Bremen  Frieden für die Welt: Warum Konstantin Wecker die Utopie nicht aufgeben will

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 21.10.2022 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Feiert seinen 75. Geburtstag auf der Bühne: Konstantin Wecker, Poet, Komponist, Anarchist. Foto: Thomas Karsten
Feiert seinen 75. Geburtstag auf der Bühne: Konstantin Wecker, Poet, Komponist, Anarchist. Foto: Thomas Karsten
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In diesem Jahr ist Konstantin Wecker 75 Jahre alt geworden. Dafür hat er sich selbst eine ausgedehnte Tour geschenkt – diesen Donnerstag hat er in der Bremer Glocke gastiert.

Klar schockt es Konstantin Wecker, wenn ein Flüchtlingsheim brennt, so wie diesen Donnerstag in Groß Strömkendorf bei Wismar. Aber der Schock bezieht sich nicht allein auf dieses einzelne Verbrechen. Vielmehr erkennt er ein Phänomen: „Ich bin nicht nur verwirrt, sondern erschüttert über unsere ganze gesellschaftliche Situation“, sagt Wecker vor seinem Konzert in Bremen unserer Redaktion. „Werte, die die Friedensbewegung in den letzten Jahrzehnten in die Welt getragen hat, sind innerhalb von ein paar Monaten fast wieder verschwunden: die Idee der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, von Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe.“ Und dann schlägt er die Brücke zu seiner Kunst: „Vor allem aber ist unsere Utopie von Frieden, die wir in der Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg entwickelt haben, in den Medien nicht mehr im Gespräch. Das erschüttert mich.“

Utopie: Das ist das Thema seines aktuellen Albums, und vielleicht wird das immer wichtiger im Leben das Poeten, Sängers, des Künstlers und des politischen Menschen. 75 Jahre alt ist er in diesem Jahr geworden, und sein Geschenk an sich selbst ist eine ausgedehnte Tournee.

75 Lebensjahre, das bedeutet gleichzeitig ein halbes Jahrhundert Bühnenlaufbahn. Da darf man mal zurückblicken auf schier unzählige Gedichte und Lieder, auf ein Leben voller Erfolge und Tiefschläge und auf ein Leben mit klarer Haltung. Wecker bekennt sich zum Traum von der herrschaftsfreien Gesellschaft, zum bedingungslosen Pazifismus. Und zur Liebe.

Deshalb bleibt die reale Welt auch zunächst mal außen vor beim Konzert in der Bremer Glocke. Viel grundsätzlicher beginnt der Abend mit einem Lied über die Kunst an sich: „Ich singe, weil ich ein Lied hab“. Es geht da ums Künstlerdasein, um Scheitern und vordergründigen Erfolg. Vor allem aber geht es um die Kunst, die nur ihrem eigenen Anspruch folgt.

Wecker lächelt und lacht viel, erzählt Anekdoten aus seinem Leben, streift die persönlichen Katastrophen und freut sich an den großen und kleinen Bestätigungen, die er erfahren hat. Er erzählt davon mit einer gesunden Mischung aus Selbstbewusstsein und Demut: Nicht er schafft die Kunst, sondern die Kunst kommt zu ihm, findet durch ihn in die Welt. Wecker, das Medium.

Drei Stunden nimmt er sich Zeit für sich, sein Werk und sein Publikum. Klar merkt man dabei, dass er keine dreißig mehr ist. Raureif liegt manchmal über der Stimme, doch die Intensität, mit der er seine Lieder singt, ist die gleiche wie früher. Auch die Fülle seiner Stimme ist immer noch da - er kann nur nicht mehr ganz so verschwenderisch damit umgehen wie in jüngeren Jahren.

Verzaubern kann er trotzdem immer noch und seine Wut heraussingen ebenfalls - in intimen Liedern oder in großen Epen, denen man Weckers Hang zum Großformat ebenso anhört wie seine Liebe zur Oper und zur klassischen Musik ganz generell. Dafür hat er eine kleine, aber sehr feine Band mit Fany Kammerlander am Cello, Jürgen Spitschka bedient vom Vibraphon bis zum Drumset alles, was sich mit Schlegeln bedienen lässt, Norbert Nagel ist ein wunderbarer Saxofonist und Jo Barnikel ist der langjährige musikalische Mastermind an den Tasten. Herz und Kopf des ganzen ist aber ohne Zweifel Konstantin Wecker mit seiner Stimme, seinem Klavierspiel und seiner facettenreichen Poesie.

Lieder und Gedichte wechseln sich ab, und klar geht es dabei um seinen Pazifismus, er appelliert an den Mut zum freien Geist, er träumt vom herrschaftsfreien Welt im Land Utopia. In „Schäm Dich, Europa“ kommt der wütende Wecker zum Vorschein, in „Sage nein“ der politische Kämpfer. Weckers Utopie braucht aber, und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft des Abends, vor allem - Liebe. Ob das Publikum in der nahezu ausverkauften Glocke bereit ist, ihm da bedingungslos zu folgen? Begeistern lässt es sich aber jedenfalls schon für die Ideen, für die Poesie, für die Musik.

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