Kitas fehlen Fachkräfte Bei Auricher Eltern steigt der Frust
Laut Stadtelternrat fehlt es in nahezu jeder Kindertagesstätte an Erziehern. Und der Vorsitzende blickt aus einigen Gründen besorgt in die Zukunft.
Aurich - Tausende Erzieher fehlen laut einer Bertelsmann-Studie derzeit in Kindertagesstätten in Niedersachsen. Auch in Aurich sieht es schlecht aus. „Die Kitas sind eigentlich nie voll besetzt“, sagt der Vorsitzende des Auricher Elternrates, Geerd Smidt. Bei den Eltern steigt der Frust. Und Smidt blickt besorgt in die Zukunft.
In der Auricher Kita Upstalsboom fehlen laut der Internetseite der Einrichtung derzeit fünf Fachkräfte. Und das, trotz mehrfacher Stellenausschreibungen. Der Vorsitzende des Elternrates ist in der Einrichtung im Vorstand und selbst Vater. Gründe für das fehlende Personal sind laut Smidt Krankheit, Schwangerschaft oder wechselnde Jobs. Die Konsequenz: Die Kitas müssen sich auf Kernzeiten beschränken und früher schließen. Eltern müssen dann für die Nachmittagsbetreuung aufkommen. „Es wird tagtäglich neu organisiert“, sagt Smidt. Wenn beide Elternteile vollzeitbeschäftigt seien, sei das kaum umsetzbar. Dann seien Nachbarn, Freunde und Großeltern gefragt.
Qualität der Betreuung leidet zunehmend
Das Problem: Ersatz zu finden, wenn eine Fachkraft ausfällt, ist laut Smidt schwer. Denn viel Nachwuchs gibt es in dem Bereich nicht. Zu schlecht sind die Einstiegsgehälter und Ausbildungsbedingungen. Und hinzu kommt der demografische Wandel. Dass immer weniger Fachkräfte dazukommen und immer mehr ausfallen, bedeute eine hohe Arbeitsbelastung für die übrigen Erzieher. „Die Qualität der Betreuung wird leiden“, sagt Smidt. Denn eine Chance auf Fortbildung hätten die Fachkräfte, wenn es so weiter gehe, kaum. Stressfreie Phasen gebe es dann nicht mehr – und das ziehe wiederum einen Rattenschwanz der Erkrankungen hinter sich her, so Smidt. Er fürchtet einen Teufelskreislauf. Und das nicht nur unter den Erziehern.
Wenn immer weniger Einrichtungen Ganztagsbetreuung anbieten könnten, würden auch immer weniger Eltern in Vollzeit arbeiten können, da sie sich um ihre Kinder kümmern müssten, sagt der Vorsitzende des Auricher Elternrates. Gerade mit Blick auf die derzeitigen Preissteigerungen könne das für die Familien auch eine finanzielle Gefahr bedeuten. „Alle sind nur noch in einem komischen Notfallmodus“, sagt er.
Hoffnungsvolles Warten auf Besserung
Bei den Eltern steige nun zunehmend der Frust, sagt Smidt. Denn eigentlich sollte die Qualität der Kindertagesstätten und der Betreuung zunehmen. Dazu hatte es im Frühjahr dieses Jahres Gespräche mit der Politik gegeben. Das Ziel war es, weniger Kinder pro Erzieher betreuen zu müssen. Doch ob und wann das Vorhaben greift, kann Smidt noch nicht abschätzen. „Es bleibt uns nur noch zu hoffen, dass die neue Landesregierung bald den Kita-Wumms rausholt“, sagt er mit Blick auf das von Bundeskanzler Olaf Scholz als „Doppelwumms“ bezeichnete Energiepreishilfspaket.
Die Kritik von Smidt beschränkt sich dabei auf Landes- und Bundesebene. In der Stadt Aurich werde schon einiges getan. Auch er habe Verständnis dafür, dass finanzielle Mittel nicht endlos sind. Aber: „Wir Eltern wollen natürlich immer das Beste und davon genug“, sagt Smidt. Das Land sei nun in der Pflicht, die Kommunen zu unterstützen.
Tageseltern springen teilweise ein
Dass es an Ganztagsbetreuungsplätzen fehlt, merkt auch Tagesmutter Kerstin Janssen aus Krummhörn. Sie ist die Vorsitzende der Berufsvereinigung für Kindertagespflegepersonen Aurich. Eigentlich überschneiden sich die Aufgabenbereiche von Kindergärten und Tageseltern nicht, sagt sie. Denn bei ihr werden für gewöhnlich nur Kinder im Alter von null bis drei Jahren betreut. Doch in diesem Jahr hat sie auch ein älteres Kind da. Denn die Eltern fanden keinen Kindergartenplatz. Dass das Kind nun bei Kerstin Janssen betreut wird, ist eine absolute Ausnahme. Und dabei soll es auch bleiben. „Der Spagat wäre mir zu groß. Man kann nicht allen gleichzeitig gerecht werden“, sagt sie.
Hinzu kommt, dass die Tagesmutter, wenn die jüngeren Kinder vom Vormittag wieder weg sind, Ältere vom Kindergarten abholt. Das Problem: Die vollzeitbeschäftigten Eltern finden keine Ganztagsbetreuung für ihre Kinder.
Fachkräftemangel ist kein neues Problem
Den Fachkräftemangel in Kindergärten hat Kerstin Janssen auch schon bei ihren eigenen Kindern zu spüren bekommen. Als ihr Jüngstes im vergangenen Jahr noch dort betreut wurde, sei die Einrichtung wegen Personalmangels oftmals geschlossen gewesen. „Ich bin als einzelne Person verlässlicher als ein Kindergarten“, sagt die Tagesmutter. Denn für sie gibt es keine Urlaubs- oder Krankheitsvertretung.
Dass der Fachkräftemangel in Kindertagesstätten nicht erst seit gestern ein Problem ist, ist auch dem Landkreis Aurich bewusst. Schon vor rund einem Monat teilte dieser auf ON-Anfrage mit: „Wir überlegen sehr intensiv, welche Möglichkeiten wir haben, dem entgegenzuwirken.“