Legalisierung von Cannabis  Auricher Drobs-Leiter kritisiert Vorschlag

Neelke Harms
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Von Neelke Harms
| 21.10.2022 13:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Verkauf und Besitz von bis zu 20 Gramm Cannabis soll legalisiert werden. Foto: DPA
Der Verkauf und Besitz von bis zu 20 Gramm Cannabis soll legalisiert werden. Foto: DPA
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Das Eckpunktepapier zum freien Verkauf von Marihuana ist laut Michael Frantz-Wielstra viel zu grob gefasst. Für den Leiter der Auricher Drogenberatungsstelle gibt es einige problematische Ansätze.

Aurich - Straffrei soll man zukünftig bis zu 20 Gramm Cannabis in Deutschland kaufen oder besitzen dürfen. Der Leiter der Auricher Drogenberatungsstelle (Drobs), Michael Frantz-Wielstra, hält das Eckpunktepapier dazu für viel zu grob gefasst..

Michael Frantz-Wielstra, Leiter der Drobs in Aurich. Foto: Franziska Otto
Michael Frantz-Wielstra, Leiter der Drobs in Aurich. Foto: Franziska Otto

„Der Teufel steckt im Detail“, sagt der Suchtberater. Schon an der vorgeschlagenen Menge stört er sich. Von den ON befragte Passanten in der Auricher Innenstadt waren sich am Mittwoch einig: 20 Gramm sind zu viel. So einfach ist es für Frantz-Wielstra nicht. Er findet, dass es auf die Konzentration ankommt. Deshalb solle man eher auf den THC-Gehalt als auf das Gewicht achten. Denn THC ist der Wirkstoff im Cannabis, der den Rausch erst hervorruft. Nur auf die Menge zu achten sei, als würde man sagen, mit 16 Jahren dürfe man zwei Flaschen Alkohol und mit 18 Jahren vier kaufen

Altersfreigabe ist ein Problem

Die Altersfreigabe ist ein weiterer großer Kritikpunkt des Aurichers. Er findet, man sollte die Droge erst ab 21 Jahren und nicht ab 18 Jahren freigeben. Denn es sei erwiesen, dass der Konsum in jüngeren Jahren Auswirkungen auf das Gehirn hat. Geplant sind laut Eckpunktepapier Abstufungen des THC-Gehaltes nach Altersklassen. Doch Frantz-Wielstra ist sich sicher, dass das kaum einen Effekt hätte. Denn wenn man etwas Höherdosiertes haben wolle, würde man halt Ältere vorschicken.

Eine weitere Frage, die es laut dem Leiter der Drobs zu klären gilt, ist die nach den Kosten. Denn: „Warum sollte ich mir geprüftes Gras kaufen, wenn es auf der Straße billiger ist?“, sagt er. Wer schon über Jahre konsumiere, habe den Verkäufer seines Vertrauens und würde nicht umsteigen.

Gleiches Suchtpotenzial wie bei Alkohol

Doch so vertrauenswürdig die Dealer auf manche Konsumenten auch scheinen mögen, bergen sie laut Frantz-Wielstra vor allem eine große Gefahr: Wo es auf der Straße Marihuana gibt, sind härtere Substanzen, wie Heroin, häufig nicht weit entfernt. Der Suchtberater erinnert sich an einen Klienten, der ihm davon berichtete, sein Dealer habe ihm Heroin zum Rauchen angeboten, weil seine Cannabisvorräte ausgeschöpft waren. Frantz-Wielstra hofft, dass diese Kette durch eine Legalisierung etwas auseinandergezogen werde. Denn der Konsum von Cannabis sei mit dem anderer Drogen nicht gleichzusetzen. „Man kann den Genuss von Cannabis lernen“, sagt Frantz-Wielstra. Das Suchtpotenzial sei gleichrangig mit dem von Alkohol – und auch da gebe es Leute, die in die Abhängigkeit verfallen.

Marihuana ist für den Drobs-Leiter keine Einstiegsdroge. Sie könnte zwar zum Einstieg in illegale Kreise führen – meist liege das Problem jedoch im sozialen Umfeld oder der Familie, wenn Personen bereits zu härteren Drogen greifen.

Entfernung spielt bei Sucht keine Rolle

Der Drobs-Leiter hat eine weitere Hoffnung: Mit einer Legalisierung könnte das „Abenteuer“ wegfallen. Er spricht aus eigener Erfahrung. In seiner Jugend habe auch er Marihuana konsumiert – und sich dadurch erhöht gefühlt, sagt er. Wer trank, war für den heutigen Suchtberater ein Proll, er selbst etwas Besseres. Denn was er tat, war illegal.

Davon, dass die sogenannten Coffee-Shops, also die Cannabisgeschäfte, nicht in der Nähe von Schulen eröffnen sollen, erhofft Frantz-Wielstra sich keinen positiven Effekt. Im Gegenteil: Wenn die Läden in der Nähe von Schulen seien, sei es für junge Erwachsene eher abschreckend, dort zu kaufen, weil sie gesehen werden könnten, sagt er. Und: „Wenn es einem dreckig geht, nimmt man jeden Weg auf sich“, sagt er. Ob der Coffee-Shop ein paar Kilometer entfernt liege, spiele für Abhängige keine Rolle. Für einen seiner früheren Klienten sei es schwer gewesen, die rund 30 Kilometer zur Therapie auf sich zu nehmen. Wenn er jedoch von einem guten Heroindeal in Bremen hörte, sei das kein Problem gewesen – und das selbst von Ostfriesland aus mit dem Fahrrad.

Auch wenn er noch einige Kritikpunkte an dem Eckpunktepapier hat – es sei gut, dass die Diskussion um die Cannabislegalisierung dadurch noch einmal aufkomme, so Frantz-Wielstra. Denn das sei längst überfällig.

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