gemessenen Dezibelwerte, generell nicht die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte, heißt es in einem Schreiben der Stadt an Castor. Was nachgewiesen ist: Es gibt am Burggraben zum Teil erhebliche Geschwindigkeitsübertretungen. Laut Auswertung einer Messung durch den Norder Fachdienst Umwelt und Verkehr (liegt unserer Zeitung vor), ist ein Verkehrsteilnehmer sogar mit 127 Stundekilometern statt der erlaubten 50 Kilometer pro Stunde gemessen worden.

Anwohner hoffen auf Initiative des Deutschen Städtetages

Guido Castor hat sich mittlerweile tief in die Materie eingearbeitet, kennt Urteile in ähnlich gelagerten Fällen, hat einen Rechtsbeistand, stellt Anträge mit Bezug auf die „unzureichenden Maßnahmen“ der Stadt Norden zur Lärmminderung. Der Wunsch von Castor und seinen Mitstreitern bleibt eine dauerhafte Tempo-30-Zone am Burggraben. Die nächtliche Geschwindigkeitsreduzierung habe nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Offiziellen Berechnungen nach sollte der Geräuschpegel in einer 30er-Zone nachts bei rund 52 Dezibel liegen – ein Wert, der durch die Schnellfahrer aber nach Schätzungen von Castor weit überschritten wird. Dass der Burggraben eine wichtige Achse des Norder Verkehrs ist, bestreitet er nicht, aber: „Im August 2021 wurden hier 11.000 Autos am Tag gezählt“, sagte Castor. Da habe es geheißen, das sei der Urlaubsverkehr. Im Februar dieses Jahres wurden trotzdem noch 9000 pro Tag gemessen. „Die Stadt muss bei diesen Mengen rechtlich eigentlich einen Lärmschutzplan erstellen“, so Castor. Aus seiner Sicht kommen die teils engen Bürgersteige noch als Sicherheitsrisiko obendrauf.

Der Fachdienst Umwelt und Verkehr der Stadt Norden sieht sich aber in seinen Möglichkeiten beschränkt, weil dieser nur die Regelungen der Verkehrsbehörde ausführe, sagte dazu Fachdienstleiter Bernd Kumstel. Eine dauerhafte Tempo-30-Zone schloss er bereits im Frühjahr aus.

Guido Castor setzt seine Hoffnungen nun unter anderem in den Deutschen Städtetag und die dessen Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten – eine neue kommunale Initiative für stadtverträglicheren Verkehr“. Die Initiative bekennt sich zur Mobilitätswende und fordert den Bund auf, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kommunen Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit innerorts anordnen können, wo sie es für notwendig halten. Ob und wann es dazu kommt, ist allerdings offen. Für die Anwohner am Norder Burggraben geht die Lärmbelastung also weiter.

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