Butscha  Bilder und Videos: Wie die mutige Marina die Hölle von Butscha überlebte

Michael Clasen
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Von Michael Clasen
| 20.10.2022 18:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Blieb in Butscha: Marina Nikolajchuk gab in ihrem Café und kleinen Kiosk im Keller Unterschlupf für Dutzende Menschen. Foto: Michael Clasen
Blieb in Butscha: Marina Nikolajchuk gab in ihrem Café und kleinen Kiosk im Keller Unterschlupf für Dutzende Menschen. Foto: Michael Clasen
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Butscha ist weltweit zum Symbol russischer Gräueltaten geworden. Im Internet kursieren Fake-Nachrichten, wonach alles inszeniert worden sei. Was Überlebende wie Marina Nikolajchuk dazu sagen. Ein Ortsbesuch.

Zerstörte Fabrikhallen und Einkaufszentren, beschädigte Häuser und Ruinen wechseln sich auf dem Weg von Kiew nach Butscha mit intakten Einfamilienhäusern und Wohnblöcke ab.

Die heilen Gebäude in Butscha erinnern daran, dass dies einmal eine ganz normale Kleinstadt war. Am 24. Februar 2022, dem Beginn des Überfalls der russischen Armee, änderte sich die Welt. Für die 30.000 Einwohner auch. Ab jetzt ging es für sie um Leben und Tod.

Fast alle Menschen flohen. Marina Nikolajchuk und schätzungsweise rund 3000 andere Menschen blieben. Butscha wurde zur Frontstadt – und zu einem Ort schlimmster Kriegsverbrechen.

„Das ist mein Land, das ist meine Stadt, das ist mein Café, das alles wollte ich nicht verlassen“, sagt die 40-jährige. „Ich sagte zu meinem Barista: Komm, wir machen jetzt für alle Kaffee.“ Auf ihrem Smartphone zeigt sie Bilder, wie dutzende Männer, Frauen und Kinder in ihrem Café Komopa in der Zeit der Besatzung Schutz finden.

„Wir haben täglich mitbekommen, dass Menschen getötet wurden“, sagt sie. Dann zeigt sie zur orthodoxen Kirche. Da seien viele Tote in einem Massengrab verscharrt worden.

Heute steht dort eine kleine Gedenkstätte. Unbekannte haben dort Blumen niedergelegt und kleine Stofftiere drapiert, mit denen sonst kleine Kinder gerne kuscheln und spielen.

Moskau hat immer bestritten, dass es in Butscha oder in anderen Orten in der Ukraine zu russischen Kriegsverbechen gekommen ist. Präsident Wladimir Putin zeichnete sogar eine Einheit aus, die in der Kleinstadt vor den Toren Kiews stationiert war. Im Internet finden sich immer noch Beiträge, die den ukrainischen Behörden eine Initiierung vorwerfen. Es sind Fake News.

Selten wurde ein Kriegsverbrechen so intensiv untersucht wie dieses. Bis sich die Russen bei der Schlacht um Kiew zurückziehen mussten, hatten sie Butscha mehr als vier Wochen unter ihrer Kontrolle. Der Internationale Strafgerichtshof entsendete ein großes Ermittlerteam, die ukrainische Polizei, Staatsanwaltschaft und Geheimdienst ohnehin.

Ausländische Experten unterstützten sie dabei. Die „New York Times“ konnte durch das Auswerten von Satellitenbilder klarstellen, dass tatsächlich Leichen Tage und Wochen mit verbundenen Händen in den Straßen von Butscha lagen. Kreml-treue Propagandisten verbreiten immer noch die Fake-News, dass die Ukrainer die Leichen dorthin gelegt hätten, um nach dem Abzug der Russen ein „Massaker zu inszenieren, um Moskau international weiter zu isolieren.“

Die Bilanz der Ermittler: 458 Leichen wurden auf den Straßen, in Brunnen und Wäldern gefunden. 419 trugen dabei Anzeichen, dass sie erschossen, gefoltert oder zu Tode misshandelt worden waren. Rund 50 Leichen konnten nicht mehr identifiziert werden. Die meisten waren Zivilisten, neun von ihnen waren Kinder unter 18 Jahren. Es gibt auch zahlreiche Aufnahmen von Überwachungskameras, die etwa zeigen, wie russische Soldaten nur aus Spaß auf zivile Autos schossen. Und es gibt auch ein Foto, das Dimitri Gapchenko von einer Leiche selbst gemacht hat, dessen Hände hinter dem Rücken zusammengebunden waren.

Gapchenko harrte vom ersten bis zum letzten Tag der Besatzung in einem Kellerversteck aus. Rund 40 Leute hausten in den Räumen. Seine Frau und seine beiden Kindern brachten sich nach zwei Wochen in Sicherheit. Gapchenko blieb. Er arbeitet für die Stadtverwaltung und hielt den Kontakt zur Außenwelt. Er organisierte Essen und Medikamente. Er selbst wurde von den Russen für 24 Stunden in Gewahrsam genommen. „Sie kontrollierten mein Handy. Hätte ich Fotos von ihnen darauf gehabt, hätten sie mich wohl getötet.“

Einige Kilometer weiter hängen jetzt von den Opfern einer Hinrichtung Bilder an der Wand. Eine Überwachungskamera filmte, wie die Männer abgeführt werden.

Sie wurden dann hinter einer Hausecke hingerichtet. Einschusslöcher sind auf den Stufen noch zu sehen.

Der Krieg in den Straßen von Butscha ist erst einmal vorbei, doch der Frieden ist noch nicht gewonnen. Luftalarm gibt es seit zwei Wochen auch immer wieder in der Kiewer Vorstadt. Irgendwo sind auch Luftabwehrsysteme stationiert, dessen Abwehrfeuer aus der Ferne wie Schüsse aus einer Maschinenpistole klingen. Dann müssen alle Geschäfte schließen.

So auch das heil gebliebene Shoppingcenter von Butscha, das direkt neben einem völlig zerstörten steht. Nur Marina Nikolajchuk schenkt in ihrem Keller weiter Kaffee aus.

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